Zum Hauptinhalt springen

Robin Hood würde ausflippen: So viele Eiben auf einmal

Der Uetliberg ist eines der letzten europäischen Refugien für den Nadelbaum mit der roten Beere; sein Holz ist hart und biegsam und war deshalb begehrt für Pfeilbogen und Armbrüste.

Von Jürg Rohrer Zürich – Alle paar Jahre kommt eine deutsche Forstdelegation nach Zürich, geht von Leimbach die Fallätsche hoch – und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was die Forstleute an den steilen Hängen rechts des Rütschlibachs sehen, kennen sie nur aus Büchern: Eibenwälder, Eiben, so weit das Auge reicht. Das erzählte Rolf Holderegger am Sonntagnachmittag auf einer Exkursion vor 50 Interessierten. Er ist Leiter der Abteilung Biodiversität und Naturschutzbiologie an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, die ihr 125-Jahr-Jubiläum feiert. Allein am Uetliberg und an der Albiskette wachsen ungefähr so viele Eiben wie in ganz Deutschland; dort ist der Baum geschützt, hier nicht. In Österreich und Bayern war die Eibe schon Ende des 16. Jahrhunderts nahezu ausgerottet. England kaufte in halb Europa Eibenholz für seine Langbögen, zwei Meter lange Pfeilbögen, mit denen Rüstungen durchschlagen werden konnten. Auch vom Albis wurde exportiert, aber nicht viel. Robin Hood soll einen Eibenbogen besessen haben, wie auch Ötzi, die spätere Gletscherleiche. In Zürich war es umgekehrt: Das Militär hat die Eibe eher geschützt, denn wegen der ständigen Knallerei in der Allmend Brunau hielten sich die Rehe fern, die sich gern über die jungen Triebe hermachen. Dem Reh kann die Eibe nichts anhaben, obwohl fast alles an diesem Baum giftig ist. «Wenn ihr Schnudderbeeri esst, nur den roten Mantel, ja nicht die Kerne», mahnte der Exkursionsleiter; für Kinder könne das wirklich gefährlich sein. Eine Handvoll Eibennadeln würde auch einen Erwachsenen ins Grab bringen. Holderegger berichtete von den Römern, die davor warnten, Wein aus Eibenbechern zu trinken oder unter einer Eibe zu schlafen. Laut Julius Cäsar töteten sich die Germanen mit einem Eibensud, um nicht in römische Gefangenschaft zu geraten. Mal Busch, mal niedriger Baum Der Winter ist die ideale Zeit, um auf Eibenschau zu gehen, weil dann der immergrüne Baum inmitten der kahlen Laubbäume heraussticht. «Ihr werdet Eiben sehen zum Abwinken», versprach Holderegger. Und tatsächlich, je höher man auf feuchtem Pfad entlang des Rütschlibachs kam, desto mehr und grössere Eiben tauchten auf. Eiben haben vielfältige Formen, oft sind sie mehr Busch als Baum, und auch als Baum werden sie nur mittelgross, selten über 15 Meter. Die häufigste Form, in der uns hierzulande Eiben begegnen, sind gestutzte Hecken. Typisch für die Eibe neben den Beeren ist, dass ein Baum entweder männlich oder weiblich ist und dass es mehr weibliche als männliche Bäume gibt. Warum das so ist, weiss niemand. Charakteristisch ist überdies die geschuppte, rötliche Rinde. Wie ein hundertfüssiger Tatzelwurm bewegte sich die Exkursion den Hang hinauf und musste zwischendurch immer wieder die Hände zu Hilfe nehmen, um eine Stufe zu überwinden. Alle zehn Minuten wurde haltgemacht, um ein weiteres Geheimnis der Eibe zu erfahren. «Wann würden Sie blühen, wenn Sie ein mittelhoher Baum wären?», fragte der Exkursionsleiter. Das hat man sich tatsächlich noch nie überlegt. Im April und Mai, solange die Laubbäume noch kein Blätterdach bilden und die Pollen besser fliegen können. Jungen Eiben das Leben zu erleichtern, war mit ein Grund, warum Grün Stadt Zürich letztes Jahr den nördlichen Hang der Fallätsche ausgelichtet hat. Die Schweiz habe zwar einen grossen Eibenbestand, doch die Verjüngung sei wegen des Rehverbisses nicht mehr sichergestellt. Deshalb gibt es im Kanton Zürich ein Eibenförderungsprogramm, zu dem neben Auslichtungen auch der Schutz junger Bäume mit Schalen oder Zäunen zählt. Holderegger: «Gerade weil wir noch viele Eiben haben, stehen wir in der Verantwortung für diesen Baum.» Der Kanton Zürich hat die höchste Eibendichte in der Schweiz. Die Eibe steht auf Rang 30 der heimischen Waldbäume. Anderswo eine Rarität, in Zürich weit verbreitet: Eiben. Hier in der Fallätsche, erläutert von Baumexperte Rolf Holderegger.Foto: Christoph Kaminski

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch