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Wenn die Versicherung zu viel zahlt

Haftpflichtversicherungen übernehmen Schäden immer öfter unbesehen. Das ist für sie günstiger, als Forderungen angeblich Geschädigter zu prüfen und nötigenfalls abzuwehren. Kunden ärgern sich darüber.

Von Thomas Müller Grundlos zahlen, um damit Geld zu sparen. Was auf den ersten Blick paradox klingt, ist für Privat-, Berufs- und Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherer unter Umständen eine verlockende Alternative. Denn sie sind vertraglich verpflichtet, die Interessen ihrer Kunden zu wahren, falls diese mit einer Schadensersatzforderung konfrontiert werden – und das kann mit viel Arbeit und entsprechend hohen Kosten verbunden sein. Kosten, welche die gestellte Forderung zum Teil übersteigen. Verlangt beispielsweise ein Bauherr von seinem Architekten Schadensersatz wegen eines Baumangels, muss die Versicherung des Architekten prüfen, ob tatsächlich ein Mangel vorliegt und ob der Architekt dafür verantwortlich ist. Dafür ist sie eventuell auf die Hilfe eines kostenpflichtigen Experten angewiesen. Kommt die Versicherung zum Schluss, die Forderung sei nicht oder nur teilweise berechtigt, muss sie sich dagegen wehren – nötigenfalls vor Gericht. «Ein Versicherer wird sich deshalb überlegen, ob es für ihn nicht günstiger ist, sich den ganzen Prüf- und Abwehraufwand zu sparen und die Forderung einfach zu begleichen. Das hat für ihn den zusätzlichen Vorteil, dass er einen Teil seiner Zahlung in Form des Selbstbehalts auf den Kunden abwälzen kann», sagt Rechtsanwalt Jürg Reichenbach, Autor eines Aufsatzes mit dem Titel «Der Interessenkonflikt des Haftpflichtversicherers bei der Forderungsabwehr»*. Reichenbach arbeitete jahrelang im Schadensdienst einer grossen Schweizer Versicherung. Die Ursache des zunehmenden «Auskaufs» von Schadensersatzforderungen sei der wachsende Kostendruck bei den Versicherern, schreibt er. «Zur Gewinnoptimierung werden die Abwicklungskosten so weit wie möglich reduziert, damit von den bereits kassierten Prämien möglichst viel verbleibt. Der Versicherer stellt damit seine ökonomischen Eigeninteressen über die vertraglich geschützten Interessen des Kunden», so der Anwalt. Weniger Zeit pro Fall Die Versicherten werden in solchen Fällen mit Floskeln wie «Die Forderung betrachten wir als nicht abwehrbar» abgespeist, die sie mangels Fachkenntnissen nicht überprüfen können. Auf der anderen Seite erlaubt die rasche Erledigung dem Versicherungsmitarbeiter, die ständig steigenden Vorgaben des Betriebs zu erreichen. Die Fallzahlen pro Schadensinspektor sind in den letzten Jahren stark gestiegen. «Es geht darum, mit möglichst wenig Personal möglichst viele Fälle zu erledigen», sagt ein Insider. «Wer nicht mitmacht, handelt sich auf längere Sicht Wettbewerbsnachteile gegenüber der Konkurrenz ein.» Welche Optik dabei angewendet wird, zeigt eine Umfrage der Axa Winterthur zur Zufriedenheit mit der Schadenserledigung: Der Versicherer befragte nicht etwa die eigenen Kunden, sondern die Geschädigten. Sprecherin Marion Schihin sagt dazu, Axa Winterthur mache solche Umfragen «in erster Linie und regelmässig» bei den Kunden. Zwar dürfte es manchem Kunden egal sein, ob und wie viel seine Versicherung jemandem zahlt, der behauptet, von ihm geschädigt worden zu sein. Vielleicht ist er sogar froh, wenn die Versicherung unbesehen mehr zahlt, als sie müsste. Es gibt aber auch viele Versicherungskunden, die sich über das vertragswidrige Vorgehen ärgern – etwa weil ein Selbstbehalt oder Bonusverlust an ihnen hängen bleibt. Für Freiberufler wie Architekten kann eine grundlose Zahlung sogar zur Folge haben, dass sie ihren Honoraranspruch gegenüber dem Auftraggeber verlieren. Denn die Versicherung anerkennt mit der Zahlung einen Fehler ihres Kunden. Bis 1000 Franken ohne Prüfung Obwohl die Versicherer den Interessenkonflikt herunterspielen (siehe Box), liegen dem TA mehrere solche Fälle vor. In den folgenden Schilderungen sind die Namen der Versicherer auf Wunsch der Kunden nicht erwähnt. Fall 1:Die Privathaftpflichtversicherung von Wohnungsmieterin Maya Müller aus Volketswil übernahm unbesehen die ganzen Kosten eines neuen Sonnenstorens von 538 Franken. Den alten hatte ein plötzlich aufgetretener Sturmwind zerrissen. Dass der Storen bereits 11-jährig war und sie deshalb bei einer rechnerischen Lebensdauer von 15 Jahren nur vier Fünfzehntel hätte zahlen müssen, interessierte die Versicherung nicht. «Der Sachbearbeiter sagte mir, er übernehme alle Sturmschäden unter 1000 Franken ohne Prüfung, weil die Umtriebe sonst zu gross wären», erzählt Müller. Die Versicherung belastete ihr den Selbstbehalt von 200 Franken. Die Mieterin fuhr damit schlechter, als wenn sie den Fall der Versicherung nicht gemeldet und dem Vermieter einfach vier Fünfzehntel von 538 Franken, also 143 Franken, an einen neuen Storen bezahlt hätte. Sie ärgert sich aber vor allem über etwas anderes: «Wohnungseigentümer lachen sich doch ins Fäustchen, wenn sie für ihren alten Storen gratis eine neuen erhalten.» Fall 2: Auch Tobias Huber** beklagt sich über die kulante Haltung seiner Haftpflichtversicherung gegenüber seiner Vermieterin, mit der er sich in den Haaren lag. 10 respektive 21 Tage nach seinem Auszug schickte sie ihm je eine Mängelliste mit Schadensersatzforderungen über total 3000 Franken. Zwar wehrte sich die Versicherung zunächst für ihren Kunden. Dieser sei für normale Abnützung nicht haftbar, die Mängelrügen seien verspätet gewesen und die Lebensdauer der angeblich beschädigten Gegenstände nicht berücksichtigt worden, schrieb sie der Vermieterin und bot ihr «ohne Präjudiz» 250 Franken an. Als diese dann aber an die Mietschlichtungsbehörde gelangte, einigte sich die Versicherung mit ihr schnell auf einen Vergleich über 2600 Franken, den sie Huber zur Unterschrift vorlegte – nicht ohne ihm mitzuteilen, «dass der Vergleich das Prozessrisiko gebührend berücksichtigt». Offenbar befürchtete die Versicherung, dass ein Schlichtungs- und ein mögliches Gerichtsverfahren für sie teurer geworden wäre als die 2600 Franken. Fall 3: Bruno Kellers** Versicherung zahlte unbesehen für einen vom Vermieter behaupteten Zügelschaden im Lift des Mietshauses – obwohl Keller über den Balkon gezügelt hatte. «Weil mir die Versicherung keinen Selbstbehalt verrechnete, wehrte ich mich nicht dagegen», sagt er. Solche Fälle seien typisch, sagt die Geschäftsleiterin des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich, Felicitas Huggenberger: «Mieter ärgern sich, machen aber die Faust im Sack. Das führt dazu, dass Vermieter auch mit übertriebenen Forderungen durchkommen. Mit Kulanzleistungen unterstützen die Versicherer Vermieter, die ihre Wohnungen auf fremde Kosten sanieren wollen.» Fall 4: Die Autohaftpflichtversicherung von Doris Berger** übernahm ohne ihr Wissen und ohne Prüfung eine Reparaturrechnung über 800 Franken für ein Fahrzeug, das sie beim Parkieren an der Stossstange touchiert hatte. Gleichzeitig teilte ihr die Versicherung mit, der Bonusverlust betrage 760 Franken. Für die Versicherung wären somit unter dem Strich fast keine Kosten angefallen. Erst als Berger reklamierte, weil am anderen Auto kein sichtbarer Schaden entstanden sei, prüfte die Versicherung die Reparaturrechnung – und machte den Bonusverlust rückgängig. Begründung: Zweifel an der Rechnung der Garage. Versicherer entscheidet allein Der Interessenkonflikt wird dadurch noch verschärft, dass Versicherte bei der Schadenserledigung kein Mitspracherecht haben. So steht es im Kleingedruckten aller Gesellschaften. Bei der Mobiliar heisst es etwa: «Wir führen die Verhandlungen mit den Geschädigten. Die durch uns getroffene Regelung der Forderungen ist verbindlich.» Ob solche Klauseln gültig sind, ist fraglich. Die Mobiliar schränkt auf Anfrage ein, dass «die Regulierung eines Schadens, für den sich der Versicherte nicht verantwortlich fühlt oder dessen Höhe er als zu hoch einstuft, nicht ohne Rücksprache mit dem Kunden erfolgen sollte». Andere äussern sich ähnlich. Für Betroffene ist es ratsam, der Versicherung ihre Sicht des Falles darzulegen und sie zu fragen, wie sie die Rechtslage einschätzt. Gleichzeitig sollte man darum bitten, das Vorgehen gegenüber dem Geschädigten gemeinsam zu besprechen. Setzt sich die Versicherung darüber hinweg und zahlt freiwillig, muss man als Kunde den Selbstbehalt oder den Bonusverlust nicht tragen. * «Allgemeine Juristische Praxis AJP», 10/2010, Seiten 1239 ff. ** Name geändert «Mit Kulanzleistungen unterstützen Versicherer Vermieter, die ihre Wohnungen auf fremde Kosten sanieren wollen.» Felicitas Huggenberger, Mieterverband Mieterin Maya Müller unter dem neuen Sonnenstoren: «Wohnungseigentümer lachen sich doch ins Fäustchen.»Foto: Nicola Pitaro

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