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Witziger Redner statt lahmer Ente

In seiner letzten 1.-August-Ansprache als Bundesrat plädiert Moritz Leuenberger in Uster für mehr Offenheit, sorgt mit wohlplatzierten Pointen für gute Stimmung und verteilt Seitenhiebe.

Von Jennifer Steiner Uster – Eine besondere Rede sei dies für ihn. Mit diesen Worten eröffnete Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) gestern Morgen seine Ansprache an der Ustermer Bundesfeier. Es war seine erste Rede, die er als künftiger Alt-Bundesrat hielt. «Man nennt einen solchen auch etwa lahme Ente.» Lahm? So präsentierte sich der Noch-Bundesrat gestern nicht. Er wirkte frisch und entspannt; mehrfach unterbrachen Gelächter und Applaus seine Rede. Die Erklärung lieferte der Bundesrat mit einem Augenzwinkern gleich vorweg: «In eine Wohnstadt am Wasser kommen Enten ja besonders gerne, erholen sich und sind nachher nicht mehr lahm.» Ausserdem stehe die Stadt Uster seinem Departement, dem Uvek, sehr nahe: als Bahnstadt, als kreative Verkehrsstadt, als Energiestadt. Gleichzeitig schliesse sich heute der Kreis «vom ersten Ustertags-Redner zur letzten 1.- AugUsterrede», so Leuenberger. Als erster Sozialdemokrat überhaupt habe er nämlich 2001 am Ustertag referieren dürfen. Der Humor des Bundesrates stiess auf Gefallen. Die Zuhörer auf dem überfüllten Vorplatz der Landihalle quittierten seine Pointen mit Szenenapplaus und Bravorufen. Dabei waren die rund 700 Leute dem hohen Gast anfänglich nicht bloss positiv gestimmt. «Reden kann er, aber sonst hat er das Heu nicht auf derselben Bühne wie ich», tönte es von der einen, «er ist ein Staggeli», von der anderen Seite. Und als Leuenberger – begleitet von einem Medientross – an der Seite des Ustermer Stadtpräsidenten Martin Bornhauser (SP) in den Stadtpark marschierte, sorgte seine Krawattenwahl bei einigen Seniorinnen für Entrüstung: «Eine gelb-grüne Krawatte gehört sich nicht für eine 1.-August-Feier. Rot-weiss muss die sein», stellte eine der Ustermerinnen klar. Gespannt auf die Rede war sie gleichwohl. «Es heisst, ein zurücktretender Bundesrat darf alles sagen, was er will.» Kritik an SRG, Lob für Uster Nach dem Ständchen der Appenzeller Kapelle Edelstee und dem gemeinsamen Singen des Usterlieds – Leuenberger stimmte frei heraus ein – gab sich der Bundesrat in seiner halbstündigen Rede aber mehrheitlich zahm. Bevor er sich den altbekannten Themen wie EU, Klimawandel und Verkehr widmete, konnte er sich einige Seitenhiebe dennoch nicht verkneifen. So sei er gefragt worden, wieso er bloss eine 1.-August-Rede halte. Seine Antwort: Die Tradition besage, dass die Redner am Nationalfeiertag jeweils nur an einem Ort referieren. «Aber es gibt ein paar Junge, die nochmals in den Nationalrat wollen – mit 70 –, die halten mehrere Reden», scherzte er auf Kosten von Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP). Moritz Leuenberger warnte in seiner Rede davor, Symbole oder Mythen wie zum Beispiel die Alpen oder das bäuerliche Landleben zu Klischees verkommen zu lassen. Das geschehe dann, «wenn wir nur noch zurückblicken, die Realität von heute ausblenden». Vielmehr müsse man nach vorne schauen, um Veränderungen zu sehen. Der Bundesrat nannte in diesem Zusammenhang insbesondere das Bankgeheimnis. Gleich verhalte es sich aber auch beim bilateralen Weg mit der EU: «Wir tun gut daran, nicht möglichst lange die Augen zu schliessen und an einen Mythos zu glauben, der ewig aufrechtzuerhalten wäre.» Kritik übte Leuenberger am Schweizer Fernsehen. «Die SRG zeigt die Schweiz überproportional mit ländlichen Regionen und vernachlässigt städtische Agglomerationen.» Man dürfe nicht vergessen: Drei von vier Schweizern würden heute in Städten und Agglomerationen wie Uster leben. Der Politiker führte die drittgrösste Stadt des Kantons als Vorbild ins Feld: Kürzlich erhielt Uster den Wakker-Preis für die vorbildliche Umnutzung alter Industriebauten. «Uster hat die Vergangenheit nicht verklärt oder konserviert, sondern transformiert», lobte er. Sinngemäss schloss Leuenberger seine Rede mit dem Votum: «Ob wir in der Welt eine grosse oder kleine Rolle spielen, hängt in erster Linie davon ab, ob wir zu den nötigen Änderungen fähig sind, um den Gehalt unserer Mythen zu bewahren. Wenn wir offen zueinander und offen gegenüber aussen sind, gelingt das.» Krawatten und Autogramme Während die Menge dem Redner Applaus zollte, meinte dieselbe Dame, die zuvor Leuenbergers Krawattenfarbe bemängelte, dezidiert: «Jetzt ist die Krawatte definitiv entschuldigt, so gut wie der geredet hat.» Ins gleiche Horn stiess Kaspar Demuth vom Männerchor Uster. «Die Ansprache war witzig, einfallsreich und prägnant», sagte er. Irene Saner war nur wegen Bundesrat Leuenberger in den Stadtpark gekommen, wie sie erzählte. Mit der SP gehe sie oft nicht einig, mit Leuenberger allerdings schon. «Er ist vielseitig und witzig, bringt Fakten, anstatt nur über andere zu schimpfen.» Saner nutzte die Gelegenheit: Der Politiker aus Bundesbern nahm sich – notabene ohne Krawatte – nach seiner Rede eine halbe Stunde Zeit für ein Bad in der Menge, für Pressefragen und Small Talk mit der Bevölkerung. So konnte die Ustermerin dem Bundesrat nicht nur für seine Ansprache danken, sondern bekam von ihm gleich noch ein Autogramm auf den Unterarm verpasst.

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