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Plastischer Dialog — Maillol trifft auf Lehmbruck Erykah Badu, Gil Scott-Heron: Die Schöne und das Biest

Kurz & kritisch Kunst Winterthur, Villa Flora — Immer wieder lassen sich aus Gegenüberstellungen zweier Künstler interessante Diskussionsstränge entwickeln, die weiterführende Schlüsse zu beiden Œuvres bieten. Eine solche Zusammenführung ist in Winterthur zu sehen: In der Villa Flora treffen mit Aristide Maillol und Wilhelm Lehmbruck zwei Grossmeister der figurativen Plastik aufeinander. Während ein solcher Dialog im Ausland bereits beleuchtet wurde (2006 in Duisburg und 2008 in Paris), ist die Winterthurer Schau unter dem Titel «Sehnsucht und Erfüllung» eine Schweizer Premiere. Der Franzose Maillol (1861–1944), der erst als über 40-Jähriger durch das Zutun des bekannten Kunsthändlers Ambroise Vollard internationalen Ruhm erlangte, ist heute vor allem durch seine sinnlich-üppigen Bronzeskulpturen bekannt; ein Konvolut seiner Plastiken, aber auch seiner Malerei ist im Besitz der Sammlung Hahnloser/Jäggli. Der Deutsche Lehmbruck (1881–1919) hingegen hat sich vor allem mit stelenartigen, introvertierten Figuren einen Namen gemacht; sein bekanntestes Werk, der «Gestürzte» von 1915/16, gilt als Verkörperung der von Elend und Hoffnungslosigkeit geprägten Zeit im Ersten Weltkrieg. Jedoch schuf auch Lehmbruck bisweilen verblüffend heiter wirkende, rundplastische Figuren, deren Ästhetik sich stark an zeitgenössischen Vorbildern wie etwa Rodin und – nicht zuletzt – Maillol orientiert. In der Villa Flora werden, den intimen Räumen entsprechend, hauptsächlich kleinformatige Werke gezeigt; der Fokus liegt auf Darstellungen des weibliche Körpers. Wenig erstaunlich, sind die signifikantesten Unterschiede vor allem im Temperament der beiden Plastiker zu orten. Was mehr zu überraschen weiss, sind die gelegentlichen Berührungspunkte: So zum Beispiel der ähnliche Umgang mit dem weiblichen Modell — beide arbeiteten intensiv mit der eigenen Ehefrau als Muse — sowie die Wichtigkeit der Zeichnung für das Werk beider Künstler. Eindrücklich ist schliesslich auch die Gegenüberstellung von einigen Gemälden: Maillol trat hierzulande bisher nur selten als Maler in Erscheinung – Lehmbrucks Werke waren noch nie zu sehen. Karolina Dankow Bis 22. August 2010 Konzert Montreux, Miles Davis Hall — Draussen glüht der Sommer, drinnen ist nichts davon zu merken. Gil Scott-Heron sitzt hinter seinem Elektropiano und exorziert die Albträume seiner Heimat, was für ihn unweigerlich heisst, als Afroamerikaner in Amerika aufgewachsen zu sein. Er singt vom «Winter in America» (Songtitel), von nuklearer Kernschmelze in Ballungsgebieten («We Almost Lost Detroit») und vom Irak-Krieg mit dem unablässig wiederholten Mantra «I don’t want to hurt nobody» («Work for Peace»). Seine abschüssige Stimme hat alle Höhen verloren und stirbt gegen die Zeilenenden tonlos ab. Oder sie rekonzentriert sich in einem hypnotisch beschwörenden Sprechgesang, der ihn berühmt machte und mit dem der 61-Jährige vor 40 Jahren den Rap vorwegnahm. Bei seinem letzten Schweizer Konzert, das war Mitte der Neunziger in der Roten Fabrik, sah man einen taumelnden Alkoholiker auf der Bühne. «Das war aus jener Zeit, in der ich verschwunden war», sagt er in Montreux eines seiner Lieder an. Tatsächlich war der Musiker und politische Aktivist, der schon früh gegen Drogensüchte angesungen hatte, in den letzten Jahren mehrfach im Gefängnis wegen Kokainbesitzes. Er hat sich offensichtlich gefangen, denn so düster die Themen seiner Lieder bleiben, so wach und aufgeräumt gibt sich ihr Autor. Gil Scott-Heron spielt im Vollbesitz seiner Kräfte, macht Witze mit dem Publikum und gibt ein grossartiges Konzert. Es bestätigt das Comeback, das ihm mit seinem letzten Album eindrücklich gelungen ist – ironischer Titel «I’m New Here»; schade, dass er so wenig daraus spielt. Nach dem Hageren die Schöne, auf den Zornigen folgt die Sonnige, Gil Scott-Heron macht Platz für Erykah Badu.Auch sie hatte eine Schaffenskrise zu überwinden; ihren letzten beiden Alben nach zu schliessen, scheint ihr das gelungen zu sein. In Ermangelung besserer Kategorien wird die 39-Jährige dem New Soul zugerechnet. Das heisst in ihrem Fall, dass sie über alle Stile der schwarzen Musikkultur verfügt und diese, von einer exzellenten Band zurückhaltend begleitet, verschwenderisch in ihren Auftritt einbaut: Mal singt sie im kahlen Stil der Billie Holiday, dann intoniert sie mithilfe ihrer Begleiterinnen Doo-Wop oder Gospel, zwischendurch rumpeln und zischen Hip-Hop-Beats, die sie auf ihrem Laptop abruft, oder sie skandiert den wortlosen Scatgesang des Jazz. Bei aller Brillanz erlahmt mit der Dauer das Interesse. Einerseits weil die Sängerin sich zunehmend in ihren Stilzitaten verheddert und ihre Stücke an Kontur verlieren. Dann aber vor allem, weil ihre alles überstrahlende Eitelkeit den Kontakt zum Publikum und zu den Musikern gleichermassen beeinträchtigt. «Wenn ich wählen muss, wähle ich mich», singt sie einmal. Das ist aufrichtig, aber nicht interessant. Da hatte der bissige Skeptiker vor ihr entschieden mehr zu bieten. Erykah Badu gefällt sehr, wie sie singt. Gil Scott-Heron weiss genau, wovon er redet. Jean-Martin Büttner Berührungspunkte: Plastiken von Wilhelm Lehmbruck (l.) und Aristide Maillol. Fotos: PD

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