Zum Hauptinhalt springen

Oskar Pastior war Geheimdienst-Informant Nachwuchstalente im Orpheum-Konzert Lara Stoll gewann die erste Schweizer Meisterschaft

Kurz & kritisch Literatur Mehr als 20 Jahre liegt die politische Wende in Osteuropa nun zurück, und noch immer kommt es zu Enthüllungen über die Verstrickung in die Geheimdienste der einstmals kommunistischen Staaten. Nun ist die Verpflichtungserklärung des Dichters Oskar Pastior bekannt geworden (TA vom 18. 9.). Pastior, 1927 im rumänischen Hermannstadt geboren, der deutschsprachigen Minderheit zugehörig, wurde 1945 in ein sowjetisches Zwangsarbeitslager deportiert, aus dem er erst 1949 zurückkehrte. Über seine schrecklichen Erfahrungen hat Herta Müller, in Zusammenarbeit mit ihm, den Roman «Atemschaukel» geschrieben. Pastior studierte nach seiner Rückkehr Germanistik, arbeitete als Rundfunkredaktor in Bukarest und hatte einige Gedichte über seine Lagerzeit geschrieben, die laut offizieller Literaturdoktrin als «feindlich» galten; er war mit bereits verhafteten Autoren befreundet, zudem war er homosexuell: All das machte ihn erpressbar. Unter diesem Druck ist 1961 seine schriftliche Bereitschaft zur Mitarbeit als «IM Stein Otto» beim Geheimdienst Securitate zustande gekommen, die vom Osteuropa-Experten Stefan Sienerth nun entdeckt und veröffentlicht wurde. Pastior bittet «die Organe der Securitate um die Möglichkeit, mich zu rehabilitieren und durch konkrete Taten meine Aufrichtigkeit und Loyalität gegenüber dem demokratischen Regime in der RVR zu beweisen». Er wolle «alle Anstrengungen» unternehmen, «um dem Regime feindlich gesonnene Elemente zu entlarven». Bisher ist freilich nur ein einziger Fall bekannt, in dem Pastior Informationen geliefert hat. Seine Securitate-Akte enthält ansonsten nur Material, das ihn selbst belastet (schon der Student Pastior wurde von zwei seiner Universitätslehrer bespitzelt). 1968 nutzte Pastior eine Reise nach Österreich, um sich nach Deutschland abzusetzen. Dabei legte er den deutschen Behörden seine Tätigkeit offen, beschloss aber ansonsten, wie es auf einem Notizblatt heisst, «den ganzen Ekelkomplex in den Orkus zu schicken». Er hat offenbar nie wieder mit jemandem darüber geredet. Im Abschlussbericht der Securitate heisst es über den «IM Stein Otto», er habe «kein Interesse gezeigt» und sei «seiner Verpflichtung nur auf formale Weise nachgekommen». Nach allem, was man jetzt weiss, ist Pastior ein Fall einer durch Erpressung zustande gekommenen, wohl ineffektiven Geheimdienst-Zuarbeit. Herta Müller, selbst Stasi-Opfer, mit Pastior eng befreundet, aber ohne Kenntnis seiner Verpflichtung, äusserte erst «Erschrecken» und «Wut», dann aber Anteilnahme und Trauer. Pastior selbst ist 2006 gestorben, kurz bevor er den Büchner-Preis hätte entgegennehmen können. Martin Ebel Konzert Zürich, Tonhalle – Die Orpheum-Stiftung unterstützt junge Talente. Ihr diesjähriges Extrakonzert stand aber weniger im Zeichen des singenden Orpheus, sondern vielmehr in dem von Prometheus. Denn mit David Kadouch kam loderndes Feuer voller jugendlicher Durchschlagskraft in den voll besetzten Tonhallesaal. Energisch ging Kadouch das Allegro von Beethovens 5. Klavierkonzert an. Bei den chromatischen Läufen, mit denen Beethoven den festlichen Aplomb ins brennende Licht steigert, stoben Funken. Was vielleicht etwas zu kurz kam, war das lyrische Ich, das sich gegen die tosende Vereinnahmung wehrt. Bei ihm spürte man stattdessen auch in den filigransten Passagen, dass das Klavier Hämmerchen hat. Im Zweifel ist Kadouch für das Martialische. Beim zweiten jungen Talent des Abends war es umgekehrt. Die Geigerin Vilde Frang interpretierte das Violinkonzert von Sibelius mit kontrollierter Impulsivität, die aus Sibelius’ kleinzelliger Bauweise ein mal von fiebriger, mal von zarter Emotion durchglühtes Ganzes machte. Erstaunlich, wie viel Wärme aus dem hohen Norden kommt. Was man allerdings teilweise vermisste, war Lebendigkeit und sprechender Ausdruck. Frang hat zwar alles wunderbar durchdacht und disponiert. Aber sie verzichtete auf alles Dionysische oder auch nur haltlos Treibende. Im Unterschied zu vielen anderen Geigern, die das Emotionale, Draufgängerische vordergründig favorisieren, hat sie sich als kunstvoll dosierende Stilistin präsentiert. Die ebenso wie Kardouch mit der sensiblen Begleitung des Tonhalle-Orchesters und David Zinmans ihre ganz eigene Sichtweise in die Musik einzubringen weiss. Tom Hellat Poetry Slam Olten, Schützi – Lara Stoll, die 23-jährige Winterthurerin, einer der Stars der Szene, erhielt als Preis eine Whiskyflasche, eine bizarre Spotlampen-Skulptur und, nebst Ruhm und Ehre, auch einen Startplatz am «National» in Essen und an der EU-Meisterschaft der Poetry Slammer nächstes Jahr in Frankreich. Die Regeln sind einfach: Die Texte müssen selbst verfasst sein, Requisiten sind nicht erlaubt, das Zeitlimit beträgt sechs Minuten. In Olten traten insgesamt 30 Kandidaten an (darunter 7 Frauen). Stolls Darbietung war amüsant, mit einem hoch entwickelten Sinn für Timing vorgetragen, hätte aber problemlos in eine TV-Comedy gepasst. Ist der auf subkulturellem Humus gewachsene Poetry Slam mittlerweile in unserer Spassgesellschaft angekommen? Alexander Sury Oskar Pastior in Kopenhagen im Jahr 2006. Foto: Isolde Ohlbaum

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch