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Wo die Geigenbäume wachsen Auf der Jagd nach Geigenbäumen

Holz, das sich für den Bau von Saiteninstrumenten eignet, ist rar. Die Suche nach Klangholz für seine Geige führte den Violinist und Forstingenieur Philippe Domont in die Karpaten und nach Cambridge. Holz, das sich für den Bau von Saiteninstrumenten eignet, ist rar. Die Suche nach einem Deckblatt für seine Geige führte den Violinisten und Forstingenieur Philippe Domont bis in die Karpaten.

Von Helene Arnet (Text) undSabina Bobst (Bilder) Zürich – Philippe Domont musste manche Abfuhr hinnehmen, bevor endlich ein Klangholzhändler bereit war, ihn in die Geheimnisse seines Berufes einzuweihen. Dafür ist er diesem dann bis in die Karpaten gefolgt, um herauszufinden, wie ein Baum beschaffen sein muss, der gutes Geigenholz hergibt – voraussichtlich. Denn von aussen sieht man nicht alle Finessen, die gegeben sein müssen, damit das Instrument nachher wohl klingt und all den Kräften standhält, die darauf wirken. Philippe Domont ist Forstingenieur und Violinist und er hatte sich in den Kopf gesetzt, selbst eine Geige zu bauen. Was er sich als zeitweilige Wochenendbeschäftigung vornahm, stellte sich als Wissenschaft heraus. Eine Knacknuss war, wie er geeignetes Klangholz bekommen konnte. Klangholz ist das angesehenste aller hochqualitativen Fichtenhölzer. Anspruchsvoller als Holzschindeln, Furnierhölzer oder Holzsortimente, welche für den Flugzeugbau gebraucht werden. «Und wenn man dann endlich einen guten Geigenbaum gefunden hat, steht man in Konkurrenz mit dem Käsehändler», sagt der im Jura aufgewachsene Zürcher schmunzelnd. Für die Furnierblätter der Vacherin-Mont- d’Or-Schachteln braucht es nämlich Holz mit ganz ähnlichen Eigenschaften wie Klangholz. Besuch bei «seinem» Baum Manche Instrumentenbauer ziehen selbst durch die Wälder der Voralpen, um nach Geigenbäumen Ausschau zu halten. Der Badener Geigenbauer Michael Rhonheimer wurde in einem Bündner Bergtal fündig – genauere Angaben will er nicht machen. Dort hat er vor Jahren zwei vielversprechende Fichten gefunden, die er seither regelmässig besucht. «Ich bin jeweils richtig nervös, bis ich gesehen habe, ob die Bäume sich gut entwickeln und ob keine Störungen eingetreten sind.» So kann ein Holzschlag in der Nähe dazu führen, dass der Baum stärker dem Wind oder Sturm ausgesetzt ist, was Schäden am Stamm verursachen kann. «Mein letzter Besuch zeigte mir, dass meine Bäume bald bereit zum Fällen sind», sagt Rhonheimer. «Ich bin sehr gespannt.» Erst dann wird er nämlich sehen, ob ihm das Jahrringbild gefällt, denn Geigenbauer haben da ihre individuellen Vorlieben. Und erst wenn sich dann der Rugel perfekt gerade spaltet, weiss er definitiv, dass er einen guten Kauf getätigt hat. Wo auch Stradivari Holz kaufte In der Schweiz ist das Prättigau für Klanghölzer ein Geheimtipp. Dort gibt es auf 1000 bis 1800 Meter Höhe naturnahe, lokal nicht zu steile Mischwälder mit grossem Fichtenanteil, wenigen Sturmschäden und mit natürlicher Verjüngung. Doch selbst in besten Lagen liefert nur ein knappes Prozent des Fichtenbestandes Klangholz. Deshalb verlassen sich manche Geigenbauer gerne auf jene wenigen Sägereien, die bei ihrer Arbeit ein Auge darauf haben, ob ein Stamm sich zum Klangholz eignen würde. So etwa die Zürcher Geigenbauerin Ulrike Dederer (TA von gestern), die zusammen mit drei Kollegen in die Dolomiten gereist ist, um dort zwei geeignete Fichtenstämme zu kaufen. Diese Gegend ist legendär für Klangholz. Nicht nur wegen der Qualität, sondern weil dort offenbar auch Guarneri und Stradivari ihr Holz herhatten. «Dieses Wissen allein gibt schon ein gutes Gefühl», sagt Dederer. Sie ist gerade dabei, aus Fichtenblöcken die 2 bis 3,5 Millimeter dünne, leicht gewölbte Decke herauszuschälen – das obere Blatt der Geige. Andere Teile werden meist aus Ahorn gefertigt. «Ich bin über und über mit Holzspänen bedeckt», sagt sie. Beim Zuschneiden erlebt sie immer wieder Überraschungen. Schöne und böse. «Manchmal entpuppt sich ein als mässig eingeschätztes Stück als beste Qualität, und bei einem vermeintlich guten treffe ich auf ein Astloch.» Ihr Stammstück reicht etwa für die Decken von zehn Celli und dreissig Geigen oder Bratschen. 250 Jahre für gutes Klangholz Laut Matthias Dobbertin, Forstwissenschaftler an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, ist in den letzten Jahren in subalpinen Gebieten der Bestand an infrage kommenden Bäumen gestiegen: «Es gibt 30 Prozent mehr Fichten mit einem Durchmesser von über 60 Zentimetern als vor zehn Jahren.» Lothar hat im Mittelland nämlich sehr viele Fichten geworfen. Daher wurden in den Bergwäldern weniger Fichten geschlagen. Nun kommt aber die schlechte Nachricht: Wegen der Klimaerwärmung wird es den Geigenbäumen zu heiss, und sie wachsen zu schnell. Grundsätzlich können sie in grössere Höhen ausweichen, doch würde es dort mindestens 250 Jahre dauern, bis die Bäume genug dick für Klanghölzer sind. Manche Geigenbauer finden ihr Holz auch mithilfe von Klangholz-Händlern, von denen es allerdings nur wenige gibt. Diese suchen sich ihre Hölzer in ganz Europa zusammen und bezahlen für einen Klangbaum bis zu 1200 Franken pro Kubikmeter, was dem zehnfachen Preis von gutem Bauholz entspricht. Doch wird das einheimische Klangholz oft gar nicht erkannt und zusammen mit minderwertigerer Qualität zu billig verkauft. Philippe Domont findet daher: «Eigentlich sollten sich Waldbesitzer zusammentun, geeignetes Holz aussondern und dann an einer Klangholz-Börse anbieten.»Domont fand sein Klangholz schliesslich – fast zufällig – an einem Geigenbau-Kurs im englischen Cambridge. Als er sein Holz gekauft hatte, begann allerdings die nächste Nervenprobe. «Ich konnte keine halbe Stunde an meiner Geige arbeiten, ohne dass ich nicht am Berg stand.» Freudentanz vor Weihnachten Schliesslich erbarmte sich die Geigenbauschule in Brienz seiner, die einzige Fachschule der Schweiz. Sie willigte ein, ihm, dem Laien, beizustehen, wenn er, der Forstingenieur, den Schülerinnen und Schülern sein Wissen über Klangholz verrät. Und dann, endlich, kurz vor letzter Weihnacht, konnte er sein Instrument einweihen. Er spielte als Erstes eine Tarantella, einen wilden süditalienischen Tanz. Und weil es rund ums Geigenbauen seit Stradivaris Zeiten von erstaunlichen Geschichten wimmelt, endet auch dieser Bericht mit einer solchen: Vor kurzem hat Philippe Domont herausgefunden, woher sein in Cambridge erstandenes Klangholz stammt – aus Brienz. Auf der Suche nach den Geigenbäumen; Infos und Musik (Mondrian-Ensemble Basel, Streichtrio op. 3, L. van Beethoven), Do, 23. Juni, 19.30 Uhr, Helferei, Kirchgasse 13, Zürich, www.wsl.ch; Anmeldung: 044 739 21 11. «Wenn man dann endlich einen guten Geigenbaum gefunden hat, steht man in Konkurrenz mitKäse-Händlern.» Philippe Domont Erst wenn der Rugel sich perfekt gerade spaltet, weiss der Geigenbauer, dass er einen guten Kauf getätigt hat. Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur Forstingenieur Philippe Domont weiss, wie und wo eine Fichte wachsen muss, damit sie gutes Klangholz abgibt.

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