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Von Sandra Kälin

Mit Simon Enzler lacht das Publikum da, wo es gar nicht mehr lustig ist. Dies tat es am Wochenende in Maur und Pfäffikon.

Von Sandra Kälin Maur – Simon Enzler sitzt auf der Bühne und weint. Ja, er nehme die ganze Schuld für die Wirtschaftskrise auf sich – er sei es gewesen. Am Anfang habe er es nicht mal realisiert, meint der Appenzeller resigniert. Er habe doch nur ein wenig «gebörselet». Neben ihm, in Anzug und Seidenkrawatte, sitzt Daniel Ziegler mit gequältem Gesichtsausdruck am E-Bass. Enzler erklärt, dass er für seinen Auftritt eigentlich mit einem Handörgeler gerechnet habe – aber das RAV habe ihm diesen arbeitslosen Bänker mit Bassgitarre geschickt. Dann beginnt auch Ziegler zu weinen. Der Abstieg vom Direktorposten in die Kleinkunst macht ihm offensichtlich zu schaffen. In seinem neuen Programm «Phantomscherz» geht Enzler den dünnen Grat zwischen Humor und Absturz. Dank seiner unaufgeregten Authentizität gelingt es ihm, diese Balance zu halten. Er wählt pikante Aktualitäten, verpackt sie geschickt in seinem Humor, und schon kann das Publikum darüber lachen. «Oft lacht man sogar da, wo es gar nicht mehr lustig ist», räumt der 34-Jährige ein – deshalb auch der Titel «Phantomscherz». Dank der präzisen Konstruktion des Inhalts und den zwölf Feldversuchen vor der Premiere kippt es aber nie: Kein Lacher bleibt im Hals stecken. Doch der Inhalt zeigt Wirkung. Während der schwermütigen E-Bass-Einsätze von Ziegler scheint das Publikum seinen Gedanken nachzuhängen und den eben vorgesetzt erhaltenen Scherz zu verdauen. Enzler ist mehr Enzler Enzlers aktuelles Programm ist ein Erfolg. Seit der Premiere im März 2009 spielten Enzler und Ziegler in meist ausverkauften Sälen. So auch am Freitag im Loorensaal in Maur und am Samstag im Kino Rex in Pfäffikon. Seit 10 Jahren steht der Appenzeller Kabarettist nun auf der Bühne, doch mit dem aktuellen Programm scheint für den Prix-Walo-Gewinner von 2008 ein neuer Abschnitt begonnen zu haben: Enzler hat das Appenzeller-Image abgelegt. Der Chüeli-Ohrring und das Sennenchutteli sind weg – in «Phantomscherz» tritt Enzler ganz ohne Kostümierung auf. Einzig ein kleines rotes Taschentuch mit traditionellem Aufdruck erinnert an seine bisherige Aufmachung. Enzler ist mehr Enzler geworden. Während er in seinen Anfängen als eigenbrötlerischer Stammtischappenzeller mit seinem Dialekt begeisterte, überzeugt er heute als kritischer Melancholiker mit feiner Satire. Doch was war das Erfolgsrezept für «Phantomscherz»? Nach der Vorstellung verrät der sympathische Kabarettist: «Ich suche nach aktuellen Fakten und bringe sie in einen unpassenden Kontext – das erzeugt die nötige Spannung.» Dabei setze er nur wenig auf Spontanität – wenn er mehr als fünf Sätze pro Vorstellung improvisiere, dann sei das schon sehr viel. Enzler zeigt sich als Techniker, der sein Programm aufwendig präzisiert. Jedes Komma und jede Pause sei bei ihm ganz bewusst gesetzt, sodass die Pointe optimal zur Geltung komme.Ebenfalls ein Markenzeichen des Innerrhoders: vor der Pause eine Nummer, die für ausreichend Gesprächsstoff sorgt. Aktuell: Enzler als Instruktor, der am «Obligatorischen» über den ausserdienstlichen Gebrauch der Waffe informiert. Im Sinne eines Ausgleichs, wenn es privat oder beruflich mal nicht so rund laufen sollte. Der Instruktor gibt dem Publikum mit ins Entreacte: «Aber Vorsicht beim Schiessen im Wohnzimmer, das Aquarium könnte dabei in die Brüche gehen.» Im Interview ergänzt Enzler zu dieser Rolle: «Im Hinblick auf das Drama in Biel von letzter Woche hat das natürlich eine ganz neue Aktualität erhalten – ich habe mir noch überlegt, ob ich das mit einbauen soll.» Neben aller Ernsthaftigkeit und Tragik bietet «Phantomscherz» aber auch ganz viele leichte und unbeschwerte Momente. So beispielsweise wenn sich Enzler als spitzfindiger Beobachter über Schweizer Kuriositäten und Alltagsbelanglosigkeiten auslässt: über Nacktwanderer, Wurstsalat am Karfreitag und Klosterfrau on the Rocks. Doch zu viel davon darf es dann auch wieder nicht sein. Enzler klemmt ab: «Fertig lustig. Das reicht, sonst wird es kitschig.»

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