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Papablog: Spezialwoche zum VaterschaftsurlaubZwei Wochen? Nicht mit mir!

Ein Ja zum Vaterschaftsurlaub wäre für unseren Autor nichts weiter als ein Feigenblättchen, um die Scham zu kaschieren. Denn unsere Familienpolitik steht im internationalen Vergleich noch immer füdliblutt da.

Kontraproduktiv und teuer:  Die aktuelle Vorlage würde allen künftigen familien- und gleichstellungspolitische Vorlagen schaden.
Kontraproduktiv und teuer: Die aktuelle Vorlage würde allen künftigen familien- und gleichstellungspolitische Vorlagen schaden.
Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Was bedeutet Vaterschaft heute? Welche Themen beschäftigen die Papas besonders? Und was geben sie ihren Kindern mit auf den Weg? Vor dem Abstimmungssonntag überlassen wir den Mamablog eine Woche lang den Vätern.

Wir Schweizer haben ein gestörtes und ziemlich ungesundes Verhältnis zu Ferien. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Befürworter des Vaterschaftsurlaubes, wie er am 27. September zur Abstimmung kommt, sich vehement dagegen auflehnen, von «Papi-Ferien» zu sprechen. Denn wer in diesem Zusammenhang von Ferien rede, habe von Windelwechseln und Milchstau keine Ahnung.

Natürlich hat das was. Andererseits fallen die Zusatzbelastung, denen Eltern und insbesondere berufstätige Mütter und Väter ausgesetzt sind, sechs Monate nach der Geburt – und nur bis dahin dürften die 14 Vaterschaftsurlaubstage bezogen werden – ja nicht einfach weg. Ein schreiendes Baby in der Nacht raubt einem zweifellos den Schlaf, ein täubelendes Kleinkind in der «terrible two»-Phase dafür den letzten Nerv. Die Zeit bis zur Einschulung des Nachwuchses ist ein ständiges Jonglieren mit Ressourcen, Bedürfnissen, Verpflichtungen – zu Hause und im Job.

Wer meint, Familienferien hätten nach den ersten 6 Babymonaten wieder den Duft von Kokosnuss, irrt gewaltig.

Und auch danach wird es – zumindest phasenweise – nicht eben einfacher. Meine Mutter hatte mich vorgewarnt: Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, grosse Sorgen. Sie hatte Recht. Manchmal wärs schön, ich könnte meine Teenager einfach nur in den Arm nehmen, ein Liedchen singen – und alles wäre wieder gut. Aber so einfach ist es – leider – in den seltensten Fällen. Nicht für uns Eltern. Nicht für unsere Kinder.

Heisst das nun aber im Gegenzug, dass ich die letzten 17 Jahre als Vater nie Ferien gehabt habe? Nein, natürlich nicht. Ich hatte Ferien. Wochen, in denen ich einfach nicht zur Arbeit fahren musste. Punkt. Und das bedeutet schon was, glauben Sie mir. In der Argumentation rund um den Vaterschaftsurlaub klingt es jedoch fast so, als müsste ich mich für diese beruflichen Auszeiten schämen, nur weil ich da keine Breis und keine Quarkwickel mehr zubereitet habe. Wer meint, Familienferien hätten nach den ersten 6 Babymonaten wieder den Duft von Kokosnuss und Palmenstrand, irrt gewaltig.

14 Tage mehr Ferien?

Heisst das nun also, dass ich am 27. September ein Ja in die Urne legen werde? Nein, das werde ich nicht tun. Denn für das bisschen Symbolpolitik sind sogar mir diese jährlich 230 Millionen Franken zu viel. Denn nichts mehr als das sind diese 14 Tage Vaterschaftsurlaub. Die Vorlage ist ein Feigenblättchen, das bestenfalls dazu dient, die Scham zu kaschieren, dass die Schweiz im internationalen Vergleich in Sachen Familien- und Gleichstellungspolitik noch immer ziemlich füdliblutt dasteht. Seht her, uns Schweizern sind jetzt auch die Väter etwas wert! – Jaja, aber ebä nur es bitzeli.

Ein Ja zu dieser Initiative wird den Eltern so gut wie nichts bringen. Jedenfalls nichts Grundsätzliches. Es wird den berufstätigen Frauen weder mehr Chancen auf dem zunehmend kompetitiven Arbeitsmarkt eröffnen, noch wird es die Männer dazu bringen, künftig mehr Zeit und Ressourcen in Carearbeit zu investieren. Und vor allem werden die Millionen verpuffen, ohne auch nur ein bisschen Druck vom Schwitzkasten zu nehmen, in dem Frauen und Männer in diesem Land stecken, wenn sie Job und Familie irgendwie und möglichst gleichberechtigt unter einen Hut bringen wollen. Insofern wäre es sogar angebracht, den Vaterschaftsurlaub als das zu bezeichnen, was er tatsächlich ist: 14 Tage mehr Ferien.

Ich will mehr!

Ein Ja am 27. September wäre in meinen Augen sogar kontraproduktiv, weil es künftig jede weiterführende familien- und gleichstellungspolitische Vorlage unterwandern wird, indem es den Gegnern das Argument liefert: «Jetzt habt ihr doch gerade zwei zusätzliche Ferienwochen bekommen, was wollt ihr noch mehr?» Denn ja, ich will mehr. Viel mehr. Ich will keine Ferien – ich will ein Modell, das tatsächlich das Potenzial hat, die veralteten patriarchalen, familien- und frauenfeindlichen Strukturen in diesem Land aufzubrechen. Ein Modell, das die eidgenössische Koordinationsstelle für Familienfragen bereits vor fast zehn Jahren vorgestellt und propagiert hat: 24 Wochen, die Eltern am Stück, in Tranchen oder in Form reduzierter Arbeitszeit beziehen könnten – und zwar von der Geburt bis mindestens zum Zeitpunkt der Einschulung des Kindes. Das wäre dann kein Vaterschaftsurlaub, sondern Elternzeit.

PS: Bei einem Nein zur Vorlage käme die Initiative wieder auf den Tisch, über die wir eigentlich ursprünglich hätten abstimmen sollen – hätte das Parlament nicht diesen miesen Gegenvorschlag ins Rennen geschickt: Die Initiative für einen «vernünftigen Vaterschaftsurlaub» – von immerhin mindestens vier Wochen. Wenn der indirekte Gegenvorschlag abgelehnt wird, unterbreitet der Bundesrat diese Volksinitiative zur Abstimmung, sofern sie das Initiativkomitee dann nicht zurückzieht.

Morgen äussert sich an dieser Stelle Papablogger Markus Tschannen zum Abstimmungssonntag – und sagt, warum er die Rufe nach einem noch längeren Vaterschaftsurlaub (noch) nicht wirklich verstehen kann.

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23 Kommentare
    Tim Meier

    Forderungen, wo Alle für das Vergnügen Weniger bezahlen, sind nicht wirklich "gerecht".

    Der Vergleich mit dem Ausland hinkt. Dort ist die steuerliche Belastung deutlich höher.

    Als Eltern ist man 20 oder mehr Jahre engagiert. Mit oder ohne geschenkte Ferien.