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Wie in Zumikon die Schüler selbst zu Lehrern werden

Die Primarschule setzt seit vergangenem Sommer auf altersdurchmischte Klassen. Dort lernen Erstklässler zum Beispiel von Drittklässlern. Ein Augenschein vor Ort.

Von Anna Moser Zumikon – Moderne Schule hin oder her – Wilhelm Busch wird in Zumikon trotzdem gelesen. Aber unter veränderten Vorzeichen: Statt dass der Lehrer vorne doziert, kontrollieren sich die Mittelstufenschüler beim Lesetraining gegenseitig. Saskia hat sich vorgenommen, die Wortenden nicht zu verschlucken. «Durch den Schornstein mit Vergnügen / sehen sie die Hühner liegen / die schon ohne Kopf und Gurgeln / lieblich in der Pfanne schmurgeln», liest die Viertklässlerin. Der zwei Jahre ältere Lars nickt anerkennend und macht auf dem Feedback-Bogen ein Kreuzchen bei «Super». Altersdurchmischtes Lernen heisst dieses System, auf das die Zumiker Primarschule seit letztem Sommer setzt – als eine von 13 Schulen im Kanton. Jahrgangsklassen gibt es hier nicht mehr, dafür je sechs bunt durchmischte Unterstufen- und Mittelstufenklassen. «Das ist die Zukunft» Für die Zumiker Schulleiterin Birgit Höntzsch ist das die Zukunft der Volksschule. «Das lineare Lernen hat ausgedient», ist die 44-Jährige überzeugt. Sie propagiert stattdessen ein vernetztes Lernen, wofür altersdurchmischte Klassen die besten Voraussetzungen böten: Hier lernen die Kinder voneinander, und sie kommen mit dem Stoff aller Stufen in Berührung. «So sieht schon der Erstklässler, was sein Drittklässler-Banknachbar lernt.» In einem Unterstufen-Schulzimmer liest Lehrerin Bettina Birk gerade «Rumpelstilzchen» vor; anschliessend verteilt sie ein Arbeitsblatt. Das ältere Kind soll nun die Fragen vorlesen, das jüngere versuchen, die richtige Antwort zu geben. «Wenn beide schon gut lesen können, wechselt ihr ab», sagt Birk. Salome und Lynn können vom Lesen nicht genug bekommen. «Jetzt darf ich wieder!», ruft die Ältere, nachdem die Jüngere ihr mit Vorlesen zuvorgekommen ist. Ein wenig erinnert das altersdurchmischte Lernen an jene kleinen Schulhäuser auf dem Land, wo früher in Mehrklassen unterrichtet wurde. Zurück zu den Wurzeln also in Zumikon? Birgit Höntzsch winkt ab. Mit tiefen Schülerzahlen habe das System nichts zu tun. «Unser Ansatz ist pädagogischer Natur», sagt die Schulleiterin, «und zielt darauf ab, dass die Kinder gestärkt aus der Primarschule hervorgehen.» Wenn ein Kind eine Schulzeit lang als schwach gelte, leide sein Selbstbewusstsein. In den altersdurchmischten Klassen hingegen könne sich jedes mit seinen Stärken dort einordnen, wo es stehe. Das tun auch der Fünftklässler Pascal und die Viertklässlerin Amina mit ihren Verben, die sie im Präsens konjugieren: «Ich mag, du magst, er mag …» Wer sich sicher genug fühlt, kann beim Lehrer einen kleinen Test ablegen. Nicolas de Kinkelin hört aufmerksam hin, wenn einer seiner Schüler so weit ist. Klemmts noch bei einer Verbform, gibt er gute Tipps, wie sie sich leichter merken lässt. Solche Unterrichtsformen sind es, die Birgit Höntzsch begeistern. «Der Lehrer hat Zeit für das einzelne Kind und baut so eine gute Beziehung zu ihm auf.» Die Lehrpersonen sind es denn auch, denen Höntzsch die Schlüsselrolle für das Gelingen des Systems zuweist. Das Team im Schulhaus Juch sei überaus motiviert; viele Unterrichtsmaterialien würden gemeinsam erarbeitet und ausgetauscht. Anspruchsvoll für alle Trotzdem: Einfach sind solche Schulstunden nicht immer. Mittelstufenlehrer de Kinkelin sagt: «Damit altersdurchmischtes Lernen funktioniert, ist eine gewisse Selbstständigkeit nötig.» Denn während der Lehrer ein Kind individuell unterstützt oder Tests abnimmt, müssen die anderen Kinder für sich arbeiten. Der Frontalunterricht, bei dem alle gleichzeitig angesprochen werden, rückt in den Hintergrund. Ziel wäre es laut Höntzsch sogar, das System noch mehr zu öffnen: Die einzelnen Schüler könnten dann auch wählen, wann sie an der Mathematik und wann an der Sprache arbeiten wollen. Das ist derzeit sogar im progressiven Zumikon noch Zukunftsmusik. Aber, um es mit Wilhelm Busch zu sagen: «Der nächste Streich folgt sogleich.» Die Namen aller Schülerinnen und Schüler sind von der Redaktion geändert. Während Lehrer Nicolas de Kinkelin hinten eine Prüfung abnimmt, lernen die anderen Kinder selbstständig.Foto: Reto Schneider

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