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Lesetipps für die Zeit daheimZuhause unterwegs

Lesen ist Reisen im Kopf – insbesondere, wenn wir zuhause bleiben müssen. Mit diesen Büchern sind wir unterwegs in die Walachei oder durchqueren Wüsten.

Hierhin können wir aktuell nur im Kopf reisen: Eine Frau über einem Canyon.
Hierhin können wir aktuell nur im Kopf reisen: Eine Frau über einem Canyon.
Foto: Diego Lozano

Einfach losfahren. Richtung Süden. Auch wenn der Kompass am Schlüsselbund, der einmal aus einem Kaugummiautomaten kam, gar nicht nach Süden zeigt. Hauptsache: weg. Wolfgang Herrndorf erzählt in seinem Roman «Tschick» von einer solchen Reise nach ganz weit draussen, und wer sein Buch liest, ist selber hin und weg. So geht es uns mit Lektüren über das Unterwegssein. Auf einmal ist in unserem Kopf die Walachei. Die USA. Ganz Italien. «Das beständige Leben im Zimmer wird bald zur kränkelnden Vegetation», hat Johann Gottfried Seume geschrieben. Mit Lesen spazieren wir raus.

Im Lada ins Nirgendwo

Zwei Freunde, Maik und Tschick, beide etwa 14 Jahre alt und beide anders als die anderen in ihrer Klasse, haben die Nase voll. Die beiden suchen in einem gestohlenen Lada das Weite beziehungsweise die Walachei. Obwohl keiner von beiden weiss, ob es die überhaupt gibt. Der leider bereits verstorbene Wolfgang Herrndorf gewann 2011 mit «Tschick» den Jugendliteraturpreis, Erwachsene sollten sich davon aber nicht abschrecken lassen. Für sie ist dieser Trip eine bittersüsse Reise zurück in die Zeit, als einem die Welt zu gehören schien und es nur das Hier und Jetzt gab. (nia)

Wolfgang Herrndorf: «Tschick», Rowohlt Berlin Verlag, 2010, 253 S.

Im LKW von Tscho

Ein 13-jähriger, übergewichtiger Österreicher – eine Figur, die Autor Wolf Haas an sich angelehnt hat – verliebt sich 1973 beim Ferienjob an der Tankstelle in die Frau des feschen Fernfahrers Tscho. Elsa will Englisch lernen, also übt der Gymnasiast mit ihr. Doch eines Tages fährt Tscho vor und bittet den Jungen, ihn als Dolmetscher zu begleiten. Es folgt ein Roadtrip zwischen Schwarzach, Split und Thessaloniki, auf dem
alles anders kommt als vermutet. Es ist ein hinreissendes Coming-of-Age-Märchen, eine Jugend «rückwärts durch die Knie betrachtet». (ish)

Wolf Haas: «Junger Mann», Hoffmann und Campe, 2018, 240 S.

Auf der Triumph Tiger durch die Welt

«Eigentlich bin ich gar kein so ­guter Motorradfahrer», behauptete der Journalist Ted Simon von sich, nachdem er 1977 von seiner vier Jahre dauernden Weltumfahrung auf einer alten Triumph Tiger zurückgekehrt war; und ein Stück Reiseliteratur verfasste, das Generationen von Weltenbummlern inspirierte. Ted Simon nimmt uns mit seiner detailreichen Beschreibung nicht einfach mit auf eine Motorradtour. Vielmehr gibt er den Lesern einen Denkanstoss: Bleibt neugierig und macht euch selber ein Bild von der Welt. Notfalls auch vom Sofa aus. (si)

Ted Simon: «Jupiters Fahrt», Rowohlt Taschenbuch, 1987, 399 S.

Am Anfang steigt der Mercedes aus

Die Autorin Astrid Rosenfeld und der Fotograf Johannes Paul Spengler reisen in drei Monaten fast 10’000 Meilen quer durch die USA. Am Ende überreicht Rosenfeld ihrem Verlag ein Reisetagebuch, in dem von Hand ihre Texte und die Fotografien Spenglers eingeklebt sind. Diogenes veröffentlicht das sehr persönliche Roadtrip-Album als Faksimile. Zum Glück, denn so sind wir Leser mit dabei, als der Mercedes Baujahr 1982 gleich zu Beginn aussteigt, und auch in Marfa, Texas, wo eine Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt. So einfach geht Reisen. (pam)

Astrid Rosenfeld: «Sing mir ein Lied», Diogenes, 2014, 288 S.

Die Autorin Astrid Rosenfeld und der Fotograf  Johannes Paul Spengler waren drei Monate unterwegs: Entstanden sind eindrückliche Bilder.
Die Autorin Astrid Rosenfeld und der Fotograf Johannes Paul Spengler waren drei Monate unterwegs: Entstanden sind eindrückliche Bilder.
Bild: Johannes Paul Spengler/Diogenes Verlag

Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch

Schon der Titel des Debüts von Michelle Steinbeck ist verworren. Und das ist auch Loribeths Reise im Buch: Mit einem toten Kind im Koffer durchquert sie Wüsten, Städte und Meere. Ihr Ziel: der verschollene Vater. Doch das Ende der Reise (das auch der Anfang ist) spielt in diesem 150-seitigen Buch keine Rolle. Es sind die fantastisch-surrealen Begegnungen, die Loribeth macht, und die Absurditäten, die an eine morbide Alice-im-Wunderland-Geschichte erinnern, die einen durch die Seiten und in die Ferne tragen. (aho)

Michelle Steinbeck: «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch», Lenos-Verlag, 2016, 153 S.

Zu Fuss nach Sizilien

«Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen.» So beginnt der «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1801» von Johann Gottfried Seume. Der Mann war 28, Bürolist und zog immer wieder mal los – zu Fuss. Seine Runde führt ihn über Wien, Rom, Neapel bis nach Sizilien; Lieblingsgericht unterwegs: getrocknete Oliven. Auf dem Weg zurück macht er einen Umweg über Paris. «Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.» Am Schluss steht ein Kompliment an den Schuhmacher: Die Stiefel hielten. (bu)

Johann Gottfried Seume: «Spaziergang nach Syrakus», Die Andere Bibliothek, 1985, 431 S., vergriffen; Anaconda-Verlag

2 Kommentare
    Ben Fässler

    Ein Klassiker für alle Coach Travelers: Riding the Iron Rooster, von Paul Theroux, mit dem Zug durch China 1986