«Raucht der Zürcher weiter?»

Der Kampf gegen das Rauchen

Vor 50 Jahren belegte die US-Gesundheitsbehörde, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht. Die Erkenntnis sorgte unter Zürcher Rauchern für einen Schock – der liess allerdings bald wieder nach.

«Immer frisch, immer gut.»So bewarben Vautier Frères 1941 ihre Zigaretten in der Zürcher Bahnhofshalle. Foto: Keystone, Photopress

«Immer frisch, immer gut.»So bewarben Vautier Frères 1941 ihre Zigaretten in der Zürcher Bahnhofshalle. Foto: Keystone, Photopress

Benno Gasser@tagesanzeiger

Rauchen schadet der Gesundheit. Diese Erkenntnis war Mitte der 60er-Jahre erst ansatzweise bekannt. Es existierten zwar wissenschaftliche Studien, doch die breite Öffentlichkeit wusste nichts über die Gefährlichkeit des blauen Dunstes. Otto Brändli, ehemaliger Präsident der Lungenliga, war damals Medizinstudent: «Ich habe zu dieser Zeit geraucht wie viele andere auch. Über die Risiken war uns nichts bekannt.»

Anfang 1964 liess die US-Gesundheitsbehörde eine Bombe platzen. Der Bundesarzt Luther L. Terry wies in einem Bericht nach, dass Raucher zehnmal häufiger an Lungenkrebs sterben als Nichtraucher. Auf 387 Seiten legte der Wissenschafter dar, dass Raucher doppelt so häufig von tödlichen Herzkrankheiten betroffen sind alsNichtraucher.

Zigarettenkonsum bricht ein

Diese Meldung erschütterte auch die Schweiz. Viele Medien berichteten breit darüber. Der «Tages-Anzeiger» fragte im Nachgang zur Studie «Raucht der Zürcher weiter?» und lancierte eine Strassenumfrage. Ein Apotheker zeigte sich vom Bericht «sehr beeindruckt» und sagte, man müsse diese Statistiken durchaus ernst nehmen. Er halte es für wahrscheinlich, dass Rauchen die Blutgefässe verenge und Krebs verursache. «Ich habe nun eher ein schlechtes Gewissen, wenn ich rauche», sagte er.

Ein Spezialarzt für innere Medizin kritisierte den «Terry-Bericht» als «einseitig». Für Lungenkrankheiten sei die zunehmende Luftverpestung von sehr grosser Bedeutung, was zu wenig berücksichtigt werde. Er verwies dabei auf einen Test mit Ratten, die ständig Zigarettenrauch ausgesetzt waren. Nur solche Tiere seien dabei erkrankt, die bereits bronchitisch waren. «Ich lasse mich deshalb von diesem Bericht nicht beunruhigen», sagte der Spezialarzt.

Der Tenor bei dreissig befragten Rauchern war ähnlich. Nach der Lektüre des Berichts verspürten sie ein «komisches Gefühl in der Herzgegend» und verzichteten aufs Rauchen. Doch das Verlangen nach einer Zigarette liess sich nicht unterdrücken. Und schon bald war der «Grad der früheren Lasterhaftigkeit wieder erreicht». Vehement lehnte der Besitzer eines Tabakgeschäftes den US-Bericht ab. Es sei falsch, die Öffentlichkeit zu beunruhigen, obwohl man nicht einmal wisse, «was der Krebs ist und woher er kommt». Nach der Veröffentlichung der Studie sei der Zigarettenverkauf um 20 Prozent zurückgegangen. Dafür habe er viel mehr Pfeifen verkauft.

Die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich lancierte nach dem Bericht die Aufklärungskampagne «Rauchen verkürzt dein Leben»: Von den 1200 Lungenkrebsopfern des Jahres 1962 seien über 1000 dem scheinbar «harmlosen Vergnügen» des Zigarettenrauchens zuzuschreiben. In der Schweiz wurde Mitte der 60er-Jahre noch deutlich mehr geraucht als heute.

Das Land stand laut der Welthandelsstatistik mit einem Tabakkonsum von 12 Pfund pro erwachsene Person an der Spitze aller Länder. Und eine Untersuchung des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich unter Lehrlingen zeigte 1966, dass die Hälfte der Befragten rauchten. Die meisten waren sich laut eigenen Aussagen des gesundheitlichen Risikos bewusst. Gemäss der Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2007 rauchten damals im Kanton Zürich 29,2 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zu 1992 rauchten zwar nicht weniger Personen, doch der Anteil der stark rauchenden Personen – 10 und mehr Zigaretten pro Tag – war deutlich zurückgegangen.

Die Zigarettenindustrie fürchtete um ihre Pfründe und platzierte im Herbst 1964 PR-Beiträge in Zeitschriften. In einem Artikel stellte sie einen «Charcoal-Filter» als «Neuentdeckung» in der Geschichte der «Tabak-Gesundheit» vor. Dies sei eine «direkte Folge des Terry-Reports». Gelehrte hätten festgestellt, dass der grösste Teil der schädlichen Rauchkomponenten, welche die Lahmlegung der Flimmerhaare bewirkten, durch dieses neue Filterungsmittel ausgeschieden werden könne. «Der Raucher kann also beruhigt sein.» Die Wissenschaft kümmere sich um ihn und seine Gesundheit.

Rauchabstinenz unter Hypnose

Nach dem Terry-Bericht versuchten zahlreiche Raucher, mit ihrer Sucht aufzuhören. Über 300 Personen meldeten sich 1965 auf den Aufruf der Lungenliga «Leben und Gesundheit» zu einem «Fünftageplan zur Entwöhnung vom Rauchen» in der Aula des Hirschengrabenschulhauses. Die NZZ bezeichnete es als «Entgiftungskur unter ärztlicher Leitung». Zuerst wurde den Teilnehmern in einem Film die Geschichte eines Rauchers und Lungenkrebspatienten präsentiert, dem ein Lungenflügel entfernt werden musste. Anschliessend zeigten Berater den Teilnehmern detailliert auf, wie sie ihren Alltag ohne Zigaretten bewältigen können.

Die Bilanz nach fünf Tagen: 166 gaben das Rauchen ganz auf, 30 Teilnehmer schränkten ihren Konsum stark ein. Eine ganze Industrie rund um die Nikotin-Entwöhnung entstand als Folge des Berichts. Sehr beliebt waren Behandlungen unter Hypnose. In England und Dänemark besprachen Hypnotiseure sogar Schallplatten.

Rauchende Schwangere

Versuche, die Zigarettenwerbung einzuschränken, liefen dank der Lobbyisten in Bern während Jahren ins Leere. Die Volksinitiative «gegen Suchtmittelreklame» verwarfen die Stimmbürger 1979 mit einem Anteil von 59 Prozent deutlich. Auch rauchende Gäste in Fernsehdiskussionen im Studio Leutschenbach waren bis in die 80er-Jahre üblich. Ein Rauchverbot am Bildschirm lehne er ab, sagte Programmdirektor Guido Frei 1978 in einer Umfrage.

Drei Jahre später strahlte das Schweizer Fernsehen den Film «Duft der grossen weiten Welt aus». Der Report mit drastischen Bildern über die Gefahren des Rauchens löste eine Debatte aus. Das Schweizer Fernsehen lud darauf zu einer grossen Diskussionssendung in die Universität Zürich. Auch ein Experiment mit einer rauchenden Schwangeren war Teil des Programmes: Der Puls ihres Babys erhöhte sich schlagartig, sobald sie Rauch inhalierte.

Langsam stieg der Druck auf die Industrie, die 1978 in der Schweiz erstmals Warnhinweise auf die Zigarettenpäckchen drucken musste – 12 Jahre nach den USA. In den 80er-Jahren weitete sich die Diskussion aus, die Gefährlichkeit des Passivrauchens sorgte für Schlagzeilen. Die Führungsriege der Zigarettenindustrie behauptete noch 1994 vor dem US-Senat unter Eid, Nikotin mache nicht süchtig. Für diese Lüge musste sie eine Milliardenbusse bezahlen.

Tages-Anzeiger

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