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Versicherer ziehen konservative Bewerber vor

Helvetia und Axa Winterthur rekrutieren neue Aussendienstmitarbeiter mithilfe eines Online-Eignungstests. Dieser fragt nach Lebenseinstellung, Lebensstil und Familienbild der Bewerber – und verletzt damit das Gesetz.

Von Thomas Müller Firmen auf Personalsuche würden ihre guten Mitarbeitenden am liebsten klonen. Weil das nicht geht, setzen sie immer öfter ausgeklügelte Software ein, um die oder den Richtige(n) zu finden. Die Versicherungen Helvetia und Axa Winterthur zum Beispiel verwenden den Eignungstest «AC-Online» der Zürcher Softwarefirma SPSS. Er ermöglicht ihnen, aus einer Schar von Bewerbern jene auszufiltern, die ein ähnliches Persönlichkeitsprofil haben wie bereits angestellte, erfolgreiche Stelleninhaber. Das geht so: Bewerber für eine Aussendienststelle müssen bei einer Generalagentur ein sogenanntes Online-Assessment absolvieren. Rund hundert Fragen sind am Computer zu beantworten. Laut zwei Insidern, die nicht genannt sein wollen, betreffen sie nicht etwa das Fachwissen der Interessenten, sondern beispielsweise ihre Lebenseinstellung, ihren Lebensstil oder ihr Verständnis der Geschlechterrollen. «Für jeden Kandidaten wird die Wahrscheinlichkeit ermittelt, mit der sein Profil mit jenem der erfolgreichen Kundenberater übereinstimmt», sagt der Unternehmensberater Peter Holderegger, der den Test zusammen mit Helvetia und SPSS im Jahr 2004 entwickelt hat. Damals galt es zunächst herauszufinden, mit welchen Fragen sich gute Bewerber am besten von schlechten unterscheiden lassen. Zu diesem Zweck liess Helvetia alle rund 650 Aussendienstmitarbeiter je 800 Fragen beantworten. Dabei zeigte sich laut den Insidern unter anderem, dass erfolgreiche Mitarbeiter sehr oft ein traditionelles Familienbild haben. Fragen zu diesem Thema wurden deshalb in den definitiven Katalog aufgenommen. Progressive Bewerber, die andere Lebensformen bevorzugen, haben seither schlechtere Chancen. Helvetia ist «sehr zufrieden» Axa Winterthur und Helvetia setzen «AC-Online» ein, um am Anfang eines Bewerbungsverfahrens die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Computer zeigt bei jedem Bewerber auf Grün oder Rot. Der Vorteil: Ungeeignete Kandidaten lassen sich ohne zeit- und personalintensiven persönlichen Kontakt schnell wieder verabschieden. Die Unternehmen sparen so viel Geld. Schätzungen aus Deutschland gehen von umgerechnet etwa 1000 Franken pro aussortiertem Kandidaten aus. Bei der Helvetia bewerben sich jedes Jahr etwa 300 Personen auf Aussendienststellen. Wie viele von ihnen durchfallen, will die Versicherung nicht sagen, aber die Kosten des Tools dürften längst amortisiert sein. Helvetia-Sprecher Urban Henzirohs ist auch aus anderen Gründen «sehr zufrieden» mit dem Online-Test. «Wir verhindern damit kostspielige und beidseitig frustrierende Fehlanstellungen und haben weniger vorzeitige Abgänge von neu eingetretenen Personen.» Diese Vorteile wollen inzwischen auch andere Versicherungen nutzen. Wie der TA aus sicherer Quelle weiss, prüft auch die Zürich die Einführung dieses Systems. Sie will sich dazu nicht äussern. Mit gutem Grund, denn «AC-Online» ist aus rechtlicher Sicht höchst problematisch. Arbeitgeber dürfen Stellenbewerbern nämlich nur Fragen stellen, die direkt mit dem Arbeitsplatz und der zu leistenden Arbeit zusammenhängen. Das gilt auch in Online-Tools. «Fragen zu Lebensstil, Familie und Freizeitverhalten sowie persönliche Fragen sind verboten», sagt der Jurist Markus Hugentobler, Lehrbeauftragter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Dazu gehört auch Weltanschauliches, etwa zum Familienbild.» «Mit dem Gesetz unvereinbar» Gleicher Ansicht ist der auf Arbeitsrecht und Datenschutz spezialisierte Rechtsanwalt Roger Rudolph. Ein Bewerber für den Aussendienst müsse sich zwar die eine oder andere Frage mehr gefallen lassen als eine Sekretärin oder ein Fabrikarbeiter. Zum Beispiel die, ob sein Privatleben Kundenbesuche am Abend erlaube. «Aber das Erstellen eines Persönlichkeitsprofils aufgrund von Daten zum Privatleben und zur charakterlichen Eignung ist mit dem Gesetz schlicht unvereinbar.» Harsche Kritik an «AC-Online» übt auch Rechtsprofessor Thomas Geiser von der Universität St. Gallen: «Um zu bestimmen, ob jemand in die engere Wahl kommt, ist diese Methode unverhältnismässig und damit ungesetzlich.» Die Helvetia sieht das anders: «Als Aussendienstmitarbeiter repräsentiert man die Helvetia in der Öffentlichkeit und nimmt an verschiedenen Anlässen teil. Selbst in der Freizeit trifft man auf seine Kunden. Deshalb ist es entscheidend, dass ein Aussendienstmitarbeiter zu unseren Kunden passt. Wichtig ist auch, dass ein Bewerber ein grosses Netzwerk hat und kontaktfreudig ist. Deshalb dürfen darauf abzielende Fragen gestellt werden.» Trotz ihres offenbar guten Gewissens ist die Helvetia nicht bereit, die hundert Fragen dem TA offenzulegen. Die Rechte daran lägen bei der Firma Focus Select GmbH von Berater Peter Holderegger. Doch dieser winkt ebenfalls ab. Auswahl per Computer boomt Axa Winterthur nimmt zu den Fragen im Eignungstest nicht Stellung. Sie betont aber – wie die Helvetia –, dass sie auf die Befragungsdaten keinen Zugriff habe. Zudem habe sie bereits entschieden, das Tool in den nächsten Monaten zu ersetzen, und zwar «durch ein umfassendes diagnostisches Online-Verfahren, das Persönlichkeit, Motivation und Fähigkeiten eines Kandidaten fundiert erfasst». Auf die rechtliche Problematik solcher Persönlichkeitsprofile angesprochen, versichert Mediensprecher Pascal Hollenstein, das neue System entspreche «in allen Punkten dem geltenden Recht. Es wird bereits in über 100 Grossfirmen in der Schweiz eingesetzt.» Die Aussage zeigt, dass die Personalauswahl mit Computerhilfe auf dem Vormarsch ist. Auch Generali testet ein solches Tool, das aber anders funktionieren soll als «AC-Online». Fachleute sagen voraus, dass sich internetbasierte Eignungstests durchsetzen werden, vor allem bei grossen Unternehmen, die viele gleiche Stellen zu besetzen haben. In einigen Jahren werde das Standard sein. «Für jeden Kandidaten wird ermittelt, inwieweit sein Profil mit jenem der erfolgreichen Mitarbeiter übereinstimmt.» Peter Holderegger, Miturheber des Tests Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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