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Geri Weibel und die Ironiefrage

Für aufgeklärte Trendsetter erweist sich der McDonald’s beim Schauspielhaus als unergründliches Rätsel.

Felix Schaad

Für Geri Weibel, der stets im Zweifel zwischen Angesagt und Daneben lebt, war McDonald’s einer der ganz wenigen festen Werte gewesen. Er musste nie einen Gedanken daran verschwenden, ob er ihn gut finden müsse oder schlecht, ob er sich dort erwischen lassen konnte oder auf keinen Fall, und ob er ihn überhaupt erwähnen durfte. McDonald’s war in der Clique nie ein Thema gewesen, ausser damals, als Susi Schläfli nach ihrem ersten und letzten Big Mac am ganzen Körper rote Bibeli bekommen hatte, wofür es ausser dem Dermatologen, der die Sache mit einer Kalziuminjektion behoben habe, keine Zeugen gab. Aber gerne gegeben hätte. Freddy Gut, die Modeautorität der Clique, hielt McDonald’s allein schon aus ästhetischen Gründen für indiskutabel – die Lokalgestaltung, die Uniformen, die Styroporverpackungen und die fetten Menschen, die das alles hervorbringt. Für Carl Schnell, das Gewissen der Clique, war McDonald’s vor allem wegen der Umweltbilanz und dem CO2-Abdruck absolut indiskutabel. Abgesehen davon, dass er momentan keine Tiere ass. McDonald’s war also immer eines der wenigen Themen gewesen, über die man sich so einig war, dass es in Geris Kreisen nie eines wurde. Und an welchem Geri Weibel sich schon deshalb nie die Finger verbrennen konnte. Bis das Thema beschloss, ins Schauspielhaus einzuziehen. Es ist Susi Schläfli, die mit der Neuigkeit ins Limbo kommt. Ab sofort könne sie nicht mehr ins Schauspielhaus, sie bekomme augenblicklich wieder Nesselfieber, allein schon vom Geruch. «Wann warst du das letzte Mal im Schauspielhaus?», erkundigt sich Carl Schnell. Susi wirft ihm einen gelangweilten Blick zu. «Darum geht es nicht. Es geht darum, dass ich jederzeit hätte hingehen können.» Bis zu diesem Punkt der Diskussion fühlt sich Geri thematisch so sattelfest, dass er die Bemerkung wagt: «Wenn du dort in Zukunft fünf Minuten aufs Tram wartest, kannst du deine Kleider in die Reinigung bringen.» Es ist wie meistens Robi Meili, das Trendbarometer der Clique, der Geri den Boden unter den Füssen wegzieht: «Das finde ich ziemlich elitär und wirtschaftsfeindlich, wenn ihr mich fragt», bemerkt er mit tadelndem Blick in Geris Richtung. Geri quittiert die Bemerkung mit dem Lachen, das er für die Fälle bereithält, in denen er nicht sicher ist, ob eine Bemerkung ernst gemeint ist oder ironisch. Denn die Ironie ist die natürliche Feindin des Geri Weibel. Egal, ob man ihm selber mit ihr begegnet oder ob man mit ihr andere Themen und Gegenstände behandelt. Er, der sich einbildet, ein besonders feines Sensorium für Trendwenden, Meinungsumschwünge und Zwischentöne zu besitzen, steht ausgerechnet der Ironie hilflos gegenüber. So ist Geri auch in diesem Fall wieder zu einer systematischen Güterabwägung gezwungen: Ist es denkbar, dass Robi Meili seine Einstellung gegenüber Fast Food und Junk Food im Allgemeinen und McDonald’s im Besonderen geändert hat? Und damit einmal mehr einem Trend vorauseilt, der in kurzer Zeit die Clique und danach das ganze Limbo und schliesslich den gesamten Teil der aufgeklärten Stadtszene ergreifen wird? Geri geht so weit, dass er mehrere Stunden wichtiger Szenenpräsenz opfert und nach Statements googelt, die relevant sein könnten für eine mögliche Akzeptanzwende zugunsten von Junk Food und McDonald’s. Schwerpunkt kultureller Kontext. Vom Kulinarischen, Ästhetischen, Ernährungsphysiologischen oder Olfaktorischen her stösst er auf keine neuen Erkenntnisse. Aber er findet publizistische und parteipolitische Statements, die ihn verunsichern: Ein Journalist plädiert für McDonald’s im Schauspielhaus, weil er die Jugend ins Theater bringe. Geri tippt auf Ironie. Die SVP spricht sich für McDonald’s im Schauspielhaus aus. Aber vermutlich nicht wegen der Jugend, denn Carl Schnell hat einmal gesagt: «Junge SVP! Das ist eine Contradictio in Adjecto.» Geri musste googeln und erfuhr, dass damit ein Widerspruch zwischen Adjektiv und Substantiv gemeint ist. Also auch Ironie? Aber eine ironische SVP? Ist das nicht auch eine Contradictio in Adjecto? Am verwirrendsten findet Geri das Statement der FDP. Sie findet zwar auch, dass «es riecht», aber «nach Standesdünkel». Standesdünkel? Müsste da die FDP nicht eher dafür sein? Geris Recherchen geben keinen Aufschluss darüber, ob Robi Meilis Bemerkung ironisch gemeint war, und er beschliesst, das Thema in Zukunft konsequent zu meiden. Doch Freddy Gut bringt es wieder auf. Er sagt über die junge Frau, die an der Bar einen Mojito schlürft: «Ihre Tally-Weijl-Tasche passt zu ihrem Isabel-Marant-Kleid wie McDonald’s ins Schauspielhaus.» Jetzt googelt Geri «Tally Weijl» und «Isabel Marant».

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