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Kultur-Podcast«Zwischen erstaunlich gut und ausserordentlich blöd»

Im Millennial-Roman «Allegro Pastell» geht es um Sex, Badminton, Fastfood und Rauschzustände. Unsere beiden Kultur-Redaktorinnen sind sich bei der Beurteilung nicht ganz einig.

Leif Randt gibt in seinem Roman «Allegro Pastell» das Lebensgefühl seiner Generation so treffend wieder, dass das Buch als neuer Generationenroman der Millennials gepriesen wird, an dem laut der «Zeit» niemand vorbeikommt, der ebenfalls etwas zur Befindlichkeit der heute Anfang 20- bis Ende 30-Jährigen schreiben möchte. Während sich Raphaela Portmann an vielen Stellen im Buch wiederfindet, macht sich der Generationen-Gap bei Julia Konstantinidis durch Befremden bemerkbar. Leif Randt wäre mit seinem Millennial-Roman «Allegro Pastell­­» an der abgesagten Buch Basel zu Gast gewesen.

Aus der Sicht eines Millennials

So hat die 27-jährige Raphaela Portmann «Allegro Pastell» erlebt.

In der Liebesgeschichte zwischen Tanja und Jerome geht es um Sex, Badminton, Fastfood, Identität und Rauschzustände. Doch in erster Linie beschreibt der Autor Leif Randt das Lebensgefühl einer Generation. Millennials nennt man Menschen, die zwischen 1981 und 1996 zur Welt gekommen sind. Zu ihnen gehören sowohl der Autor und seine beiden Protagonisten, wie auch ich. Schon auf den ersten Seiten erkenne ich meine Generation wieder.

Tanja ist viel unterwegs, nicht nur wegen ihrer Fernbeziehung zu Jerome. Ihrer Meinung nach verschenken viele Menschen ihr Potenzial, «weil sie ihren eigenen Kosmos zu selten verliessen». Das deutsche Paar hat alles schon einmal gedacht, zu allem eine individuelle Meinung und einen klugen Spruch. Jede Bewegung scheint reflektiert, inszeniert. Sogar jeder Gedanke dient dazu die eigene Identität greifbar zu machen – sich abzugrenzen von den anderen, die man so scharf durchleuchtet.

Schon der Anfang des Buches greift Schlagwörter auf, die die Lebenswelt der Millennials entscheidend prägen. Psychische Gesundheit – Tanjas Schwester leidet an Depressionen –, Modeerscheinungen – die ernst gemeinten Hipster-Vollbärte einiger Literaturfreunde – und die schön schwierige Beziehung zu den Eltern. Auch dazu weiss Tanja einen klugen Spruch: «Man kann seinen Eltern entweder sehr ähnlich werden, oder psychisch erkranken», schreibt sie in ihrem Bestseller-Debütroman als Schriftstellerin.

Immer wieder fühle ich mich durch die Beobachtungen Leif Randts ertappt, immer wieder nerve ich mich über allzu bekannte Figuren. Ihm gelingt ein Roman, der als Momentaufnahme der Jugend gelten kann. Manchmal fühle ich mich nur noch knapp angesprochen, die Beschreibungen würden auf die jüngere Generation Z noch besser zutreffen. Dabei sind Tanja und Jerome älter als ich.

Ich schwanke dazwischen, das Buch erstaunlich gut und ausserordentlich blöd zu finden.

Ich mag weder Tanja noch Jerome.

«Allegro Pastell» ist einzigartig, ja. Doch im Laufe der Lektüre fehlt mir immer stärker die Selbstironie, der Humor. Tanja und Jerome nehmen sich wahnsinnig ernst, wenn sie nicht sind wie andere oder gerade doch wieder dem Trend folgen, weil das Gegenteil zu vorhersehbar wäre. Die eigene Identität besteht aus einer sorgfältigen Inszenierung positiver, negativer und beliebiger Charaktereigenschaften und Interessen.

Am Ende mag ich weder Tanja noch Jerome. Sie sind mir zu arrogant in ihrer «ich lasse mich nie richtig ein, ich trage Billigmarken und Designer-Fakes, um zu provozieren, ich nehme Drogen, obwohl sie mich kaputt machen, gebe mich dem Rausch und beliebigem Sex hin, ich reflektiere und therapiere mich selbst»-Attitüde. Doch sie beschreiben eine Seite an mir und meiner Generation, die ich nicht abstreiten kann: Millennials sind Over-Thinker, Extra-Individuelle, Immer-Coole, vermeintlich Unvorhersehbare, draufgängerische Grenzüberschreiter. Und wie jede Generation glauben sie, die Welt besser zu verstehen als alle vor und nach ihnen.

Leif Randt beschreibt die Schwierigkeit, sich in der heutigen oberflächlichen, schnelllebigen Gesellschaft auf jemanden einzulassen und sich selbst als Individuum zu finden in einer Welt, in der alles schon einmal da war. Das Buch ist eine Goldgrube für kommende Generationen von Literaturwissenschaftlern, doch es verbleibt in dieser privilegiert akademischen Sphäre. Wahrscheinlich absichtlich – weil viel zu kitschig-vorhersehbar – gibt Randt seinen Lesern keine Moral, dafür einen Blick durchs Schlüsselloch mit auf den Weg. Und erschafft dadurch das erste Buch, das mich abgrundtief nervt und ich trotzdem unbedingt weiterempfehle.

Aus der Sicht der Generation X

So hat die 46-jährige Julia Konstantinidis «Allegro Pastell» erlebt.

Es ist viel Zeit vergangen, seit ich meine Generation genau beschrieben zwischen zwei Buchdeckeln fand ich gehöre zur Generation X der gegenwärtig 45- bis 55-Jährigen («Generation X» von Douglas Coupland oder «Generation Golf» von Florian Illies). Heute bestimmen Internet und Social Media den schnellen und unverbindlichen Takt des Lebens. Die Welt ist überdies zum Dorf geworden. Wenn die beste Freundin für den Traumjob nach Australien zieht und die grosse Liebe fürs Studium nach Madrid, ist das für die Daheimgebliebenen zwar schade, aber halt auch normal. Dass sich jüngere Zeitgenossen daran anpassen, kann ich verstehen. Dennoch liess mich einiges, was Leif Randt in seinem Roman über das Leben der Millennials beschreibt, ratlos zurück.

Die Konkurrenz kommt aus der ganzen Welt. Das Wichtigste ist deshalb die eigene Performance. Wie sich die Protagonisten auch in ihrem Privat- und Intimleben dauernd selber beobachten und analysieren, wirkt auf mich einerseits sehr selbstbewusst und reflektiert, andererseits aber auch zwanghaft und selbstverliebt.

Können Millennials einfach sich selber sein?

Ich frage mich, wann können die Millennials einfach sich selber sein? Eventuell greifen sie dafür zu Rauschmitteln. Die gehören zum Jungsein. Sie sind eine Möglichkeit, seine Grenzen zu erfahren. Lange Nächte, in denen der Überblick, was wo getrunken oder sonst wie konsumiert wird, verloren geht – so kenne ich das. Leif Randts Protagonisten hingegen konsumieren Drogen äusserst berechnend. Ich behaupte, meine Generation war auf Kontrollverlust aus, oder nahm diesen zumindest billigend in Kauf. Welchen Zweck hat der Umgang mit Drogen, wie ihn die Millennials betreiben? Rausch – aber kontrolliert, denke ich.

Das könnte auch auf die Konfliktbewältigung zutreffen. Probleme werden vernünftig ausgehandelt und die Gegenmeinung respektiert. Oder man verabschiedet sich einfach virtuell aus dem Leben eines anderen und geht so dem Zoff aus dem Weg. Dass die Fetzen fliegen, das gibts zumindest bei Leif Randts Millennials nicht. Und auch keinen Streit mit den Eltern. Denn die Beziehung zu ihnen liegt auf der Ebene Freund/Freundin oder dann Lebenscoach. Wie aber soll man sich von den Eltern lösen, wenn man sich von ihnen analysieren lässt (Tanja) oder denselben Lieblings-DJ (Jerome) wie sie hat? Abgrenzung von den Eltern scheint jedenfalls kein Thema (mehr) zu sein.

«Allegro Pastell» hat mir einen vertieften Einblick in die Lebenswelt der Millennials beschert. Teils bewundere ich die Figuren für ihre Abgeklärtheit, teils tun sie mir in ihrer über-reflektierten Lebenswelt leid. Wobei ich mir nicht anmasse, nun alle Menschen dieser Altersgruppe in einen Topf zu werfen. Ich verstehe Leif Randts Roman denn auch als Milieustudie in einer urbanen Kreativszene.

Gewisse Aspekte sind zudem generationenübergreifend. Sich alle Optionen offen zu halten etwa. Auch am Reiz einer Fernbeziehung, wie sie Tanja und Jerome führen, hat sich in der Zwischenzeit nicht viel geändert zu gross sind die Vorteile für junge Menschen ohne familiäre Verpflichtungen. Und auch die Angst, diese Verantwortung einzugehen, ist wohl eher eine Alters- als eine Generationenfrage. Denn auch ältere Jahrgänge verbanden den definitiven Eintritt ins Erwachsenenalter mit Heirat und Kinderkriegen. Dass Tanja offen sagt, dass sie keine Kinder haben möchte, finde ich hingegen bemerkenswert. So tolerant gegenüber Lebensentwürfen, die nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen, war man in bisherigen Generationen wohl nicht in jener Breite, wie das heute der Fall ist.

Die Buch Basel stellt auf Ihrer Webseite verschiedene digitale Angebote zur Verfügung. Darunter eine Podcast-Serie mit Autoren-Gesprächen, unter anderem mit Leif Randt.