Fluglotse schuldig gesprochen, aber nicht von allen Richtern

Das Bezirksgericht Bülach hat einen Lotsen verurteilt und sorgte für eine kleine Sensation. Die Flugsicherung fürchtet um die Sicherheitskultur.

Der Lotse sagte vor Gericht, die Situation sei «unter Kontrolle» gewesen: Sein Arbeitsplatz, der Tower von Zürich.

Der Lotse sagte vor Gericht, die Situation sei «unter Kontrolle» gewesen: Sein Arbeitsplatz, der Tower von Zürich.

(Bild: Keystone)

Pia Wertheimer@Wertli

Das Bülacher Bezirksgericht sorgte im Prozess gegen einen Lotsen von Skyguide für eine kleine Sensation: Es eröffnete am Donnerstag nicht nur seinen Schuldspruch sondern auch die Auffassung der Minderheit des Gerichtes, die den Mann freigesprochen hätte.

Selbst Routinier Rolf Jäger, der als Leiter der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland die Anklage vertrat, hat dies noch nie erlebt. Zwar komme es manchmal vor, dass im Protokoll die abweichende Minderheitsmeinung vermerkt sei. «Dass diese aber an einer mündlichen Urteilsverkündgung verlesen wird, ist auch für mich eine Premiere.»

Aber von vorne: Das Gericht hat den Lotsen wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs verurteilt. Es belegte ihn mit einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 100 Franken und blieb damit unter dem Antrag der Anklage, die eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten gefordert hatte. Der Verteidiger hatte für den Mann einen Freispruch verlangt.

Trainingsflüge über dem Pistenkreuz

Der Vorfall, der zum Prozess führte, ereignete sich im August 2012: Mit einer Fluglehrerin trainierte ein Pilot in einem Kleinflieger Sichtanflüge auf die Pisten des Zürcher Airports. Dabei setzte er seinen Sportcruiser kurz auf und startete gleich wieder durch. Kurz nachdem der 48-jährige Towerlotse dem Sportcruiser die Erlaubnis erteilt hatte, dies auf der Piste 16 zu tun, meldete sich die Crew einer Linienmaschine von Darwin Airline. Sie erklärte ihre Saab 2000 am Kopf der Piste 28, die mit der Piste 16 ein Kreuz bildet, als startklar. Das Flugzeug mit 18 Insassen erhielt daraufhin vom Towerlotsen Freigabe.

Derweil drehte der Sportcruiser auf die Piste 16 ein. Und zwar früher, als vom Lotsen erwartet, was aber den Weg der Maschine verkürzte – und sie auf Kollisionskurs mit der startenden Saab brachte. Das bemerkte der Lotse noch bevor das Warnsystem im Turm Alarm schlug und reagierte: Erst befahl der Sportcruiser-Besatzung einen Vollkreis und fünf Sekunden später eine Steilkurve nach rechts zu fliegen. Die Saab-Crew – durch das Kollisionswarnsystem an Bord alarmiert – erhöhte die Steigrate ihrer Maschine. Der Zwischenfall lief glimpflich ab.

Zu viele Speklulationen

Für zwei der drei Bezirksrichter war klar, dass es nur dank der «besonnenen Reaktion» der Fluglehrerin im Sportcruiser zu keiner Gefahr für Leib und Leben gekommen war. Sie hatte zur vom Fluglotsen angeordneten Rechtskurve angesetzt, noch bevor sie dessen Befehl quittierte hatte – eine Reihenfolge, die im normalen Flugbetrieb nicht üblich sei. Die beiden Richter argumentierten, dass die so gewonnenen vier Sekunden eine bedeutende Rolle spielten: Denn hätte die Fluglehrerin zuerst die Anweisung des Fluglotsen bestätigt und erst dann das Manöver eingeleitet, wäre der Sportcruiser in die Abwinde der startenden Saab geraten. Dies hätte ein «erhebliches Absturzrisiko» bedeutet und das Leben der Insassen gefährdet.

Das war der dritten Richterin und dem Gerichtsschreiber, der in der Urteilsfindung eine beratende Rolle einnimmt, zu viel Spekulation. Sie vertraten die Ansicht, dass die Absturzgefahr nur auf einem sehr hypothetischen Handlungsablauf beruhte. Für die beiden stand fest, dass keine Gefährdung vorlag, weil das Zusammenspiel aller Beteiligten funktioniert habe. Die «Sicherheitsnetze» hätten gegriffen, was nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge im Flugverkehr «kein Zufall» sei.

«Künftige Fälle werden schneller gehen»

Mit seinem Urteil blieb das Bülacher Gericht weit unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmass. Denn: Seit dem Vorfall sind bereits sechseinhalb Jahre ins Land gegangen, was der Gerichtspräsident als «schwer verständlich» und als «gravierenden Eingriff» ins Leben des Beschuldigten bezeichnete. Staatsanwalt Jäger «kann aber mit dem Urteil leben». «Wir sehen die lange Verfahrensdauer auch», sagt er.

Es handle sich um einen Tatbestand, den man früher in solchen Fällen nicht angewendet habe, und ohne Präjudizien daure das Verfahren seine Zeit. «Die künftigen Fälle werden schneller gehen.» Trotz der tieferen Strafe will er das Urteil akzeptieren – sofern das auch die Gegenpartei tue. «Geht sie in Berufung, werden wir uns anschliessen und eine höhere Strafe beantragen», sagt Jäger. Das wird wohl der Fall sein, denn der Verteidiger des Lotsen hat angekündigt, dieses Urteil vor Obergericht anzufechten.

Sicherheitskultur in Gefahr

Das wiederum begrüsst die Flugsicherung Skyguide, denn sie sieht wegen der Verurteilung die in allen Hochrisikobereichen bedeutende Sicherheitskultur gefährdet. Ihr liegt die Idee zugrunde, aus Fehlern zu lernen, um die Sicherheit eines gesamten Systems zu verbessern. Dabei sollen Mitarbeiter Misstritte straflos melden – sofern sie nicht grobfahrlässig oder vorsätzlich gehandelt haben und niemand zu Schaden gekommen ist.

Die Flugsicherung fürchtet um dieses Meldewesen, wenn die Lotsen künftig nach ihrem Rapport mit langwierigen Strafprozessen rechnen müssen. «Nur durch diese Sicherheitskultur kann die Organisation rasch aus Fehlern lernen und Massnahmen treffen, um diese auszumerzen», sagt Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa. Die Flugsicherung stehe hinter dem heute verurteilten Flugverkehrsleiter und unterstütze ihn auch weiterhin. «Seine Anstellung bei Skyguide ist durch die Verurteilung nicht infrage gestellt.»

Nullfehlertoleranz «ist illusorisch»

Die Lotsengewerkschaft Aerocontrol sieht sich aufgrund dieser Argumentation zwar ermutigt. Sie bedauert aber, dass es bisher nicht gelungen sei, «das Prinzip dieser Kultur in den juristischen Denk- und Entscheidungsprozess zu verankern».

«Wie das Urteil zeigt, akzeptieren Gesetzgeber und Gerichte in unserem Arbeitsumfeld keine Fehler», sagt Sprecherin Marianne Iklé. Diese Nullfehlertoleranz sei aber illusorisch. Und: «Sie bedroht das derzeit hohe Sicherheitsniveau der Aviatik.»

Im hochkomplexen Betrieb der Flugverkehrsleitung seien die Lotsen einem gewaltigen Druck ausgesetzt. Bei immer dichter werdendem Flugverkehr leisteten sie ihren Einsatz für den reibungslosen Ablauf von Starts, Landungen und Überflügen.

Trotz aller Unterstützung durch hochtechnologische Systeme sei die Flugsicherung aber noch immer in der Hand von Menschen und Teamarbeit. «Dennoch – oder gerade deshalb – kommt es vereinzelt zu unerwünschten Ereignissen. Diese zu erkennen, zu melden und aus diesen zu lernen, ist eine Stärke des gesamten Aviatiksektors.»

Der dritte Lotse vor Gericht

Der 48-Jährige ist bereits der dritte Lotse von Skyguide, der sich vor Gericht verantworten muss, obschon nichts und niemand zu Schaden kam. Den allerersten Fall verhandelte ebenfalls das Bezirksgericht Bülach. Im Dezember 2014 wurde einem Towerlotsen der Prozess gemacht, weil es in Kloten fast zu einer Kollision gekommen war. Der Lotse hatte im März 2011 zwei Airbus-Maschinen der Swiss auf den sich kreuzenden Pisten beinahe gleichzeitig die Startfreigabe erteilt. Das Bezirksgericht sprach ihn frei und befand: Der Lotse könne nicht für etwas verurteilt werden, das konkret nicht passiert sei. Die Gefahr sei nur hypothetisch gewesen. «Das Gericht muss sich an dem orientieren, was geschehen ist», sagte der Richter.

Dagegen erhob die Staatsanwaltschaft Berufung. Der Fall wurde daraufhin vom Obergericht neu verhandelt, das den Lotsen im vergangenen November schuldig sprach. Es verurteilte den Mann zu 90 Tagessätzen à 210 Franken und fällte die Strafe bedingt aus. Der Lotse hat den Fall inzwischen ans Bundesgericht weitergezogen.

Dieses beschäftigt sich mit einem weiteren Fall, in welchem ein Flugverkehrsleiter von Skyguide verurteilt worden ist. Im Frühjahr 2018 befand das Bundesstrafgericht in Bellinzona einen Flugverkehrsleiter von Skyguide für schuldig, weil sich zwei Passagierflugzeuge in Zürichs Luftraum zu nahe gekommen waren. Ein Airbus A319 der portugiesischen Fluggesellschaft TAP und eine Boeing 737 der Ryanair waren am 12. April 2013 auf sich kreuzenden Luftrouten unterwegs und kamen sich im Steigflug gefährlich nahe. Die Richter belegten den Lotsen mit einer bedingten Strafe von 60 Tagessätzen à 300 Franken.

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