Ohne Schmerzen über Kopf und Stein

Für gehbehinderte und ältere Menschen sind Kopfsteinpflaster tückisch – und gefährlich. Mit einem neuen Pilotprojekt will die Stadt alte Pflästerungen rollstuhlgängig machen.

Die Steine der Gessnerallee wurden Anfang Jahr abgeschliffen. Folgen soll die Kirchgasse in der Altstadt. Foto: Sophie Stieger

Die Steine der Gessnerallee wurden Anfang Jahr abgeschliffen. Folgen soll die Kirchgasse in der Altstadt. Foto: Sophie Stieger

Carmen Roshard@tagesanzeiger

Fussgänger, die durch die Zürcher Altstadt flanieren, können kaum ermessen, mit welchen Widrigkeiten Rollstuhlfahrer kämpfen müssen, wenn sie die gleiche Strecke über Pflastersteine zurücklegen müssen. Da ein Rollstuhl sowohl in der Wohnung als auch im Büro funktionieren muss, hat er kleine, wendige Vorderräder. Und mit diesen wird das Vorwärtskommen auf den «Bsetzi»-Steinen zur Mühsal. Die starken Unebenheiten und die breiten Fugen der teilweise alten Pflästerungen verursachen grosse Vibrationen und Schläge auf Körper, Beine und Füsse geh­behinderter Menschen. «Pflastersteine sind schlecht bis gar nicht befahrbar», sagt Bernhard Rüdisüli, selbst Rollstuhlfahrer und Experte bei der Schweize­rischen Fachstelle für behinderten­gerechtes Bauen (SFBB).

«Die Vibrationen und Stösse können bei Personen mit zerebraler Lähmung, aber auch bei Paraplegikern und Tetraplegikern massive Spasmen, also unkontrollierbare Bewegungen, und starke Schmerzen auslösen», sagt Rüdisüli. Weil die Betroffenen unterhalb der beschädigten Stelle keine Sensorik mehr haben, lösten sich auch Füsse vom Fussbrett, ohne dass es die Betroffenen kontrollieren könnten. Dadurch gerate man auf dem Rollstuhl leicht in Schieflage. Besonders Para- und Tetraplegiker, aber auch zerebral Geschädigte und MS-Kranke nähmen Vibrationen auf ohne nervliche Verbindung zum Hirn. Das könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass jemand aus dem Rollstuhl falle. «Für Menschen, die Mühe mit ihrer Körperkontrolle haben, ist das sehr unangenehm», weiss Rüdisüli aus Erfahrung. Ganz zu schweigen von der Inkontinenz, welche das Holpern auslösen könne.

Elektrorollstuhlfahrer, die ihr Gefährt mit wenig Muskelkraft mit einem Joystick vorwärtsbewegen, verlören durch die Vibrationen die Kontrolle über den Stick, sodass ihr rollendes Gefährt unkontrolliert hin und her springe und sie nur ganz langsam fahren könnten. Zudem blieben sehbehinderte und blinde Menschen oft mit ihrem Blindenstock in den tiefen Fugen stecken. «Eine Fahrt über ‹Bsetzi›-Steine ist nicht nur mühsam für uns, sondern auch zeit- und kräfteraubend», sagt Roll­stuhl­fahrer Rüdisüli.

Ein 60 Meter langer Korridor

Künftig soll es auf Kopfsteinpflaster Komfortrouten für Behinderte geben: Auf der steilen Kirchgasse, auf der bis zu 50 Jahre alte Beläge liegen und es zum Teil grosse Fugen hat, wird ab kommenden Montag ein zwei Meter breiter und 60 Meter langer Korridor geschliffen. Er beginnt an der Kirchgasse 1 und endet an der Oberdorfstrasse 27. Ein Rollstuhltrassee durch die Altstadt scheint aber dennoch in weiter Ferne zu liegen. Stefan Hackh, Pressesprecher des Tiefbauamtes, betont, dass es sich an der Kirchgasse lediglich «um ein Pilotprojekt zur visuellen Beurteilung und anschliessenden Prüfung der Befahrbarkeit für Rollstuhlfahrende und weitere Nutzer handelt». Pro Quadratmeter Schliff zahlt die Stadt 110 Franken. «Was nach der Pilotphase geschieht», so Hackh, «lässt sich heute nicht sagen.»

Fest steht jedoch: Voraussichtlich Ende Jahr tritt die neue Norm für den öffentlichen Verkehrsraum SN 640 075 (Hindernisfreier Verkehrsraum) in Kraft. Dies ist eine verbindliche Gebrauchs­anweisung für behindertengerechtes Bauen im öffentlichen Raum. Die Norm legt fest, welche Grundsätze und Mindest­anforderungen bei der Planung, dem Bau und dem Unterhalt von hindernisfreien Verkehrsanlagen einzuhalten sind. Sie stellt sicher, «dass Verkehrs­anlagen nach standardisierten Grundsätzen im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) für den Fussgängerverkehr hindernisfrei zugänglich und benutzbar gestaltet und betrieben werden».

Eva Schmidt vom SFBB hat massgeblich an dieser Norm mitge­arbeitet. Für die Architektin handelt es sich beim abzuschleifenden Korridor an der Kirchgasse um einen Kompromiss, da in der Zürcher Altstadt auch auf den Erhalt des historischen Ortsbildes Rücksicht genommen werden muss. Auch die Denkmalpflege habe da in den meisten Fällen noch ein Wörtchen mitzureden und Traditionen spielten wohl auch eine grosse Rolle. «Seit ein paar Jahren besteht die SFBB aber bei Neu- und Umbauten auf guten, befahrbaren Be­lägen», sagt Schmidt. Sie weist auch auf einen anderen Mangel hin: Auf Pflastersteinen können keine taktil-visuellen Markierungen als Orientierungshilfen für sehbehinderte und blinde Menschen angebracht werden.

Positive Reaktionen

In der Gessnerallee auf der Höhe des Theaters der Künste wurden Anfang dieses Jahres auf dem sihlseitigen Trottoir bereits zwei solcher Streifen realisiert. Diese sind jedoch in erster Linie für Velofahrer gedacht, da es sich dort um eine Komfortroute gemäss Masterplan Velo handelt. Die Reaktionen seitens der Veloorganisationen und der Bevölkerung seien durchwegs positiv ausgefallen, so das Tiefbauamt. In der Kirchgasse gehe es aber primär um Menschen mit Geh- oder Sehbehinderungen. Dort würde nicht einfach nur geschliffen, zusätzlich würden spezielle Verfahren angewendet, welche die Griffigkeit und den visuellen Eindruck verbessern sollen, sagt Pressesprecher Hackh. Der verfassungs­recht­liche Auftrag verpflichtet die Behörden zum Handeln. Deshalb wurde im Dezember 2009 in Zusammenarbeit mit der SFBB und der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich vereinbart, die Verwendung verschiedener Oberflächenbeläge näher zu betrachten.

Nicht nur Rollstuhlfahrende kämpfen mit den Tücken des Kopfsteinpflasters. Auch alte Menschen, die mit Rollatoren unterwegs sind, haben Mühe mit Natursteinbelägen. Insbesondere, wenn sie zusätzlich an Rheuma leiden und die Griffe der Rollatoren kaum mehr fest­halten können.

Unbefahrbarer Naturstein

Vor zwei Jahren hat die Architektin Eva Schmidt eine Evaluation über die Befahrbarkeit von Randsteinen mit Rollatoren gemacht. Aus den Gesprächen mit Bewohnenden des Alterszentrums Wildbach im Zürcher Seefeld sei «sehr deutlich herausgegangen», dass viele nicht mit dem Trottoirrand, sondern mit der Natursteinpflästerung zwischen Alterszentrum und Haltestelle Höschgasse Probleme haben und diese wegen der Unebenheiten mit dem Rollator nicht befahren können.

Pflästerung in der Altstadt –Asphalt in der Neustadt

Als der Paradeplatz umgebaut wurde, erregte die Bodengestaltung die Stadt fast so heftig wie später der Hafenkran. Man war sich vor 14 Jahren einig: Es gibt nichts Schöneres unter den Füssen als eine Pflästerung. Und es gibt nichts Hässlicheres als Asphalt. Stadt­rätin Kathrin Martelli (FDP) und ihr Tiefbauamt ersetzten die rötlichen Plattensteine durch einen grauen Belag, wie sie es zuvor schon in der Stadthausanlage getan hatten. «Asphalt-Kathrin» wurde sie deshalb gescholten.

Werner H. Spross, «der Gärtner der Nation», bat sogar Stadtpräsident Josef Estermann in einem offenen Brief um ein Machtwort, damit wieder Natursteine verlegt werden und der Paradeplatz nicht mit Asphalt zum «Schandfleck unserer schönen Stadt» werde. Nie wieder haben Pflastersteine und Pflasterer in Zürich ein solches Renommee genossen. Als die Stadt die Umgestaltung des Limmatquais anpackte, reichten die Behindertenorganisationen Beschwerde ein wegen der Pflästerung. Die Einigung bestand dann in einer ebenen, flachen Pflästerung mit ausgegossenen Fugen.

Asphalt am Paradeplatz und Pflastersteine am Limmatquai sind Konzept. Nur in der Altstadt und im Umfeld von historischen Bauten wird gepflastert. «In der klein dimensionierten Altstadt mit den engen räumlichen Verhältnissen wird mit der Pflästerung diese kleinräumige Struktur wiederholt und betont», steht in einer Erläuterung des Tiefbauamtes. Der Paradeplatz dagegen gehörte nie zur Altstadt, sondern lag immer ausserhalb der Stadtmauern. Dass auch der Stauffacher gepflastert ist, gilt als Fehler aus den 1980er-Jahren.

Auf dem Rennweg holpert es

«Stadträume 2010» heisst das Regelwerk für die Gestaltung der Stadt. Ziel ist, die verschiedenen Gebiete in ihrer Eigenart zu betonen, ihnen Transparenz und Eleganz zu geben und den öffent­lichen Raum für alle erlebbar zu machen. Zu diesem Zweck hat die Stadt zusammen mit der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen eine Dokumentation über behindertengerechte Oberflächenbeläge erarbeitet, die seit 2013 beigezogen wird.

Darin wird dem 2004 umgebauten Rennweg ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Pflästerung sei zwar aufgrund des Altstadtkontextes erwünscht, doch sei sie zu uneben. «Da der Rennweg erst kürzlich saniert wurde, wäre allenfalls das Abschleifen der Pflästerung eine Möglichkeit, um die Befahrbarkeit nachträglich zu verbessern.» Am Limmatquai wird gewürdigt, dass sich die Stadt ­bemüht habe, bei der Pflasterfläche ­sowohl dem historischen Kontext wie auch den Anforderungen Behinderter gerecht zu werden. Die Erfahrungen dort sollten bei künftigen Projekten ­berücksichtigt werden. Die grosse Ge­legen­heit kommt schon bald: Nächstes Jahr wird der ganze Münsterhof neu gepflastert. (Jürg Rohrer)

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