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Nach Bodineks Vorstellung rumort es in den Köpfen der Besucher

Mit grossem Talent für Spannungsbögen: Erzähler Werner Bodinek lotst das Publikum bei seiner Vorstellung im Kulturraum Thalwil durch zwei unlösbare Geschichten.

Thalwil. - So steigt man gerne in ein Theater ein: Der Schauspieler erklärt mit Entdeckerleidenschaft, weshalb das Stück «Dame oder Tiger» ein Geheimtipp ist und wie er es der Nachlassverwalterin des Autors Frank Richard Stockton abgeluchst hat. Und er möbelt das schon etwas angestaubte Alter (1882) des Stücks mit einer spektakulären Faktenkaskade zur Entstehungszeit auf: Die Tuberkulose grassierte, und das Maschinengewehr wurde erfunden. Damit hat er die Neugierde des Publikums gewonnen.

Heiraten oder Sterben

Als Erzähler bestreitet Werner Bodinek den ganzen Abend am Freitag im Kulturraum Thalwil alleine und lockt das Publikum mit grossem Talent für Spannungsbögen immer tiefer ins Stück hinein, das verschachtelt ist wie eine russische Matrjoschka. Die märchenhafte Geschichte beginnt mit einem halbbarbarischen König, der sich in seiner Arena ein Vergnügen daraus macht, schuldig gesprochene Untertanen zwischen zwei Toren wählen zu lassen: Entweder kommt - wie der Titel schon sagt - ein Tiger oder eine Dame heraus. Von Ersterem wird man gefressen, mit Zweiterer verheiratet.

Diese Wahl hat nun auch der normalsterbliche, ungeeignete Liebhaber der Königstochter. Sie weiss, was hinter den Toren steckt, doch was wünscht sie ihm? Den Tod oder die Heirat mit einer anderen Frau? Der Erzähler überlässt die Frage dem Publikum und liest inzwischen Zuschriften vor, die der Autor Stockton damals auf diese Geschichte hin erhielt. So entschieden wie die Meinungen auseinandergehen, so entschieden werden sie von den Lesern geäussert.

Stockton hatte dieses Hin und Her mit einer zweiten Geschichte gekontert. Er verspricht die Auflösung der ersten Geschichte, wenn man die Antwort auf eine zweite finde: Ein junger Prinz ist blind verheiratet worden und muss nun seine Frau unter 40 Hofdamen wiedererkennen: Eine lächelt, eine verzieht das Gesicht, als er vorbeigeht, welche von beiden ist es? Beides wäre genauso gut möglich.

Auf dem Höhepunkt dieser Frage und wiederum ohne Antwort verlässt der Erzähler den Raum. Zurück bleiben auf der spartanischen Bühne zwei eindrückliche Bilder, die vom spielerischen Einsatz der Requisiten zeugen: Eine kleine weisse Figur, geknetet aus einem nassen Papiertaschentuch, hat die Wahl zwischen zwei Toren, ein Buch, wie eine Ziehharmonika aufgefaltet, lässt dank einer Kerze weibliche Profile durchschimmern, die an die 40 Damen erinnern.

Die gekonnte Verknüpfung zweier unlösbarer und eben deshalb faszinierender Geschichten rumort noch in den Köpfen des Publikums. (jh)

Werner Bodinek spielte in Thalwil.

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