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Rundgänge durch die Kirchengruft

Zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Bülach öffnet die reformierte Kirche ihre Katakomben für das Publikum.

Von Michael Weber Bülach – Mit dem Steinbohrer rücken Arbeiter dem Mauerwerk in den Katakomben unter der reformierten Kirche in der Bülacher Altstadt zu Leibe. Sie verlegen Stromkabel und befestigen Lämpchen und Projektoren in den engen Gängen. Denn ab diesem Sonntag werden hier Besucher zum ersten Mal überhaupt Überreste aus der Vergangenheit bestaunen können. Neben Mauerresten aus den verschiedensten Epochen – die ältesten stammen aus dem 7. Jahrhundert nach Christi Geburt – gibt es hier auch Kalk-Grabplatten aus der Pestzeit oder das Altarfundament zu entdecken. «Dieses war früher unverzichtbar, wenn der Pfarrer während seiner Ritual-Zelebrierungen eine Verbindung zum Himmel herstellen wollte», weiss Bernhard Neyer, der Geschäftsführer der Kirchgemeinde Bülach. Denn dazu sei eine gute Erdung notwendig gewesen.Um den rund zwölf Meter langen Gang unter der Kirche betreten zu können, dürfen die Besucher aber keine Platzangst haben. Die Decke ist an den höchsten Stellen rund anderthalb Meter hoch. In einigen Durchgängen auch nur knapp einen Meter. Damit die Gruppen von bis zu 15 Personen keine Rückenschäden davonträgt, wird der hintere Teil des Gangs bestuhlt. Von dort aus werden die Zuschauer durch eine kommentierte Lichtshow geführt. Aber nicht nur in den Katakomben, auch in der Kirche selbst und im Kirchturm sind Kunstwerke ausgestellt. Ein Beitrag zum Stadtfest Dass die Ausstellung in der reformierten Kirche genau nach der nächsten Sonntagsmesse eröffnet wird, ist kein Zufall. Denn am gleichen Tag endet auch die letzte Etappe einer Stafette in Bülach. Mit ihr kommt eine Kopie der ersten schriftlichen Erwähnung Bülachs aus dem Jahr 811 im Bezirkshauptort an. «Uns wurde zugetragen, dass nicht nur die Stadt, sondern auch unsere Kirche im Dokument erwähnt wird», sagt Neyer. Und da deshalb auch die Kirche Geburtstag feiert, entschied sie sich, ihren Anteil am Fest zu leisten. Dafür haben die beiden Kirchensekretärinnen Bettina Bussinger und Regula Hobein auch den verstecktesten Winkel des Gotteshauses durchsucht und sind so auf zahlreiche Schätze und Zeitzeugen gestossen. Neben der alten Holzkanzel aus dem 17. Jahrhundert haben sie auch Büsten von Zwingli und Bullinger gefunden. Auf der Suche nach alten Wandbildern sind ihnen bisher verschollen geglaubte Kirchenfenster in die Hände gefallen. Sie werden derzeit von einem Glaser restauriert, erklärt Regula Hobein und fügt an: «Der Handwerker war von den Fundstücken dermassen begeistert, dass er meinte, sie könnten später auch in einem Museum ausgestellt werden.»Ein Teil der Ausstellung umfasst Leihgaben von Museen – Artefakte, die während der archäologischen Grabungen im Jahr 1968 entdeckt wurden. Rund ein Jahr verzögerte sich damals die Restaurierung der Kirche, weil neben Überresten von Öllämpchen und Lederschuhen auch das gut erhaltene Grab einer Adelsfrau entdeckt wurde. Dieses ist im Landesmuseum ausgestellt und gehört zu den wenigen Exponaten, welche die Ausstellungsbesucher nicht in natura, sondern nur auf einer Projektion betrachten können. Dabei wäre wenigstens ihr Schädel beinahe Teil der Ausstellung geworden. Vor zwei Jahren rief eine unbekannte Frau bei Bettina Bussinger an. «Sie erzählte mir, ihr Vater habe den Schädel der Adelsfrau einst angeschleppt und nun liege er bei ihr im Regal und störe immer beim Abstauben.» Die Frau schickte Bussinger den Schädel in einer Kartonkiste zu. Doch es war natürlich nicht der Schädel der Adelsfrau. Denn dafür war der Schädel in einem viel zu guten Zustand. «Das Original hätte durch Bodenabsenkungen flach gedrückt sein müssen», weiss Bussinger. So wurde der Kopf, den sie liebevoll «Johann-Jakob» taufte, nun Teil der Geburtstagsausstellung. «Der Schädel soll stellvertretend für all jene Toten stehen, die unter dem Kirchenboden vergraben wurden.» Die Katakomben der Bülacher Altstadt-Kirche werden für den Besucherandrang vorbereitet. Foto: Balz Murer

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