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Vier Hände, zwei Köpfe

Seit 30 Jahren sind sie ein Paar, seit 25 machen sie als Klavierduo Furore. Morgen spielen Yaara Tal und Andreas Groethuysen in Zürich.

Von Susanne Kübler Er dürfte «prahlen, wie praktisch und geradezu leicht spielbar das Arrangement geworden ist», schrieb Johannes Brahms 1864 an seinen Verleger. Es ging um die Bearbeitung seines 1. Klavierkonzerts für Klavier zu vier Händen. Und wenn Yaara Tal und Andreas Groethuysen diese Version aufführen, dann klingt sie, als ob sie tatsächlich «leicht spielbar» wäre – was sie natürlich nicht ist. Allerdings ist es nicht die technische Brillanz, die die aktuelle CD des Duos so bemerkenswert macht. Sondern die Tatsache, dass Tal und Groethuysen hier wieder einmal vorführen, dass vierhändige Arrangements eben weit mehr sein können als nur «praktisch». Zwar sind die meisten aus pragmatischen Gründen entstanden, damals im 19. Jahrhundert, als es noch keine CDs gab und die pianistisch versierten höheren Töchter und Söhne dafür zuständig waren, die grosse Musik in die gute Stube zu holen. Aber geschickte Arrangeure schafften es doch immer wieder, die bearbeiteten Werke in einem neuen, eigenen Licht zu zeigen. Eine Bearbeitung ist auch eine Interpretation: Dafür interessieren sich die aus Israel stammende Yaara Tal und der Deutsche Andreas Groethuysen, die seit einem Vierteljahrhundert auf höchstem Niveau als Klavierduo unterwegs sind. Etwa wenn sie die vergessene Bearbeitung von Bachs «Goldberg-Variationen» ausgraben, bei der Josef Gabriel Rheinberger dem Original einen neuen harmonischen Rahmen verpasste. Wie die beiden hier den romantischen Blick auf barocke Musik nachvollziehen, wie sie mit den verschiedenen Interpretationsstilen spielen und die Bearbeitung doch als eigenes Werk zu ihrem Recht kommen lassen: Das hat Kritiker wie Publikum begeistert. Das galt auch für die vierhändige Version von Mendelssohns Streicheroktett, bei dem man verblüfft konstatieren konnte, dass manche Passagen sogar besser klangen als im Original. Und es gilt nun auch wieder bei Brahms’ 1. Klavierkonzert. Spätestens im dritten Satz horcht man auf: Ist das nun ein weiteres Beispiel aus seiner Sammlung der «Ungarischen Tänze», die vierhändig so viel wirkungsvoller sind als in der nachgereichten Orchesterversion? Oder doch nur ein Beweis dafür, dass Brahms nicht an Esprit sparte, wenn es ums «Praktische» ging? «Solistin» und «Dirigent» Jedenfalls vermisst man das Orchester nur selten – auch weil der Solopart durchaus als solcher erkennbar bleibt. Dafür hat Brahms gesorgt, und dafür sorgen auch die Interpreten, deren Rollen im Duo keineswegs dieselben sind. Yaara Tal gilt eher als «Solistin», Andreas Groethuysen als «Dirigent»; wenn es diese Aufteilung vom Werk her nicht gibt, bedient sie in der Regel den oberen Teil der Klaviatur, er den unteren. Flexibel sind sie beide. Im Zusammenspiel sei es wie mit dem Licht, das sich ständig ändere, hat Tal einmal gesagt: «Eine kleine Wolke, ein Windstoss, der den Baum nach rechts oder links biegt – und schon verändert sich das Licht. Und wir versuchen, so Klavier zu spielen, dass diese kleinen Nuancen ständig vorhanden sind.» Sie sind es im Rhythmus, in der Artikulation – im Feinschliff der Interpretationen, die bei aller Akribie von spontanen Reaktionen leben. Dass bei Tal/Groethuysen zu den vier Händen zwei Köpfe gehören, ist nicht zu überhören; dass diese zwei Köpfe sich einiges denken, ebenso wenig. So wird etwa auf der aktuellen CD Brahms’ Konzert mit Brahms-Versionen von Schubert-Ländlern kombiniert: also die Reduktion eines Orchesterwerks mit der besetzungsmässigen Verdoppelung von «normalen» Klavierstücken. Dass das eine nicht unvollständig wirkt und das andere nicht überladen: Das spricht für den Arrangeur Brahms ebenso wie für die Interpreten. Tal/Groethuysen spielen am Mittwoch,3. 11., um 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten Werke von Mendelssohn (Oktett), Schubert (Ländler) und Dvorák (Slawische Tänze). Das anschliessende Gespräch führt TA-Redaktorin Susanne Kübler. Tal/Groethuysen: Brahms, 1. Klavier-konzert; Schubert, 20 Ländler (Sony) Ein Flair für Raritäten: Yaara Tal und Andreas Groethuysen. Foto: Michael Leis

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