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Zweimal täglich herrscht Flut

Gependelt wird auch innerhalb der Stadt, ausserhalb der Arbeitswelt und zu anderen Zielen als Zürich. Die alltäglichen Wege kosten die Bevölkerung viel Geld und Zeit, wie die Statistiken zeigen.

Von Walter Jäggi Jeden Morgen schwappt eine Pendlerwelle in die Stadt und am Abend wieder hinaus. Falsch ist das Klischee, dass das Agglomerationsbewohner sind, die vom Reihenhaus auf dem Land in die City rollen. Zutreffend ist, dass die Verkehrsströme sehr konzentriert auftreten und deshalb Probleme verursachen. Gehört Pendeln zur Arbeit? Pro Einwohner werden in der Schweiz an Werktagen durchschnittlich 3,9 Wege zurückgelegt. Erwerbstätige machen 2,1?Arbeitswege und 0,5 sogenannte Nutzwege (berufliche Fahrten). Für alle Einwohner gilt: 1,5 Wege in der Freizeit, 0,7 Wege fürs Einkaufen, 0,4 Wege für die Ausbildung. Statistisch gesehen, haben nur diejenigen Personen keinen Arbeitsweg, die zu Hause arbeiten oder keinen fixen Arbeitsort kennen, alle andern sind Pendler. Wer auf dem Arbeitsweg eine Gemeindegrenze überquert, ist ein Weg- und Zupendler, wer keine Grenzen überquert, ein Binnenpendler, die Länge des Wegs spielt keine Rolle. 1970 waren 66 Prozent aller Pendler in der Stadt Zürich Binnenpendler, im Jahr 2000 waren es nur noch 39 Prozent. Vor allem die Vororte im Glattal sind wichtige Ziele für Zugpendler geworden – zum Beispiel die Flughafenstädte Kloten und Opfikon-Glattbrugg. Ist das Zeitbudget fix? Lange galt die Gleichung, dass die von Arbeitspendlern eingesetzte Fahrzeit stabil sei, aber die zurückgelegte Distanz dank höherem Reisetempo zunehme. 2005 wurde in der Schweizer Pendlerstatistik erstmals festgestellt, dass mehr Zeit aufgewendet wurde als zuvor, während die Distanz gleich blieb. Als Ursache gilt, dass der Anteil des Langsamverkehrs (Fusswege, Velo) zugenommen hat. Die Experten warten gespannt auf die Auswertung der Befragung von 2010. Ist Pendeln teuer? Die öffentlichen Verkehrsmittel wären, selbst wenn die Preise massiv aufschlügen, noch erheblich preisgünstiger als das Privatauto. Beispiele: Für die Strecke Rapperswil–Zürich kostet das ZVV-Jahresabonnement 2043 Fr. (3375 Fr. in der 1. Klasse), für ein Mittelklasseauto fallen reine Betriebskosten von rund 5000 Fr. an (ohne Berücksichtigung von Anschaffung, Versicherung usw.). Für die Strecke Luzern–Zürich kostet das SBB-Abonnement 2511 Fr. (4149 Fr. in der 1. Klasse), das Mittelklasseauto rund 8000?Fr. Das Auto ist preismässig erst konkurrenzfähig, wenn es mit drei oder mehr Personen besetzt ist; die tatsächliche Auslastung auf dem Arbeitsweg beträgt heute jedoch durchschnittlich 1,1?Personen. Macht die S-Bahn alle mobil? Zwei Drittel aller Berufstätigen im Einzugsbereich Zürich benützen innerhalb von zwei Wochen mindestens einmal die S-Bahn. Am stärksten vertreten ist die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen: Sie macht 80 Prozent der S-Bahn-Pendler aus. Ist das GA ein Freipass? Wer zwischen Zürich und Bern pendelt, zahlt für das Streckenabonnement 3987?Fr. (2. Klasse), für 3300 Fr. gibt es das Generalabonnement (GA) für die ganze Schweiz inklusive Verbunde. Selbst mit dem GA 1. Klasse (5150 Fr.) kostet das Pendeln zwischen den beiden Städten bei vier Hin- und Rückfahrten pro Woche kaum mehr als 10 Rappen pro Kilometer (Mittelklasseauto: rund 75 Rappen). Die SBB hat bei den GA-Kunden zwar keinen Trend zu längeren Fahrten festgestellt, wohl aber einen Trend zu intensiverer Nutzung. Da GA und Verbundabonnements bei häufiger Benützung günstiger sind, steigt die Zahl der GA-Kunden, während der Verkauf von Streckenabonnements rückläufig ist. Ist die Bahn überlastet? Die durchschnittliche Auslastung der Sitzplätze in den Fernverkehrszügen der SBB beträgt 30,7 Prozent, in den Regionalzügen 18,8 Prozent. Der Andrang konzentriert sich auf eine Morgenspitze (7 bis 9 Uhr) und eine Abendspitze (16?bis 19 Uhr) und wird von den Pendlerströmen bestimmt. Die Zahl der Reisenden auf dem gesamten SBB-Netz hat von 1998 bis 2008 kräftig zugenommen, zwischen den Städten Zürich, Bern und Basel um 75 Prozent. In den Nonstop-IC-Zügen zwischen Zürich und Bern reisen heute durchschnittlich 30 000 Personen täglich (total in beiden Richtungen), wie viele von ihnen Pendler sind, ist nicht bekannt. Rückläufig waren die Passagierzahlen hingegen im gleichen Zeitraum auf der Gotthardachse. Sind die Strassen überlastet? Wie bei Bahn, Tram und Bus gibt es auf den Strassen ausgeprägte Spitzenzeiten, die vom Pendlerverkehr geprägt sind. Auf der Rosengartenstrasse in Zürich schwankt die Stundenbelastung zwischen 357 (3 bis 4 Uhr) und 4386 Fahrzeugen (7 bis 8 Uhr) – die sehr breite Abendspitze dauert von 13 bis 20 Uhr. Auf den Hauptstrassen zwischen der Region und der Stadt wird die Tagesspitze meist zwischen 17 und 18 Uhr erreicht. Von allen Autobahnen der Schweiz verzeichnet die Nordumfahrung von Zürich die meisten Staustunden. 2009 kam es hier an 319 Tagen während der werktäglichen Pendlerspitzen zu Staus von total 3500 Stunden, meistens wegen Verkehrsüberlastung. Zum Vergleich: Am Gotthardtunnel wurden 1486 Staustunden gezählt, allerdings an den Sommerwochenenden. Als Stau wird auf Hochleistungs- und Hauptstrassen bezeichnet, wenn die Geschwindigkeit während mindestens 1 Minute unter 30 km/h sinkt und/oder teilweise ein kurzer Stillstand eintritt. Ist Zürich zu gross? Von 1999 bis 2009 hat die Einwohnerzahl der Stadt um 9,5 Prozent zugenommen, ist also etwas stärker gewachsen als die ganze Schweiz mit 8,7 Prozent. Um mehr als 20?Prozent zugelegt haben einige Vororte: Bassersdorf 52,4 Prozent, Opfikon 32 Prozent, Männedorf 27,4 Prozent, Volketswil 24,7 Prozent, Bülach 23,1, Spreitenbach 20,7 Prozent. Im Jahr 2009 wuchs die Einwohnerzahl von Zürich um genau 1 Prozent, in den übrigen Gemeinden der Agglomeration (die sich nicht mit dem Kantonsgebiet deckt) um 1,5 Prozent. Wo finden sich Wohnungen? 2009 stieg die Zahl der Wohnungen in der Stadt um 0,39 Prozent auf 206?000, in der übrigen Agglomeration um 1,19 Prozent auf 368?000. Am stärksten wuchs die Wohnungszahl in Wallisellen, Küsnacht, Dietikon, Richterswil und Kloten – noch stärker allerdings in Gemeinden knapp ausserhalb der definierten Agglomeration: etwa in Baar, Cham, Hinwil und Wetzikon. Die Leerwohnungsziffer lag in der Stadt Zürich bei 0,07 Prozent, im Landesdurchschnitt bei 1 Prozent. Typisch für die Grossstadt ist, dass die Wohnungen von wenigen Personen belegt sind, mehr als 50 Prozent sind Einpersonenhaushalte, knapp 30 Prozent Zweipersonenhaushalte. Ist Zügeln in Zürich verpönt? Es wird durchaus gezügelt in Zürich: 2009 sind 41?000 Personen zu- und etwa ebenso viele weggezogen. Weitere 40?000 Personen wechselten innerhalb der Stadtgrenzen ihre Wohnung, von den 370?000 Einwohnern war demnach rund ein Drittel an einem Wohnungsumzug beteiligt. Per saldo verlor Zürich dabei 2045 schweizerische Einwohner und gewann 3230 ausländische. Stimmt die Statistik? Eine Darstellung der Pendler- und Verkehrszahlen aktuell oder in Echtzeit ist nicht möglich. Die wichtigsten statistischen Daten werden im 10-Jahres-Takt erhoben, Details zum Pendlerverhalten alle 5 Jahre. Im Augenblick läuft die Verarbeitung der Daten von 2010, sie werden voraussichtlich ab Anfang 2012 etappenweise publiziert. Durch das neue Volkszählungsgesetz werden sich Veränderungen bei den bearbeiteten Themen und den Methoden ergeben.

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