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«Vor 20 Jahren wurde unsere Arbeit belächelt»

Die Schweizer Pflanzen blühen heute 20 Tage früher als vor 60 Jahren.

Small Talk Mit Claudio Defila sprach Matthias Meili Herr Defila, als Phänologe beobachten Sie, wie sich unsere Pflanzenwelt gemäss der Jahreszeit entwickelt. Wie sieht es dieses Jahr aus? Die Vegetation war dieses Jahr sehr früh. Die Buchen zum Beispiel entfalten ihre Blätter in Birmensdorf normalerweise um den 1. Mai herum. Dieses Jahr passierte das schon am 11. April. Und andere Pflanzen? Alle waren früher. Die Statistik zeigt jetzt schon, dass der Pflanzenfrühling 2011 zwei bis drei Wochen früher eintraf als normal. Dies hat sich über alle Beobachtungsstationen in der Schweiz und alle Vegetationsstufen hinweg gezeigt. Geht es den Pflanzen noch gut, wenn sie so früh kommen? Ich staune immer wieder, wie gut sich die Pflanzen der Witterung anpassen, vor allem den Temperaturschwankungen. Die Pflanzen kommen zwar früher, aber sie bleiben gleichwohl vital. Mehr Probleme gibt es bei langen Trockenperioden, die wegen der Klimaerwärmung zunehmend erwartet werden. Welche Pflanzen beobachten Sie? Buchen, Fichten, Lärchen, Rosskastanien, aber auch Blumen wie Löwenzahn, Margeriten, Huflattich, Herbstzeitlose. Insgesamt 26 Pflanzenarten, je nach Pflanze das ganze Jahr hindurch. Freiwillige Helfer beobachten in 160 Stationen, wann die Blüte, die Blattentfaltung, die Fruchtreife, die Blattverfärbung und der Blattfall eintritt. Kann man mit diesen Angaben auf die Klimaerwärmung schliessen? Früher belächelte man unsere Arbeit, aber inzwischen hat die Phänologie «dank» der Klimaerwärmung einen Aufschwung erhalten, nicht nur in der Schweiz. Heute gibt es vor allem in Europa ganze Forschungsnetze mit zum Teil sehr langen Messreihen. Man hat gemerkt, dass die erhobenen Daten wichtig und zuverlässig sind. Und es zeigen sich in der Tat langfristige Trends. Ich habe das für die Schweiz einmal ausgerechnet und festgestellt, dass der Frühling heute wesentlich früher eintritt als 1951, als die ersten phäonologischen Beobachtungen aufgezeichnet wurden. Bei der Blattentfaltung sind es 15 Tage und bei der Blüte sogar 20 Tage. Im Herbst kann man jedoch erstaunlicherweise keinen ähnlichen Trend feststellen. Wieso nicht, es müsste dann ja umgekehrt laufen? Über die Gründe rätselt man noch. Interessant ist auch, dass das Aufblühen der Vegetation im Frühling die Höhenstufen sozusagen zeitverschoben hochklettert. Aber der Blattfall im Herbst verläuft nicht gleichmässig den Höhenstufen entlang hinunter. Es zeigt sich vielmehr ein verwirrend mosaikartiges Bild. Der studierte Geograf war 22 Jahre als Bio- und Umweltmeteorologe bei Swissmeteo tätig. Dort betreute er die Phänologie, die heute als Teil der Klimaforschung gelten kann.

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