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Leben und Lieben am Boxhagener Platz Zwickypedia und andere Abenteuer Bachs Kompositionen mit heissem Herzen gespielt

Kurz & kritisch CD Es hat im Film schon manche Liebe kurios angefangen. Aber hat eine je damit begonnen, dass ein Mann eine Frau fragte, ob sie so gut sein wolle und seine Frau auch mitgiessen würde? Eine liebenswerte, lakonische Szene, anbaggerungstechnisch gewissermassen aus der real existierenden Skurrilität des Lebens gegriffen. Sie stammt aus dem deutschen Spielfilm «Boxhagener Platz» (Regie: Matti Geschoneck) und spielt auf einem Friedhof. Der Mann meint natürlich das Grab seiner verstorbenen Frau, meint aber auch die Erinnerung an ein Leben, das eine Erfrischung vertragen könnte; und so entsteht eine Romanze von inniger Sachlichkeit zwischen Karl (Michael Gwisdek) und Otti (Gudrun Ritter), die auf besagtem Friedhof bereits fünf eigene Ehemänner zu giessen hat und einen sechsten, den Rudi, bald zu giessen haben wird. Es herrscht die Stimmung eines sehr lebenswilligen Tötelns, und vielleicht steckt darin in diesem Fall sogar eine diskrete historische Metapher. Denn «Boxhagener Platz» führt uns – das ist eigentlich das Thema – ins Ost-Berlin von 1968, genauer: ins Mikrokosmische der DDR in ihrem scheinlebendigen Sozialismus. Und in dieser Realität, in der der Optimismus des Klassenkampfs zu Phrasen verdorrt, beobachtet der 12-jährige Holger (Samuel Schneider), wie es so läuft zwischen Otti, seiner Grossmutter, und Karl, dem alten Spartakisten; und jenseits der Mauer klingt es nach dem hoffnungsvollen Lärm der Studentenrevolte, und diesseits der Mauer lernt Holger viel über die tödlichen Risiken des offenen Worts und das viel bequemere Maulhalten. Ein glaubwürdiger, tragikomischer kleiner Berlin-Film (nach dem gleichnamigen Roman von Torsten Schulz), ohne Nostalgie und ohne Polemik. Vermutlich wars einfach so am Boxhagener Platz und rundherum. Behaglich unmenschlich und unbehaglich menschlich. Gelebt haben möchte man dort nicht. Begraben worden sein übrigens auch nicht, selbst wenn eine Otti einen mitgösse. Christoph Schneider Boxhagener Platz (D 2010). Regie: Matti Geschoneck. Alive/Praesens, ca. 32 Fr. Comic Seit 2001 lieben TA-Leserinnen und -Leser eine montenegrinische Kassiererin namens Eva Grdjic. Doch ihre Schöpfer, der Zeichner Felix Schaad und der Texter Claude Jaermann, arbeiten schon seit bald zwanzig Jahren zusammen. Für den «Nebelspalter» entstanden ab 1994 doppelseitige Comics über die Abenteuer des selbst ernannten Vorzeigeschweizers Kurt Zwicky und seiner Familie. Vom 21. Januar 2005 an drängte sich Zwicky auch mit erfolgreicher Penetranz in die Eva-Strips im «Tages-Anzeiger». Aus Anlass der Ausstellung «Jaermann/Schaad. Schweizerpsalm und andere Abgesänge», die noch bis diesen Sonntag im Cartoonmuseum Basel zu sehen ist, sind nun alle 88 Geschichten aus dem «Nebelspalter» sowie 336 Strips aus dem TA im Sewicky-Verlag erschienen. Thomas Bodmer Claude Jaermann/Felix Schaad: Zwickypedia. Sewicky-Verlag, Winterthur 2011. 304 S., ca. 48 Fr. Konzert Zürich, Grossmünster – Die historische Aufführungspraxis ist aus der Musik nicht mehr wegzudenken. Neu ist allerdings, dass nun auch Gottesdienste davon erfasst werden. Wie im Grossmünster, wo das Bach Collegium Zürich am Donnerstag einen lutherisch-evangelischen Festgottesdienst veranstaltete, wie er zur Wirkungszeit Johann Sebastian Bachs in Leipzig gefeiert wurde. Überraschenderweise unterscheidet er sich von heutigen Sonntagsgottesdiensten kaum. Nur die Musik, sie spielt natürlich eine prominentere Rolle: Schon der Beginn zeugte davon, wenn über 30 Minuten lang nur Musik erklang und mit geradezu elysischer Sanftheit von der Empore in die Kirche strömte. Das Bach Collegium Zürich unter der Leitung von Bernhard Hunziker spielte denn auch Bachs Kompositionen mit heissem Herzen und liess die Verzückung beispielsweise in den «Gloria»-Teilen fast überschwappen – die spirituelle Botschaft ergab sich mit traumwandlerischer Leichtfüssigkeit. Man hatte manchmal den Eindruck, mehr ein akustisches Ritual mitzuerleben, als einem klassischen Gottesdienst beizuwohnen. Schade, dass die Gesangssolisten den Emotionspegel nicht ganz halten konnten. Doch wer offen ist für die besondere Gestimmtheit solcher Gläubigkeit, den wird die in ihrer schlichten Grösse ausdrucksvolle, in ihrer musikalisch-rhetorischen Verflochtenheit aussagekräftige Musik im liturgischen Kontext tief berühren. Denn der von Martin Petzold zusammengestellte Festgottesdienst vermittelte eine Vorstellung davon, wie man zu Bachs Zeiten Glaubensinhalte spannend und dabei dennoch vollkommen ernsthaft zu vermitteln wusste (auch die Predigt des Pfarrers Christoph Sigrist lebte von diesem Geist). Bleibt noch, auf das meisterhaft minutiöse «Programmheft» hinzuweisen: Wer sich als sporadischer Kirchgänger schon mal gefühlt hat wie das schwarze Schaf unter den Lämmchen der Gemeinde, den führte es sicher durch den Gottesdienst. Dem Eingefleischten dagegen bot es fundierte Informationen zum Verständnis dieses «historisch korrekten» Gottesdienstes». Tom Hellat Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur Mikrokosmos der DDR: Holger (Samuel Schneider, l.), Karl (Michael Gwisdek). Foto: PD

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