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Sicherheitssystem ist zu teuer

Ab Mitte Jahr verlangt der Bund eine Zugsicherung auch auf Dampfloks. Das ruiniere sie, klagendie Bahnen und prüfen Alternativen. Im Oberland setzt man auf einen Führergehilfen.

Von Walter Sturzenegger Dampfend und zischend rattert die Dampflok Ec3/5 mit 50 Stundenkilometern von Rapperswil in Richtung Schmerikon. Die traditionelle Winterfahrt des Dampfbahnvereins Zürcher Oberland (DVZO) und des Vereins Historische Mittel-Thurgau-Bahn geht nach Linthal. Während die Gäste im Buffetwagen Schinken, Kartoffelgratin und Schwarzwäldertorte verdrücken, leisten Heizer Rolf Geier und Lokführer Markus Rickenbacher auf der hundertjährigen Lokomotive Knochenarbeit. Geier schaufelt Kohle, Rickenbacher öffnet ihm für jede Schaufel kurz das Türchen zum 1500 Grad heissen Feuerraum. Der Lärmpegel im Führerstand ist hoch, die Übersicht eingeschränkt. In Kurven müssen sich Geier und Rickenbacher aus dem Fenster lehnen, um zu erkennen, was auf sie zukommt. Lautstark rufen sie sich zu, was sie aus Schildern und Signalen ablesen, und bestätigen sich die Informationen gegenseitig. Besonders aufmerksam muss Rickenbacher sein, wenn er dem Heizer das Türchen öffnet. «Nicht schaufeln», befiehlt er ihm nach einem Blick auf die Strecke. Der Zug nähert sich einer Barriere. Studie empfiehlt dritten Mann Dampfloks fahren anders als Elektroloks ohne elektronisches Zugsicherungssystem auf dem Schweizer Schienennetz. Die beiden Männer im Führerstand sind ganz allein verantwortlich dafür, dass der Zug kein Rotlicht überfährt. Doch damit soll nun Schluss sein. Das Bundesamt für Verkehr verlangt ab dem 31. Juli 2011 eine Minimalausrüstung für die Zugsicherung. Das könnte die Betreiber von historischen Eisenbahnen teuer zu stehen kommen. «Die Ausrüstung einer einzigen Dampflok wie die Ec3/5 kostet 80 000 bis 100 000 Franken», rechnet Jürg Hauswirth, Betriebsleiter des DVZO, vor. «Das ist für uns wirtschaftlich nicht verkraftbar.» Der DVZO müsste sieben Dampfloks nachrüsten, schweizweit sind 50 historische Schienenfahrzeuge betroffen. Der Verband historischer Eisenbahnen Schweiz suchte deshalb nach einem Ausweg und gab für 60 000 Franken eine Studie in Auftrag. Diese umfasst eine Risikoanalyse und Empfehlungen, wie die Sicherheit auch ohne Zugsicherungssystem gewährleistet werden könnte. Als wichtigste Neuerung schlägt Jens Schulze, Verfasser der Studie, vor, die Besatzung auf Dampfloks von zwei auf drei Mann zu erhöhen. Neben dem Lokführer und dem Heizer soll ein Führergehilfe im Führerstand stehen. Der Heizer müsste sich künftig nur noch ums Feuer kümmern und nicht mehr auf die Signale achten. Gestern Sonntag auf der Rückfahrt der Vereinsreise stand deshalb neben Heizer Geier und Lokführer Rickenbacher ein weiterer Lokführer im Führerstand. Auch Studienleiter Schulze war anwesend, zusammen mit Verbandsvertretern protokollierte er minutiös die Fahrt des Extrazuges über Bauma nach Romanshorn. Die Aufzeichnungen werden dem Bundesamt für Verkehr zur Verfügung gestellt. System bereits erprobt Ob die Experten zum gleichen Schluss kommen wie Schulze, ist offen. DVZO-Betriebsleiter Jürg Hauswirth ist aber zuversichtlich. Das Bundesamt für Verkehr habe signalisiert, dass «unter gewissen Bedingungen» weiter auf das Zugsicherungssystem verzichtet werden könne. Lokführer Markus Rickenbacher ist überzeugt: «Wir haben bewiesen, dass wir mit drei Mann den höheren Sicherheitsstandard erreichen.» Diese Art der Arbeitsteilung ist nicht neu. Sie wird von den Bernischen Museumsbahnen schon heute praktiziert. Ein erster Test fand im Bernbiet bereits statt. Allerdings waren die Bedingungen nicht mit jenen des DVZO vergleichbar. Dort stand eine schnelle deutsche Dampflok im Einsatz, die 120 Stundenkilometer schafft. Die Dampfloks des DVZO sind gewöhnlich mit 30 Stundenkilometern unterwegs. Beim Manövrieren lehnen sich Dampflokokführer aus dem Fenster. Nun sollen sie Unterstützung erhalten.Foto: David Baer

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