Zum Hauptinhalt springen

Sie beschreiben, decken auf und ordnen ein, entlarven – und werden dafür ausgezeichnet

Sechs Medienleuten von «Tages-Anzeiger», «Landbote» und «Beobachter» wurde gestern der Zürcher Journalistenpreis verliehen.

Von Patrick Kühnis Winterthur – «Gut gemachter Journalismus hat auch kommerziell eine Zukunft.» Das sagt nicht etwa ein Medienmensch, sondern CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner, der gestern als Ehrengast an der Verleihung des Zürcher Journalistenpreises 2011 auftrat. Der Banker stört sich auch nicht an kritischen oder polemischen Artikeln über sich. Ihn ärgern nur «schludrig» recherchierte Geschichten: «Es gibt keinen guten Midrisk-Journalismus – weder am Wochenende noch unter der Woche.» Ein Wort zog sich wie ein roter Faden durch die Lobreden, als im Winterthurer Casinotheater die mit je 10 000 Franken dotierten Preise vergeben wurde: Aufklärung. «Er klärt auf, indem er Sachverhalte nicht nur beschreibt, sondern sie auch unermüdlich einordnet», sagte die Jury über Michael Meier, der den Hauptpreis für sein Gesamtwerk erhielt. Der 55-jährige Journalist schreibt seit bald 25 Jahren im «Tages-Anzeiger» über Religion und Gesellschaft.Michael Meier entschloss sich nach seinem Theologiestudium, «lieber über die römisch-katholische Kirche zu schreiben, statt in ihr zu arbeiten», weil ihm diese Institution eher fremd erschien. Umso neugieriger tauchte er als Rechercheur in diese Welt ein, «in der vieles nur im Verborgenen abläuft». Der Fall Haas versorgte ihn von Anfang mit Schlagzeilen, doch sein Spezialgebiet stiess nicht nur auf Gegenliebe. «Die vielen Alt-68er beim ‹Tages-Anzeiger› hatten anfänglich grosse Vorbehalte gegen meine religiösen Themen.» Die falsche Astronautin Aufklärungsarbeit ganz anderer Art leistete letzten August Meiers TA-Redaktionskollege Maurice Thiriet, als sein Artikel «Die eingebildete Astronautin» erschien. Es ging darin um eine junge Toggenburgerin, die von Presse, Funk und Fernsehen als zukünftige Nasa-Astronautin gefeiert wurde – was Thiriet als Fantasiegebilde entlarvte. Gerüchte, dass an der fabelhaften Karriere im All etwas faul war, gab es schon vorher. Doch Skeptiker wurden mit Klagedrohungen mundtot gemacht. Der 30-jährige Journalist ging der Sache trotzdem auf dem Grund – und hatte nach einem nächtlichen Anruf in den USA Gewissheit. «Verdienstvoll», fand die Jury des Zürcher Journalistenpreises – und verlieh ihm den Nachwuchspreis. «Wenn es um den Sachverhalt geht, ist Faktentreue geboten statt Imagination», so Präsident Fredy Gsteiger (Radio DRS). Die Astrophysikerin wiederum zerrte Thiriet vor den Richter. «Ein Verfahren, dessen Ausgang wir gelassen entgegensehen», wie Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer sagt. Als Beispiel dafür, dass die Presse nicht nur informieren, sondern auch aufklären soll, lobte die Jury die Serie «Armut in Winterthur» von «Landbote»-Redaktorin Katharina Baumann. In einfühlsamen, aber nicht larmoyanten Texten gebe sie den 8000 Menschen ein Gesicht, die in dieser Stadt am Existenzminimum lebten. Die 31-Jährige teilt sich den mit 10 000 Franken dotierten Preis in der Kategorie Zeitung mit ihrer 52-jährigen Redaktionskollegin Dagmar Appelt. Ihre Serie drehte sich um die Geschichte des Schlachtkalbs Leo, das kurz vor der Metzgerei ausbüxte, in einem Tierasyl Aufnahme fand und Weihnachten im Tierspital feierte – für die Jury ein «spannender, lustiger Fortsetzungsroman». Missstände aufgedeckt Für ihre Arbeit über Heim- und Verdingkinder erhielten die beiden «Beobachter»-Autoren Dominique Strebel und Otto Hostettler den Preis in der Kategorie Zeitschrift. Sie haben laut Jury dazu beigetragen, einen Missstand aufzudecken und Wiedergutmachung einzufordern. Letztes Jahr entschuldigte sich Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf bei den Betroffenen. Ein Armutszeugnis für die Schweiz, wie Strebel fand. Denn der Schriftsteller Carl Albert Loosli hatte dieselben Missstände schon 1938 angeprangert. Die Ausgezeichneten: Katharina Baumann («Landbote»), Maurice Thiriet («Tages-Anzeiger»), Dagmar Appelt («Landbote»), Otto Hostettler («Beobachter»), Michael Meier («Tages-Anzeiger») und Dominique Strebel («Beobachter», v. l.). Foto: Sophie Stieger

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch