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Selbst an die entlegenste Bahnlinie findet er den Anschluss

Wer mit der Bahn in ferne Länder reisen will, findet bei Samuel Rachdi Rat. Der 51-jährige Rollstuhlfahrer kennt die exotischsten Fahrpläne aus aller Welt.

Von Erwin Haas Samuel Rachdi ist wegen einer schweren Krankheit an den Rollstuhl gebunden und darf auch nicht mehr Auto fahren. Doch im Kopf ist er einer der mobilsten Schweizer: Virtuell bereist er mit der Bahn dauernd die ganze Welt. Er hat sich darauf spezialisiert, ausländische Fahrpläne zusammenzutragen. Und er berät Kunden, die irgendwo auf dem Erdball eine Reise über Land planen, und stellt ihnen für 5 Franken pro A4-Seite massgeschneiderte Fahrpläne zusammen. Der 51-Jährige wohnt im ausrangierten Bahnhofsgebäude im schwyzerischen Steinen. Dort, wo sich auch ein Stellwerk- und Signalmuseum befindet, betreibt er ein Verkaufslokal. Parallel dazu ist er im Internet mit fahrplancenter.com präsent. Reissenden Absatz finden seine Fahrpläne, Bahnkarten und Fachbücher zwar nicht – manchmal taucht im nur freitags geöffneten Laden vier Wochen lang kein Kunde auf. Aber Rachdis Redefluss über Schienennetze in aller Welt zerstreut bei Rat suchenden Bahnfahrern jeden Zweifel: Hier haben sie es mit einem Experten zu tun, der für sie auch den entlegensten Stumpengleisanschluss in Feuerland findet. Helfer rund um den Globus Begonnen hat Rachdis Weg zum Fahrplankenner in der Schulzeit. Seine Grossmutter, die von Bahnerlebnissen erzählte, und der Grossvater, der ihm alte Kursbücher überliess, weckten in ihm den Wissensdurst des Entdeckers. Bald dehnte er seine Neugier auf Europa und dann auch auf Übersee aus. Rachdi arbeitete nach einer Verkäuferlehre als Barrierenwärter in Steckborn, bis die Schranke 1984 automatisiert wurde. Vor rund 30 Jahren begann er, aufs Geratewohl südamerikanische und afrikanische Bahnen anzuschreiben. Manchmal wurden seine Bitten um Fahrpläne sogar erhört, und das Beziehungsnetz begann sich zu verdichten wie der Schweizer Taktfahrplan. Bis der Informationsfluss wie von selber lief. Heute hat Rachdi rund um den Globus etwa 150 «Korrespondenten». Es sind Eisenbahner und Bahnfreunde, die ihn mit den neusten Fahrplänen versorgen und in seinen «Fahrplancenter News» laufend über die Entwicklung der Bahnen in fernen Ländern berichten. Wer auf dem Landweg von Kairo nach Kapstadt, von Zürich nach Singapur oder von Istanbul nach Damaskus will, findet bei Rachdi Rat zu den aktuellsten Fahrplänen und Reisesitten in den teilsweise exotischen Ländern. Nur Fahrpläne in Kriegsgebiete vermittelt er nicht, weil er Katastrophentouristen verachtet. Zu seinen Kunden – zu 80 Prozent Deutsche – gehören nicht nur Reisende. Es finden sich darunter auch Geografen, die nach exakten Bahndistanzen und Schwellenhöhen suchen, und Studenten, die anhand von alten und neuen Fahrplänen die Verkehrsentwicklung untersuchen. «Die Auskünfte erteile ich alle ohne Gewähr», sagt Rachdi. Denn kurzfristige Änderungen könne es immer geben. Das Feedback, das er von etwa drei Viertel der Kunden erhalte, sei aber meist positiv. Eine ernsthafte Reklamation erhielt er nur von einer Frau, die ihre Zugreise durch den Iran im Bikini antrat und dafür einige Tage im Gefängnis sass. Belangen konnte sie Rachdi aber nicht, denn er hatte sie zuvor schriftlich auf die Kleidervorschriften im Land der Mullahs aufmerksam gemacht. Japan ist der Schweiz voraus Auch Reisebüros und manchmal die SBB greifen auf Rachdis Expertenwissen zurück. Doch eine goldene Nase verdient er sich damit nicht. Ende 2009 war sein Reingewinn kleiner als das, was er in der Migros als Abteilungsleiter Gemüse und Früchte in einer Woche verdiente. Einen Aufschwung erhofft sich Rachdi durch die Rückkehr aus dem entlegenen Steinen nach Winterthur, wo er das halbe Leben verbrachte und jetzt wieder eine zahlbare Wohnung sucht. Rachdi, der zu den Mitgründern des Rollstuhl-Clubs Winterthur-Schaffhausen gehört, denkt so vernetzt wie ein Fahrplanmacher. Die Finanzkrise und die steigenden Erdölpreise sieht er als Chance für die Bahn. Die Überzeugung der Schweizer, sie hätten das vorbildlichste Bahnsystem der Welt, teilt er nicht ganz. «Japan ist uns technisch und logistisch weit voraus. Wenn dort ein Zug, der 400 Kilometer weit gefahren ist, 30 Sekunden zu spät ankommt, ist das fast schon ein Skandal.» China sei gegenüber der Schweiz im Schnellzugstempo auf der Überholspur. Und das kleine Holland mit doppelt so vielen Einwohnern führe auf den meistfrequentierten Strecken einen 5-Minuten-Taktfahrplan ein: «Die Züge kommen bald so häufig wie in Zürich das Tram.» Im Kopf ist Rollstuhlfahrer Rachdi einer der mobilsten Schweizer. Foto: H. Zimmermann

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