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Kerviel büsst ganz alleine

Das Pariser Strafgericht hat den früheren Börsenhändler Jérôme Kerviel zu drei Jahren Haft und einer Schadenersatzzahlung von 4,9 Milliarden Euro verurteilt. Eine absurde Busse als starkes Symbol. Von Oliver Meiler, Marseille

Seine düstere Miene beim Betreten des Pariser Palais de Justice war das passende Präludium – eine mimische Vorahnung dafür, was folgen würde. Jérôme Kerviel, 33, aus dem bretonischen Finistère, den die Medien «Jahrhundertbetrüger» nennen, ist am Dienstag in einem spektakulären Prozess schuldig gesprochen worden. Auf der ganzen Linie. Das Gericht hält es für erwiesen, dass der junge Trader seine frühere Arbeitgeberin, die Grossbank Société Générale, betrogen und belogen hat. Und da die Bank vor zweieinhalb Jahren wegen Kerviels hochriskanten Jonglierens 4,9 Milliarden Euro verloren hat, muss der Bretone nun nicht nur für drei Jahre ins Gefängnis: Das Gericht belegte ihn obendrein mit einer Geldbusse über ebendiese gigantische Summe – 4,9 Milliarden Euro. Als Schadenersatz für «La Générale». Der Wert von 600 000 Twingo Natürlich erwartet niemand, dass Kerviel der grotesken Forderung je gerecht werden kann. Die Medien rechneten dennoch nach, wie lange er bezahlen müsste und kamen auf 177 536 Jahre. Seit seiner Entlassung bei der Bank arbeitet der studierte Mathematiker als Informatiker in einer kleinen Firma in der Pariser Banlieue – für 2300 Euro im Monat. Eine Zeitung wog den Betrag in 600 000 Renault Twingos auf. Eine andere fand heraus, dass das Bruttoinlandprodukt von Niger genauso viel beträgt. Der Anwalt der Société Générale, Maître Jean Veil, sprach denn auch von einer «symbolischen Zahl». Ein unmissverständliches Symbol: Das Gericht hält die Bank für ein Opfer der Machenschaften eines einzelnen Täters, der ganz alleine gehandelt hat. Kerviel wird Berufung einlegen gegen das Urteil. Und wahrscheinlich wird er seine Verteidigungsstrategie im Appellationsverfahren ändern. In erster Instanz hatte er mit aller Macht versucht, das Gericht davon zu überzeugen, dass er unmöglich ohne das Mitwissen seiner Vorgesetzten operiert hatte. Mehr noch: Er behauptete, man habe die Mitarbeiter stets dazu animiert, die Regeln zu beugen, um die Gewinne der Bank zu steigern. Den Bonus knapp verpasst In seinen Memoiren schreibt Kerviel, man habe die Trader «wie Prostituierte» behandelt: Jeden Abend sei kontrolliert worden, wie viel Geld sie nach Hause getragen hätten. Er gestand lediglich ein, dass er Transaktionen versteckt und Handelslimiten überzogen habe, behauptete aber gleichzeitig, das hätten alle getan. Nur: 50 Milliarden Euro verschob wohl kein anderer Händler von Delta One, dem Frontdesk der Star-Trader. Reich wurde Kerviel nicht. Er führte sich auch nicht wie ein Golden Boy auf, arbeitete ohne Unterbruch, wohnte in einer kleinen Wohnung, fuhr keine grossen Autos. Nach seiner Promotion zum Händler nach Jahren im Middle Office erhielt er zwar beträchtliche Boni. Doch die grosse, im Branchenvergleich aber recht bescheidene Prämie – 300 000 Euro für das Jahr 2007 – behielt die Bank für sich. Als die Auszahlung anstand, war Kerviel nämlich schon aufgeflogen. Was also trieb ihn an, wenn es nicht der Reichtum war? Vor Gericht behauptete Kerviel, er sei besessen gewesen von der Idee, der Bank, die ihn seit dem Ende seines Studiums beschäftigt hatte, möglichst grosse Gewinne zu bescheren. Angeblich selbstlos. Das gelang ihm lange besser als den meisten Kollegen. Per Mausclick jonglierte er mit Summen, deren Bedeutung er sich nicht bewusst war, wettete mal auf Baisse, dann auf Hausse, beeinflusste die Märkte mit den Milliarden, die er setzte. Als er dann plötzlich zu verlieren begann, habe er falsche Daten ins System eingegeben, um die Hierarchie zu düpieren. Symbolisches Todesurteil Das alles gestand er ein – und war darum auf eine Strafe gefasst. Nur hoffte er, dass das Gericht die Opferrolle andersherum interpretieren würde. Dass es also zum Schluss gelangen würde, die Bank habe ihn sich als Sündenbock ausgesucht, der nun die Schuld eines ganzen, tief unmoralischen Systems tragen müsse. Unfairerweise. Die Strategie ging so: Wenn doch alle Dreck am Stecken haben, warum soll ich alleine bezahlen? Viel Erfolg hatte er damit nicht. Während des Prozesses im Juni, der drei Wochen dauerte, wirkte Kerviel oft süffisant, mit einem Schuss ins Arrogante. Er belächelte den Gerichtspräsidenten, als sich der mit dem komplizierten Jargon der Börse abmühte. Nur einmal schien er besorgt zu sein. Im Schlussplädoyer sagte er: «Wenn ich 4,9 Milliarden Euro zurückzahlen müsste, wäre das wie ein Todesurteil.» Symbolisch wenigstens. Auf dem Weg zum Urteil: Milliardenbetrüger Jérôme Kerviel im Pariser Palais de Justice. Foto: Laurent Cipriani (AP, Keystone)

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