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Von Christian Brüngger, Barcelona

Von Christian Brüngger, Barcelona Auch im Erfolg bleibt Viktor Röthlin professionell: Gleich mehrere Wasserflaschen hat er sich in seinen Rucksack gesteckt, als er zu einer improvisierten Pressekonferenz nahe dem Zieleinlauf erscheint. Der kleine Raum ist rasch gefüllt und Röthlin anderthalb Stunden nach seinem grossen Triumph körperlich noch sichtlich mitgenommen. Der 35-jährige Obwaldner fliegt heute in die Schweiz zurück und wird um 11.40 Uhr in Kloten ankommen. Viktor Röthlin, wie erlebten Sie Ihr Erfolgsrennen? Ich habe mich 42 km lang grossartig gefühlt. Als ich die Entscheidung herbeiführte, handelte ich intuitiv. Ich merkte, dass Martinez (der einzig verbliebene Mitfavorit) Mühe bekundete. Ich hatte etwas Respekt davor, er könnte auf den letzten Kilometern dank des Heimvorteils über sich hinauswachsen. Dass ich wegkam, überraschte mich ein wenig. Im Vorfeld der EM sagten Sie, bei Kilometer 40 würden Sie gerne «Du hast 500 m Vorsprung!» hören. Den hatten Sie nun. Spielten Sie dieses Szenario wirklich durch? Ich kenne meine Fähigkeiten – entsprechend dachte ich schon vor dem Start an einen solch idealen Ausgang. Darum war es umso schöner, als mir Daniel Brodard (ein Betreuer) bei Kilometer 40 und erst recht bei 41 zurief: Geniesse es! Welcher Stellenwert hat dieser Sieg nach zwei turbulenten letzten Jahren mit zwei Lungenembolien? Heiraten hat scheinbar gutgetan (lacht). Ich hatte an welche Tür auch immer geklopft, war im März 2009 mit ganz anderen Problemen beschäftigt, im Herbst dann noch die Fussoperation. Nun habe ich es auf die Woche genau hingekriegt. Hätte die EM vor zwei Wochen stattgefunden, wäre ich nicht bereit gewesen. Während des Rennens war es sehr heiss, Sie mögen das, war es ein Vorteil für Sie? Ich konnte meinen Körper vor dem Start gut kühlen, mir im Rennen mit Flüssigeis etwas Kühlung verschaffen. Das machte ich schon in Osaka (WM 07) und Peking (Olympia 08) so, diese Form der Abkühlung gab mir Sicherheit. Ich wusste: Ich kann in der Hitze bestehen. Kurz bevor Sie den entscheidenden Angriff lancierten, gaben Sie Martinez ein Zeichen. Was bedeutete es? Dass ich gewillt bin, mit ihm wegzukommen. Ich lief aktiv, um ihm zu zeigen: Ich ziehe dich nicht bis ins Ziel, du musst selber arbeiten. Noch im März wurden Sie in Kerzers von starken Hobbyläufern geschlagen. Jetzt sind Sie Europameister. Zweifelten Sie nie an Ihrem Niveau? Man muss eines verstehen: Ich bin ein sehr guter Marathon-, aber relativ schlechter 10- oder 15-km-Läufer. Meine Fähigkeit sind diese 42,2 km. Ich kann nichts anderes, das aber gut (lacht). Als die Russen zu Beginn das Tempo forcierten, führten Sie stets nach. Wollten Sie damit beweisen, wie stark Sie sind? Ich bin ein wenig ein gebranntes Kind. An der EM 2002 liess man den unbekannten Janne Holmen laufen. Er gewann. Dieses Déjà-vu wollte ich nicht. Gleichzeitig signalisierte ich: Wer heute gewinnen will, muss mich bezwingen. Sind die schwierigen Jahre während des Laufs nie hochgekommen? Doch, auf der Zielgeraden. Ich dachte kurz an meine Krankengeschichte und freute mich, dass ich mich noch Marathonläufer nennen darf. Aber ich hatte trotz der Vorfälle nie das Gefühl, dies sei ein Wink des Schicksals, ich müsse mein Leben ändern. Ich hatte ein gutes Leben vor den Lungenembolien, und ich wollte dieses wieder haben. Aber als ich auf der Intensivstation lag, hatte ich definitiv andere Sorgen, als Marathonläufer zu sein. Diese Grenzerfahrung kann dir in einem solchen Rennen Kraft geben. Sie sind nun ein umworbener Mann. Starten Sie noch im Herbst an einem grossen Marathon wie New York? Erst einmal geht es darum, mich gut zu erholen. Danach schaue ich die Planung an. Ich lasse mich nicht drängen. Vor Ihrer Krankheit wollten Sie Ihre Karriere 2011 beenden. Wird nun auch Olympia 2012 zum Thema? In meinem Sport ist es wichtig, dass du am Morgen aufwachst und Freude daran hast. Sonst musst du aufhören. Diese Freude hängt auch vom Erfolg ab. Der stimmt momentan.

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