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Marine Le Pen schreckt das politische Establishment auf

Die Chefin des Front national würde laut einer Umfrage den ersten Durchgang der französischen Präsidentenwahl gewinnen.

Von Oliver Meiler, Marseille Eine Zahl wie ein fettes Ausrufezeichen: 23. Marine Le Pen, Tochter Jean-Maries, seit kurzem an der Spitze des rechtsextremen Front national, würde den ersten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahlen, wenn er denn heute stattfände, mit 23 Prozent der Stimmen gewinnen. Die Zeitung «Le Parisien» hat am Sonntag die Resultate einer Umfrage publiziert, bei der sie Le Pen Präsident Nicolas Sarkozy und der Chefin der Sozialisten, Martine Aubry, gegenüberstellte. Die beiden etablierten Politiker schafften es in der Gunst der befragten Franzosen nur auf 21 Prozent. Nun muss man natürlich dazu sagen, dass erst in 14 Monaten gewählt wird, dass weder Sarkozy noch Aubry als Kandidaten feststehen, dass der Anteil der Unentschlossenen 35 Prozent beträgt und dass ein Sieg Le Pens in einer allfälligen Stichwahl sehr unwahrscheinlich wäre. Dennoch hat der «Parisien» mit seiner Studie für viel Aufregung gesorgt – in allen politischen Lagern. Die Geister des 21. April 2002 werden wach. Das Datum steht in Frankreich für eine republikanische Schmach. Damals schaffte es Le Pen senior zum ersten und einzigen Mal in den zweiten Durchgang einer Präsidentenwahl. Er warf den Sozialisten Lionel Jospin aus dem Rennen, ging dann aber im zweiten Umgang unter. Was macht Strauss-Kahn? Nun also scheint das Szenario erneut möglich, und zwar in beiden Konstellationen: Le Pen gegen rechts oder Le Pen gegen links. Mit Sicht auf Sarkozys rekordschwache Popularitätswerte mutet ein «umgekehrter 21. April», wie die Medien eine mögliche Erstrundenniederlage des Amtsinhabers nennen, eher möglich als eine Neuauflage des sozialistischen Debakels. Vor allem dann, wenn Dominique Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds, für die Linke antreten sollte. DSK ziert sich noch, hält die Genossen hin, sorgt so für Intrigen vor den Primärwahlen, steht aber in allen Umfragen ganz oben in der Gunst der Franzosen. Hätte «Le Parisien» ihn gegen Le Pen und Sarkozy antreten lassen, wäre das Resultat wohl ganz anders ausgefallen. Selbst im rechten Lager hat der liberale Linke Freunde. Man hält ihn für eine international renommierte Persönlichkeit, die Frankreichs Auftritt in der Welt wieder etwas Glanz verleihen könnte. Und so geht in Sarkozys Entourage die Sorge um, der Präsident könnte in einem Wettstreit mit Strauss-Kahn dramatisch eingehen. Wiederwahlchancen werden Nicolas Sarkozy derzeit nur eingeräumt, wenn der Wahlkampf besonders hart und hässlich wird, wenn er also auf dem Terrain des Front national ausgetragen wird und fast ausschliesslich um Fragen zu Immigration und innerer Sicherheit, zu nationaler Identität und Islam dreht – in einem explosiven Mix. In diesen Dossiers ist die Linke traditionell schwach und geniert. Sarkozy fördert sie mit aller Macht, damit seine Gegner der Agenda hilflos hinterherrennen und gar ins Abseits geraten. Doch geht die Rechnung auch auf? Oder sind die Franzosen der taktisch forcierten Debatten überdrüssig? Am meisten profitiert zunächst das «Original» des unappetitlichen Rechtspopulismus: Marine Le Pen gibt sich euphorisch über die Umfrageresultate. Sie fühlt sich «bestätigt und aufgemuntert», tourt durch volle Festsäle in der Provinz, tritt in allen nationalen Talkshows auf, nutzt den Volksverdruss über das eingesessene Politestablishment und dessen Skandale und Affären. Im Ton ist sie etwas gemässigter und moderner als ihr Vater. In der Sache aber ist sie kein bisschen moderater. Und in den Umfragen ist sie so stark, wie es Jean-Marie Le Pen nie war. Marine Le Pen bei einem Parteiauftrittin Tours.Foto: Jacques Brinon (Keystone) Vorname Name Text (max. 5-zeilig)

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