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Im LadenZufällig blind – na und?

Ob handgeflochtene Körbe, moderne Lampen oder restaurierte Stühle: Im neuen Shop Ybligg kann man vor Ort zuschauen, wie regionales Kunsthandwerk entsteht. Eines wird dabei zur Nebensache: die Sinnesbehinderungen der Schaffenden.

Mitten im Laden ist eine Handwerkerin daran, das Geflecht eines Stuhls zu erneuern. Frank Gick (hinten) leitet den Verkauf.
Mitten im Laden ist eine Handwerkerin daran, das Geflecht eines Stuhls zu erneuern. Frank Gick (hinten) leitet den Verkauf.
Foto: Nicole Pont

Gazi Ates sitzt konzentriert vor seiner Handeinzugmaschine. Nach und nach entnimmt er ihr mehrere Büschel braunes Pferdehaar, das er dann mit Draht an einem Stück Buchenholz festzurrt. Flink geht ihm die Arbeit von der Hand, alle Griffe sitzen perfekt – nicht mehr lange, und er hat die Bodenbürste fertig. Er scherzt: «Ich bin fast so schnell wie ein Stanzcomputer – in einer Stunde schaffe ich 253 Stück.» Gut, das ist vielleicht ein wenig übertrieben. Dennoch ist sein Arbeitstempo beeindruckend. Und ein entscheidendes Detail kommt noch dazu: Gazi Ates ist blind. Während der Arbeit muss er sich auf alle seine anderen Sinne verlassen. Eine Tatsache, die ihn jedoch nicht zurückhält. Schon seit 25 Jahren arbeitet er als Bürstenbinder. Ein Handwerk, das in der Dreiländerregion grosse Tradition hat und das nur noch wenige beherrschen. Und auch hier wird seine Sehbehinderung zur Nebensache.

«Hier» ist der erst zwei Wochen alte Shop ybligg am Spalenberg 2: Ybligg ist Laden, Werkstatt und Ausstellungsraum zugleich. Während man in dem grossen Raum voller Bürsten, Besen, Flechtkörbe oder Stühle nach etwas Schönem fürs eigene Daheim oder nach Geschenken Ausschau hält, kriegt man an drei ausgewählten Arbeitsplätzen im Laden auch Einblick – beziehungsweise Ybligg – in die Herstellung und in das Handwerk. Der Laden wird von der Irides AG betrieben – einer nicht gewinnorientierten Beteiligungsgesellschaft der Stiftung Blindenheim Basel. Eines ihrer Ziele ist, dass sehbehinderte, hörsehbehinderte und blinde Menschen ein vollwertiger Teil der Arbeitswelt und Gesellschaft sind und auch so wahrgenommen werden. «Auf die Tränendrüsen zu drücken, ist jedoch nicht unser Ziel», stellen Georges Krieg und Frank Gick gleich von Anfang an klar. Krieg ist der Geschäftsführer von irides, Gick der Verkaufsleiter des Shops am Spalenberg. «Bei uns stehen die Produkte im Vordergrund.» Dass diese alle aus sozialer Produktion sind, ist quasi ein Bonus: «Uns ist es wichtig, dass wir im Herzen von Basel unser Kunsthandwerk neu auch präsentieren können – mit dem schönen Aspekt, dass dieses eben von sozialen Einrichtungen oder von Kunsthandwerkenden aus der Region stammt», sagt Krieg. «Unsere Mitarbeitenden sagen immer: Wir wollen kein Mitleid. Denn wir können hochwertige Produkte herstellen – und wir sind blind, zufälligerweise.›»

Von Stadtcasino bis Ständerat

Alle Produkte sind Unikate und handgemacht. Dazu gehören etwa hübsche Windlichter aus geflochtenem Bast, Weihnachtssterne aus Holz zum Aufhängen, stylische Lampenschirme aus Rattan – die mit der Hochschule für Kunst in Luzern entwickelt wurden – oder auch praktische Ergänzungen für den Haushalt wie handgemachte, vegane Abwaschbürsten, Wäschekörbe, ein Schuhputzset oder Geschirrtücher. «Auch sehr praktisch ist die Tastaturbürste», sagt Krieg und zeigt auf ein schmales, längliches Exemplar. «Damit kann man die Rillen zwischen den Tasten gut reinigen.» Auch von Hand verarbeitet, jedoch um einiges grösser sind die Stühle im Kaffeehaus-Stil, die im Geschäft an der Wand angebracht sind. Einige von ihnen tragen bereits ein «Verkauft»-Etikett: «Die Stühle gehen im Moment weg wie warme Weggli», erzählt Frank Gick. «Sie stammen ursprünglich von Leuten, die sie nicht mehr gebraucht haben – wir haben sie jetzt komplett restauriert; das Holz geölt, das Geflecht erneuert.» Rausgekommen sind Klassiker, die zwar neu wirken, aber dennoch einen Hauch Geschichte in sich tragen. Wegen ihres zeitlosen Designs passen sie in fast jede Wohnung. Auch Tessiner Stühle lassen sich im Angebot finden.

Für die Stuhl- und Sesselflechterei zuständig ist im Ybligg unter anderem Jacqueline Derungs. Wie Gazi Ates ist auch sie hier ab und zu an einem Arbeitsplatz anzutreffen. «Ich arbeite diesen Monat seit genau 20 Jahren im Betrieb», erklärt sie und verflicht einen Rattanstrang in ein kompliziertes Muster. Sobald sie damit fertig ist, wird die erneuerte Sitzfläche wieder an den antiken Stuhl montiert, der hinter ihr steht. «Das Tolle ist ja, dass unsere Angestellten Sachen machen können, die es nicht einfach ab der Stange zu haben gibt», sagt Georges Krieg. «So hat Frau Derungs letztes Jahr daran mitgearbeitet, alle Klappstühle im neuen Stadtcasino zu renovieren.» Nicht nur das: «Auch die Sessel im National- und Ständerat in Bern sind von ihr und weiteren Angestellten erneuert worden.» Und scherzend an Jacqueline Derungs gerichtet: «Sie könnten eigentlich sagen, welche Nationalräte von welcher Partei auf Ihren Stühlen sitzen sollen.» Derungs winkt kichernd ab.

Raum für direkten Kontakt

Die dritte und letzte Arbeitsstation befindet sich ein wenig weiter hinten im Laden. Hier sitzt Oktay Sahin. Im Ybligg stellt er unter anderem Flechtkörbe her. «Dafür nutzen wir Materialien wie Weide, Seegras, aber auch Rattan oder Binse», so Gick. Daraus entstehen nebst Papierablagen fürs Pult oder den Wäschekörben auch geflochtene Körbe fürs Kaminholz oder sonstige Aufbewahrungsbehälter für den Haushalt. «Ich arbeite ja am liebsten mit Weide – damit kann man die grossen Körbe machen», sagt Sahin. Leider braucht es dafür so viel Platz, dass er diese Arbeit nicht direkt im Ybligg machen kann. Dafür hat er hier umso mehr Platz und Gelegenheit, mit der Kundschaft direkt in Kontakt zu kommen.

Nebst Bürsten, Besen oder Lampen gibt es im Ybligg auch geflochtene Körbe oder Puppenwagen.
Nebst Bürsten, Besen oder Lampen gibt es im Ybligg auch geflochtene Körbe oder Puppenwagen.
Foto: Nicole Pont

Ybligg
Spalenberg 2.
Geöffnet Mo 13–18 Uhr, Di–Fr 10–18 Uhr und Sa 9–17 Uhr.
www.ybligg.ch