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Lars Imhofs künstlicher Herzmuskel

Der Wädenswiler Produktedesigner Lars Imhof hat ein neuartiges und preisgekröntes Reanimationsgerät entwickelt. Sanitäter sind davon begeistert, trotzdem wird es wohl nie in Serie gehen.

Ein Produkte- und Industrialdesignerbefasst sich mit den Produkten und Prozessen, die uns umgeben. Er bekommt entweder von einem Hersteller den Auftrag, ein Produkt zu gestalten, neu zu definieren, oder er stellt sich selbst eine Aufgabe,deren Ergebnis er dann später einem Hersteller anbietet. Grundanforderung, die der Industrialdesigner bei seiner Arbeit berücksichtigen muss, ist die Umsetzbarkeit des Entwurfs in einen industriellen Fertigungsprozess. Er gestaltet keine Unikate, sondern Produkte, die in einer seriellen (Massen-)Produktion hergestellt werden. (aku) Von Andreas Kunz Wädenswil – «An Ideen mangelt es nie, nur an der Zeit», heisst es unter Designern. So war es auch bei der Master-Diplomarbeit des Wädenswiler Produktedesigners Lars Imhof und seinem Partner Marc Binder. An die zweihundert Ideen hatten sie ursprünglich im Kopf, am Schluss entschieden sie sich für die Entwicklung eines Reanimationsgerätes. Dabei haben sie sich von Anfang an hohe Ansprüche gesetzt. «Wir wollten etwas Sinnvolles machen», sagt Imhof. «Etwas, das fasziniert, neugierig macht und Emotionen weckt. Schliesslich geht es um Leben und Tod.» In 10 Sekunden einsatzbereit Herzinfarkte und Schlaganfälle gehören zu den häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Bei einem solchen Notfall ist das Reax getaufte Reanimationsgerät in zehn Sekunden einsatzbereit. Dem Patienten übergezogen, funktioniert es wie ein künstlicher Herzmuskel. Das auf dem Thorax-Pumpmechanismus basierende Gerät komprimiert in regelmässigen Abständen den kompletten Brustkorb. So werden die Blutreserven aus Lunge oder Leber gepresst und fliessen effizienter und gleichmässiger ins Hirn als bei einer manuellen Herzmassage. Sanitäter können, sobald das Gerät einmal in Betrieb ist, weiterführende Massnahmen ergreifen. Selbst während des Transports in den Operationssaal oder der Computertomografie läuft die Reanimation automatisch weiter. Für den nötigen Druck auf den Brustkorb sorgen pneumatische Muskeln in der Rückenpartie des Geräts. Diese werden mit einer Luftdruckflasche und sechs bis acht Bar angespannt, was einer Zugkraft von 120 Kilogramm entspricht. Imhof und Binder haben jedes Detail durchdacht: Angefangen beim Design des Startknopfs über die Drucksensoren, die berechnen, auf wie viel Widerstand das Gerät stösst, bis zu den Schalldämpfern an der Pneumatik, die für einen leisen Betrieb sorgen. Ihre Suche nach den idealen Materialien führte sie bis nach Österreich und Holland. «Ein perfektes Ergebnis» Dem Prototyp vorausgegangen waren unzählige Modelle. Die Arbeit in der Werkstatt und der gesamte Entwicklungsprozess seien ungemein spannend gewesen. Wegen dieses Abwechslungsreichtums hat der gelernte Kaufmann und studierte Grafik- und Webdesigner sich für die Ausbildung zum dreidimensionalen Produktdesign entschieden. Nebst der Funktionalität widmeten die Entwickler auch dem Design viel Aufmerksamkeit. «Die Rettungsgeräte müssen selbst in der grössten Aufregung Sicherheit ausstrahlen.» So solle das Gerät dem Patienten und den Angehörigen Geborgenheit und Schutz vermitteln. Das Ergebnis ist in den Augen der Entwickler «perfekt» geworden. Für die Abschlussarbeit erhielten sie von der Fachhochschule Nordwestschweiz die selten vergebene Note 6. Beim Dyson-Award, einem internationalen Design-Wettbewerb, setzte sich Reax gegen 500 Konkurrenten durch und wurde Anfang Oktober mit dem dritten Platz ausgezeichnet (der TA berichtete). «Der Preis bedeutet uns viel, weil es noch nie ein Schweizer so weit geschafft hat.» Doch Preisgeld gab es nur für den Sieger, die Projektkosten von rund zweitausend Franken haben Imhof und sein Partner aus eigener Tasche bezahlt. Das medizinische Know-how hat sich der Produktedesigner selbst beigebracht. Am Anfang stand intensive Recherche-Arbeit. «Ich las viele Bücher und medizinische Fachliteratur», sagt der 30-Jährige. Dreieinhalb Monate lang war er täglich bis zu 24 Stunden mit der Diplomarbeit beschäftigt. Im Dialog mit Sanitätern der Rega, von Schutz und Rettung Zürich, dem Rettungssanitätszentrum Rüti sowie einem Kardiologen vom Uni-Spital Zürich erörterte er die Anforderungen in der Praxis und schnitt das Gerät auf diese Bedürfnisse zu. Noch ein steiniger Weg Die Fachleute seien von Reax begeistert und würden gerne mit dem Gerät arbeiten, erzählt Imhof. Trotzdem werde das Gerät voraussichtlich nie im Ernstfall zum Einsatz kommen. «Bis dorthin ist es ein steiniger Weg, der uns ein wenig abschreckt.» Es gäbe noch unzählige offene Fragen, etwa bezüglich der Urheberrechte oder der Finanzierung. Ausserdem wurde die Funktionalität erst anhand von Computermodellen berechnet. Beim Test an einer gesunden Person müsste diese mit mehreren gebrochenen Rippen rechnen. Die Entwickler würden es gerne sehen, wenn ihr Reanimationsgerät dereinst im Einsatz stünde. Derzeit sind sie aber auf Jobsuche und denken deswegen nicht weiter über Reax nach. «Wenn uns aber jemand eine Vollzeitstelle für die Weiterführung des Projekts anbieten würde, sähe die Sache wieder anders aus.» Lars Imhof vor dem Wiederbelebungsgerät, das er mit einem Partner als Master-Diplomarbeit entwickelt hat. Foto: Silvia Luckner 32 % Reax 4-F. Peter 8524x

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