Mailänder FussballderbyZwei Wunder in drei Minuten
Milan schlägt das dominante Inter im 230. Stadtduell – und Mailand ist wieder Hauptstadt des Calcio. Was das mit dem «Duo der Alterchen» und einem stillen, geliebten Trainer zu tun hat.

Mailand ist in so vielen Dingen Hauptstadt Italiens, nur nicht in der einzigen, die in dieser Kategorie zählt. Mailand ist die Hauptstadt der italienischen Medien, der Mode, der Musik. Wenn sich in Italien etwas tut, tut es sich zuerst da oben im Norden.
Seit zwei Jahren ist Mailand auch wieder Hauptstadt des Calcio, des nationalen Fussballs – ein Prädikat, das man sich in der Geschichte mit recht nachhaltiger Wirkung einem Verein im kleineren, etwas westlicher gelegenen Turin abtreten musste. Zuweilen lässt Juventus aber Alternanz zu, nicht freiwillig natürlich, aber es kommt vor. Inter Mailand und AC Mailand, 1. und 2. in der laufenden Serie A, spielen deshalb wieder um den Titel, wie in der vergangenen Saison schon. Neapel ist nahe dran, Atalanta Bergamo nicht weit, dann erst kommt der Allzeitdominator aus dem Piemont. Und das gereicht den tendenziell blasierten Mailändern, beider Vereine, schon mal für ein beträchtliches Mass an Selbstgenugtuung.
So ging man nun ins Derby, ins 230., mit diesem zurückgewonnenen Selbstverständnis, auch wenn der Erfolg sich geliehen anfühlt. In 200 Ländern wurde das «Derby della Madonnina» übertragen, wie man es nennt, weil die güldene Statue der Jungfrau Maria auf dem Mailänder Dom im Dialekt «Madonnina» genannt wird. Sogar den versehrten, zum Acker verkommenen Rasen des Stadio Giuseppe Meazza im Stadtteil San Siro hatten sie wieder hergerichtet, Stück für Stück, tagelang mit Wärmelampen dauerbestrahlt, damit das Gras besser nachwächst und sich das Spektakel in Mondovision auch fürs Auge lohnte. Nun, es lohnte sich in jeder Hinsicht.
Milan hat wider alle Prognosen und wider die Dynamik des Spiels gewonnen. Auswärts gewissermassen, 2:1. Mit einer Aufholjagd aus dem Nichts, die genau 3 Minuten und 52 Sekunden dauerte, ein bisschen wie bei einem Hold-up. Solche Dinge zählen ja bei Derbys. Der Mann des Abends, Doppeltorschütze Olivier Giroud aus den nahen Savoyen, 35 Jahre alt und immer heillos unterschätzter Mittelstürmer, sollte danach sagen: «Derbys spielt man nicht, Derbys gewinnt man.» Giroud hat lange in England Fussball gespielt, in London, wo sie jedes Wochenende Derbys austragen.
Dann kam auch Junior Messias, da mussten ja Wunder passieren
75 Minuten lang ging er im Spielgetöse Inters unter: völlig verloren, ohne Bälle. Inter hatte bis dahin geführt, nach einem schönen Tor von Ivan Perisic (38.), dem besten Mann der Schwarzblauen. Der amtierende Meister beherrschte das Spielgeschehen dermassen locker, eine Nuance hochnäsig sogar, dass es seinem Trainer Simone Inzaghi angezeigt erschien, einige seiner wichtigsten Akteure für kommende Prüfungen zu ersetzen und etwas zu schonen: Es folgen nun Schlag auf Schlag der Viertelfinal im Cup gegen den AS Rom, das Spitzenduell gegen den SSC Napoli und dann das Spiel gegen den FC Liverpool in der Champions League. Inzaghi hatte also seine Gründe: Und hiess es nicht immer, Inter habe die längste und beste Ersatzbank der Liga? Für die vermeintliche Siegesverwaltung kamen unter anderem Alexis Sanchez und Arturo Vidal, immerhin.

Milans Trainer Stefano Pioli hatte schon früher umgestellt, ziemlich radikal. Eigentlich gestand der sympathische Pioli, den Fans und Spieler gleichermassen lieben, weil er so nett ist, der ganzen Welt mal schnell ein, dass seine Idee, den Ivorer Franck Kessié zum Kreativgestalter zu machen, ein Reinfall war. An Kessiés Stelle trat nun der klein gewachsene Spanier Brahim Diaz auf, ein Kreisel mit wilder Umdrehungszahl. Und rechts stürmte in der zweiten Halbzeit Junior Messias, ein Brasilianer, der bis vor kurzem noch Postbote war. Da mussten ja Wunder passieren, irgendwann. Bis dahin hatte «Magic Mike», wie die Milanisti ihren neuen Torwart Mike Maignan nennen, für die nötigen Mirakel gesorgt, es war eine ganze Menge. Der Franzose war im vergangenen Sommer von Lille geholt worden, als Nachfolger von Gianluigi Donnarumma. Die Last des Erbes wog so schwer, dass man sich fragte, ob Maignan dem Druck gewachsen sein würde. Nun, er ist ihm gewachsen.
Dann drehte das Spiel, scheinbar übergangslos, in der 75. und in der 78. Minute. Giroud bekam zwei Bälle im Strafraum, er machte daraus zwei Tore. Beim zweiten wendete und wand er sich um seinen Gegenspieler, ein bisschen wie Gerd Müller das vormachte. Es war Girouds zweites Mailänder Derby, dem ersten sah er allerdings von der Bank zu, für die ganze Spieldauer.
«Ibra» als DJ zu Hause: Er verhandelt über eine Vertragsverlängerung
Auch er war im Sommer 2021 nach Mailand gewechselt, damit er den zunehmend unpässlichen und nunmehr 40-jährigen Zlatan Ibrahimovic ab und zu ersetzt. Als «Ersatzbomber», wie man in Italien zu diesem Spielerprofil sagt. Was wurde nicht über das «Duo dei vecchietti» gespottet, das Duo der alten Herren: zusammen 75 Jahre alt. Ihre zentrale Rolle bei Milan galt auch als ultimative Illustration dafür, dass die Serie A zum europäischen Florida des Fussballs geworden war, zum Alterssitz für Stars. Doch die beiden haben zusammen nun schon 15 Tore erzielt in dieser Saison, obschon sie ständig wegen Verletzungen fehlen.
«Ibra», der gerade an einer entzündeten Achillessehne laboriert und in diesen Tagen über eine Vertragsverlängerung verhandelt, war nicht einmal im Stadion für das Spiel, er schaute es sich zuhause an. Danach postete er in den sozialen Medien ein Video, das ihn hinter einer DJ-Konsole zeigt, die Hände wie segnend ausgebreitet. An der Mauer hinter ihm der Schriftzug: AC Milan. Im Platzinterview zeigte Giroud, dass er schon ordentlich Italienisch gelernt hat, was doch einigermassen erstaunlich ist: Die meisten Ausländer, die nach Italien wechseln, tun sich zunächst lange schwer mit der Sprache. Auch die Maxime zum Derby, das nicht gespielt gehöre, sondern nur gewonnen, trug Giroud auf Italienisch vor. Ein Satz fiel ihm dann aber auf Englisch schneller ein: «We’re back», sagte er, man sei jetzt zurück im Rennen um den Titel.

Das ist vielleicht etwas gar optimistisch. Milan hat im winterlichen Transfermarkt viel weniger investiert als Inter, das Robin Gosens engagierte, und Juve, das für sehr viel Geld den hoch gelobten Dusan Vlahovic von Florenz und ausserdem Denis Zakaria von Borussia Mönchengladbach dazu holte. Es hiess gar, der Besitzer von Milan, der amerikanische Hedgefonds Elliott Management, wolle den Verein ohnehin nur noch gesund trimmen und dann verkaufen. Doch so ein Sieg im Derby berauscht nun mal doppelt.
«Pioli is on fire» – vor einem Jahr sollte er Rangnick Platz machen
Stefano Pioli sah man nach dem Schlusspfiff über den ganzen Platz rennen, unter die Curva Sud, wo die Fans von Milan die Mannschaft feierten. Als man ihm später die Bilder zeigte, sagte Pioli: «Das ist nicht sehr schön anzusehen.» Er habe eine Wette abgeschlossen, bei einem Sieg würde er für einen Monat keine «Toscano» mehr rauchen. «Ich liebe diese Zigarren.»
Vor einem Jahr wollten sie Pioli noch loswerden. Es hiess, die Mannschaft müsse revolutioniert werden, von Grund auf. Man dachte auch schon, den passenden Revolutionsführer gefunden zu haben und verhandelte mit Ralf Rangnick. Doch dann kam mal wieder alles anders – und Mailand ist wieder Hauptstadt. In der Südkurve widmen sie dem Trainer einen neuen Chor, der so gar nicht zu seinem stillen Naturell passen will: «Pioli is on fire.»
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