Zum Hauptinhalt springen

Liebevolle Schüsse in Richtung Prime Tower

Ausschlafen am 1. August? Nicht in Küsnacht. Hier grüssen die Wulponiten frühmorgens mit Kanonendonner den Rest der Nation.

Von Daniel J. Schüz Küsnacht – Am Nationalfeiertag, morgens um sieben, ist die Welt am Küsnachter Horn noch in Ordnung. Wie in Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» lächelt der See, er ladet zum Bade. Und am grünen Gestade hört der schlafende Knabe den Klang der Flöten. Flöten? Ein Trompeter und vier Tambouren sind neben der Chrott in Stellung gegangen, und was sie von sich geben, klingt wohl nur in den Ohren der Wulponiten wie Schillers «süsse Stimmen der Engel». Die Chrott ist eine über hundert Jahre alte Feldkanone, benannt nach einer Kröte, um die sich eine alte Küsnachter Fabel rankt. Und Wulponiten nennen sich die derzeit 93 Mitglieder der patriotischen Vereinigung Wulponia, die sich seit 42 Jahren jeweils am Morgen des Bundesfeiertags auf brachiale Art Gehör verschaffen. Zur Not die Finger in die Ohren «Unserem Stand Zürich zu Ehr und Gruss», kommandiert Feuerleiter Jürg Lattmann. «Ein Schuss – Feuer!» Ein ohrenbetäubender Knall zerreisst das Idyll. Für den Bruchteil einer Sekunde formt sich vor der Mündung des Geschützes ein Feuerball, weissgrau stiebt Pulverdampf um die Stützbeine der Chrott, Kartonfetzen und Korksplitter prasseln aufs Wasser. Der Seerettungsdienst patrouilliert mit einem Schiff in Ufernähe, damit sich keiner vor die Kanone wagt. Das Sicherheitsreglement schreibt vor, dass einen Gehörschutz braucht, wer bis zu 5 Meter hinter und bis zu 20 Meter neben der Chrott steht. Aber Gemeindepräsident Max Baumgartner (FDP), der sich unter die über hundert Schaulustigen gemischt hat, und Pfarrer Andrea Bianca, der in Anzug und Krawatte mit dem Mountainbike angeradelt ist, wissen sich anders zu helfen: Sie stecken sich die Finger in den Gehörgang, als Feuerleiter Lattmann erneut die Stimme erhebt: «Den Ständen ob und nid dem Wald zu Gruss und Ehr: Feuer!» Schon zieht Geschützchef Hanspeter Voegeli die Zündleine. Während der Rauch ihm in die Nase steigt, schüttelt er die Hand. «Das ist gar nicht so einfach», beklagt er sich lachend. «Diese Kanone scheint für Linkshänder gemacht.» Zürich, Bern und Luzern sind die ersten Kantone, die mit jeweils einem Salutschuss zum 1. August willkommen geheissen werden. Danach gilt die Chronologie des Beitritts zur Eidgenossenschaft, für jeweils zwei Halbkantone wummert die Chrott nur einmal. Zwischen den Donnerschlägen spielen Trompeter Lukas Hering und die vier Tambouren vaterländische Melodien – «Luegid vo Bärg und Tal», «Gilberte de Courgenay», «Addio la caserma». Mit scharfer Munition würde die Kanone ihr Ziel auf 6 bis 7 Kilometer Distanz nicht verfehlen, erklärt Wulponia-Obmann Heini Dimmler. Zwar sei das Rohr auf die Stadt gerichtet, auf ein Ziel «irgendwo zwischen Lochergut und Prime Tower», doch das sei alles andere als eine kriegerische Geste. «Im Gegenteil: Zürich liegt in unserem Gesichts-, aber nicht im Schussfeld.» Die Zürcher schiessen zurück Trotzdem: Seit 7.14 Uhr schiessen die Zürcher zurück. «Eine Minute zu früh», sagt Dimmler nach einem Blick auf seine Uhr und schmunzelt, als ferner Geschützdonner über den See hallt. Vom Kolbenhof aus, beim Albisgüetli, feuern städtische Artilleristen 38 Salutschüsse ab – «sie zählen jeden Halbkanton und ihre zwölf Stadtkreise einzeln», erklärt Dimmler, für den das Zwiegespräch der Kanonen am frühen Morgen des Bundesfeiertages ein «schöner Zufall» ist. Abgesprochen sei das nicht. Dieser 1.-August-Brauch werde seines Wissens nur in Zürich gepflegt – «und hier in Küsnacht». Mit dem letzten Donnerschlag haben die Wulponiten knapp 1200 Franken verschossen. «Ein Schuss kostet 53 Franken», rechnet Kassier Hansruedi Wehrli vor, aber das übernehme zum Glück die Gemeinde. Auch das folgende Frühstück in der «Sonne» ist gesponsert – es unterstreicht die interkantonale Freundschaft: Der Weisswein stammt vom Zürichsee, der Bergkäse kommt aus dem Bündnerland, und das Rezept für die Mehlsuppe hüten die Basler fast so streng wie die Wulponiten das Versteck ihrer Chrott . . . Die alte Feldkanone mit Namen Chrott erzeugt auch ohne echte Munition ein ordentliches Mündungsfeuer. Foto: Patrick Gutenberg

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch