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Mamita in rosa Puschel-Pantoffeln

Sebastian Baumgarten peppt in der Schiffbau-Box Eugène Labiches komödiantischen Kassenschlager «Die Affäre Rue de Lourcine» postmodern auf. Alles stimmt – und macht trotzdem irre müde.

Von Alexandra Kedves Rrrrumms! So spektakulär und ohrenbetäubend ist der Vorhang noch nie aufgegangen. Sebastian Baumgarten lässt die Kulisse einfach auf die Bühne knallen, und zwar mit solcher Wucht, dass der Luftstoss dem Besucher den Hut vom Kopf lupfen würde – hätte er am Donnerstag in der Box im Schiffbau einen auf. Da fällt eine Wandfassade mit Karacho um, und wie in einem Riesen-Aufklappbuch springt uns daraus eine ganze Welt entgegen, halb in 3-D und halb nur auf den Fond gemalt oder projiziert. Es ist eine bürgerliche Welt, eine, in der der Bourgeois besagten Hut trägt und einen Regenschirm mit Affenkopf dazu. Eine, in der das Chaos draussen vor der Tür bleibt, nicht drinnen passieren darf in diesem Salon mit Goldtapete und Goldschirmlämpchen, mit Kamin und Wasserkrug aus dem 19. Jahrhundert (Bühne: Thilo Reuther). Eugène Labiche (1815–1888) macht genau das, was man nicht darf, und jagt die Behaglichkeit der Bourgeoisie durch den Reisswolf der Komik. Wenn er die Fassaden stürzen lässt, sieht man fiese und feige Spiesser unbehütet und ohne Schirm, sozusagen nackt und bloss, vor ihrem Spiegel mit Goldrahmen stehen. In Labiches Komödien-Hit «Die Affäre Rue de Lourcine» aus dem Jahr 1857 wacht der Privatier Lenglumé (im Schiffbau wunderbar verwirrt: Klaus Brömmelmeier) aus schwerem Schlaf auf und findet sich in einem Albtraum wieder. In seinem Bett liegt ein fremder Mann, in seiner Jackentasche hat er Kirschkerne und Kohlenstücke und in seinem Kopf kaum mehr als ein Monster von einer Migräne: Die Erinnerung an den vergangenen Abend ist weg. Und der Schirm mit dem Affenkopf auch. Die Farce um den feinen Pinkel, der mit seinem alten Schulkameraden auf Sauftour war und am nächsten Morgen wegen eines Zeitungsartikels fälschlicherweise annimmt, sie beide hätten im Rausch ein Kohlenmädchen erschlagen, sie ist bitterböser Boulevard, kesser Klamauk, sacht gesellschaftskritisches Klippklapptheater mit raschen Auf- und Abtritten, Irrtümern und kleinen Intrigen und einem scheinbar harmlosen Happy End. Eine Affäre ohne Reiz Und sie ist ein Dauerbrenner, auch bei uns. Marthaler hat die «Affäre» einst in Basel gezeigt, Dünsser/Kukla in Zürich, man konnte sie auf der Schaubühne Berlin sehen und am Theater Biel Solothurn und vor wenigen Jahren im Rahmen der Série française auch am hiesigen Schauspielhaus. Aber mal ganz ehrlich: Wirklich reizvoll für den Zuschauer ist sie nicht. Auch nicht in der Übersetzung von Elfriede Jelinek. Trotzdem muss eins hier unbedingt vorab gesagt werden: Was Sebastian Baumgarten in der Box an fetziger Oberflächen-Dekonstruktion hinlegte, war die süffigste Variante dieses Stücks, die ich bis jetzt gesehen habe. Die Schauspieler brillierten in ihren karikaturesken Rollen: hinreissend zum Beispiel Jan Bluthardt als Diener Justin bei M. und Mme Justin, der hier wie ein Black Minstrel zurechtgemacht ist, auch schon mal «Neger» genannt wird, aus Kuba stammt, Voodoo mag, ständig Spanisch parliert («venceremos»), seine Chefin anmacht («ay, mamita») und sich zudem nur hüftschwingend und tanzend fortbewegt. Oder Madame selbst mit ihren rosa Puschel-Pantöffelchen und ihrer Fünfzigerjahre-Frisur, die den Stücktext gern mal auf Französisch spricht und zwischendurch auf die Suche nach sich selbst geht in einem Scifi-Bett (eine grossartige Carolin Conrad). Auch Lenglumés Schulkamerad Mistingue, der geradezu als Klon des Hausherrn auftritt – sie teilen sich sogar die Brille –, versteht sich in der Gestalt von Miguel Abrantes Ostrowski aufs Pantomimische und Parodistische, auf die überdrehte Geste, die grotesken Gummikörperwindungen. Dazu swingt und jazzt die Musik; es dürfen auch mal Pariser Akkordeon-Noten sein oder Orgeltöne (Musik: Christoph Clöser), und man merkt, dass Baumgarten aus der Opernregie kommt. Diese präzise Possen-Choreografie potenziert Stefan Bischoff zusätzlich mit seinem Video-Einsatz von der Live-Kamera bis zum Schwarzweiss-Standfoto: Fälschung und Flüchtigkeit der Oberfläche überall. Eine Story zum Gähnen Alles ist Game: die Realität bloss ein Taschenspielertrick, der von Stichflammen im Kamin bis zu Wassertropfen von der Leinwand reicht; und die Sprache ein Wortspiel, von denen es in Baumgartens Inszenierung eine Unmenge gibt. Da ist von «den Feuilletons und den Farkozys» die Rede, man diskutiert die Nerven Gottes und die eigenen – textfremd das alles, und dennoch bringt es den 75-minütigen Abend nicht aus dem Tritt. Der Rhythmus stimmt, das Handwerk auch, da klappert nichts, da klappt alles. Und doch drängt sich bald die Frage auf: wozu? Die Story ist dünn, der Unterhaltungswert begrenzt, das Innovations- und Irritationspotenzial tendiert gegen null. «Ists vorüber, lacht man drüber», heisst es bei Labiche am Schluss. Bei Baumgarten lacht man am Anfang, mit der Zeit gähnt man. Und erwacht erst wieder, als zum Finale Sessel und Sofa schwerelos über die Leinwand schweben zum berückenden Song von Brigitte Fontaine «Il se passe des choses ici, j’aime mieux rester au lit». Alles Effekthascherei: Das Bühnenbild, das Durcheinander – und die Perücke der Norine Lenglumé (Carolin Conrad).Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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