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Titel (max. 2-zeilig)Kleine Unachtsamkeit mit grossen Folgen

Ein spektakulärer Unfall am Bahnhof Stadelhofen hat gestern früh die S-Bahn stundenlang lahm gelegt. Einmal mehr stellt sich die Frage, ob es dort nicht dringend ein viertes Gleis bräuchte. Ein Unfall am Bahnhof Stadelhofen hat gestern Morgen die S-Bahn stundenlang lahmgelegt. Tausende Pendler kamen zu spät zur Arbeit. Einmal mehr stellt sich die Frage, ob es am Stadelhofen nicht ein viertes Gleis bräuchte.

Von Liliane Minor Zürich &endash Es war wohl nur eine kleine Unachtsamkeit, aber die Auswirkungen waren gewaltig: Ein 49-jähriger Mann fuhr gestern um 5 Uhr morgens mit einem Lieferwagen aufs Perron 1 am Bahnhof Stadelhofen, um ein Zeitungsdepot aufzufüllen. Was dann genau passierte, ermittelt derzeit die Polizei. Vielleicht vergass der Fahrer, den Gang einzulegen, als er das Auto verliess, möglicherweise parkte er zu nah am Gleis. Jedenfalls prallte ein Dienstzug in den Lieferwagen und schleifte ihn gut 60 Meter weit mit. Glücklicherweise kamen der 26-jährige Lokführer und der Chauffeur mit dem Schrecken davon. Doch das Chaos im Morgenverkehr war komplett: Das Gleis 1 blieb mehr als drei Stunden gesperrt, weil der Lieferwagen halb auf dem Gleis lag und die Bergung schwierig war. Denn das Auto war mit der Lokomotive verkeilt. Und wegen der Stromleitungen konnte kein Kran eingesetzt werden. Stattdessen mussten die Feuerwehrleute den Lieferwagen mit einem Wagenheber und Holzpaletten Stück für Stück auf Perronhöhe hieven. Gut 50 Zugverbindungen fielen aus, Dutzende weitere wurden umgeleitet oder hatten bis zu 20 Minuten Verspätung. Tausende Pendler kamen zu spät zur Arbeit. Der Unfall hatte selbst auf das überregionale Bahnnetz Auswirkungen; erst gegen Mittag rollte der Verkehr wieder reibungslos. Es ist nicht das erste Mal, dass der Bahnhof Stadelhofen wegen einer Panne für Schlagzeilen sorgt. Etwa zwei- bis dreimal im Jahr kommt es hier zu einer Störung, die Auswirkungen auf das ganze Bahnnetz hat. Der letzte Vorfall liegt keinen Monat zurück: Am 28. Oktober blieb ein Zug im Tunnel stecken, was in alle Richtungen für Verspätungen sorgte. 135 000 Passagiere, drei Gleise Ein ausgesprochener Pannenbahnhof ist Stadelhofen laut SBB-Mediensprecherin Lea Meyer aber nicht. Die SBB seien sich der Bedeutung der Stadelhofer Strecke bewusst, Kontrollen und Unterhalt hätten allerhöchste Priorität: «Wir sind hier punkto Qualität sehr weit. Das Problem ist aber, dass es viel grössere Auswirkungen als bei anderen Bahnhöfen hat, wenn auf dieser Strecke etwas passiert.» In Richtung Oerlikon etwa haben die SBB Ausweichmöglichkeiten, weil zwei Tunnels durch den Berg führen. Der Bahnhof Stadelhofen hingegen ist ein absoluter Flaschenhals &endash mit täglich 135 000 Passagieren ist er der drittgrösste der Schweiz, hat aber nur drei Gleise. Zwei führen durch den Zürichbergtunnel nach Stettbach, eines durch den Riesbachtunnel nach Tiefenbrunnen. In Richtung Hauptbahnhof, im Hirschengrabentunnel, gibt es ebenfalls nur zwei Gleise. Unter diesen Bedingungen hat die kleinste Störung hier gravierende Folgen. Seit Jahren steht deshalb die Forderung im Raum, den Bahnhof Stadelhofen um ein viertes Gleis und einen zweiten Riesbachtunnel zu ergänzen. Tatsächlich war ein solcher im Hinblick auf die Einführung der S-Bahn geplant. 1981 beschloss man aber, darauf zu verzichten und so 50 Millionen Franken zu sparen. Ein falscher Entscheid, wie sich bald zeigte. Keine Priorität beim Bund «Das vierte Gleis ist auf jeden Fall notwendig», sagte ZVV-Sprecherin Beatrice Henes gestern. Nicht nur, weil das den Fahrplan stabiler machen würde, sondern auch, weil damit der Fahrplan verdichtet werden könnte. Auch der Kantonsrat hat sich für das vierte Gleis ausgesprochen. Bis es so weit ist, dürfte es aber noch mehr als zwanzig Jahre gehen. Denn zuständig ist nicht der Kanton, sondern der Bund. Dieser findet den Ausbau zwar auch nötig, aber erst in zweiter Priorität. Soll der Engpass schneller beseitigt werden, müsste der Kanton den Bau vorfinanzieren, der wegen der aufwändigen Bauarbeiten und den engen Platzverhältnissen am Stadelhofen (siehe Grafik) heute auf 500 Millionen Franken geschätzt wird. «Für mich ist das eine Option», sagt GLP-Kantonsrat Thomas Maier. Immerhin bestehen Chancen, dass sich die Situation 2014 mit der Eröffnung der Durchmesserlinie von Altstetten nach Oerlikon entschärft. Dann können im Pannenfall die S-Bahn-Linien, die normalerweise via Stadelhofen nach Winterthur führen, über Oerlikon umgeleitet werden. «Das wird sehr viel bringen», sagt SBB-Sprecherin Meyer. Eine weitere Entlastung brächte der vom Kantonsrat geforderte Bau des Brüttener Tunnels (TA von gestern). Dieser steht in der Prioritätenliste des Bundes weiter oben, weil er auch für die nationale Ost-West-Achse von grosser Bedeutung ist. «Das vierte Gleis ist auf jeden Fall notwendig. Das würde den Fahrplan stabiler machen, man könnte ihn verdichten.» Beatrice Henes, ZVV-Sprecherin Der Lieferwagen wurde beim Aufprall völlig zerstört. Weil er mit der Lokomotive verkeilt war, gestaltete sich die Bergung schwierig. Foto: Stadtpolizei Zürich Der Lieferwagen wurde beim Aufprall völlig zerstört. Foto: Stadtpolizei Zürich

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