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Keine Nummer zu klein

Sina Eggenberger und ihre Mutter Veronika sind keine 1,50 Meter gross. Die kleinen Frauen stossen auf viele Hindernisse – und hilfsbereite Männer.

Von Céline Trachsel Embrach – Die obersten Fächer der Küchenschränke in den Wohnungen von Veronika Eggenberger und ihrer Tochter Sina bleiben nahezu leer. «Ich verstaue dort nur Sachen, die ich selten verwende», sagt die 25-jährige Embracherin. «Wenn ich sie dann brauche, kann ich immer noch einen Stuhl nehmen.» Mutter und Tochter sind klein. 1,49 Meter misst die ältere, 1,47 Meter die jüngere der beiden. «Wir wussten bereits, als sie noch ein Kind war, dass sie nicht gross werden würde», erinnert sich die 59-Jährige, doch die Eltern haben sich gegen eine Hormontherapie entschieden. «Wieso in die Natur eingreifen, haben wir uns gesagt – schliesslich hindert uns das Kleinsein an nichts.» Das bestätigt auch die Tochter. «Mir ist oft gar nicht bewusst, dass ich klein bin – bloss auf Fotos sehe ich, dass noch ein gutes Stück fehlt bis zu den Köpfen der anderen.» An der Bar auf Zehenspitzen Es gibt aber Herausforderungen im Alltag, die Mutter und Tochter an ihre Grenzen stossen lassen: wenn beispielsweise beim Einkaufen die Ware im Gestell unerreichbar ist, wenn ihre Füsse in einem fremden Auto nicht bis zur Kupplung reichen oder wenn ihnen im Gedränge im Zug die Rucksäcke an den Kopf schlagen. «Und an Konzerten sehe ich kaum etwas – und muss immerzu den Grossen ausweichen, die nicht einmal sehen, dass ich auch da bin», stellt Sina Eggenberger fest. Auch im Ausgang an der Bar, an der sie sich auf Zehenspitzen hinstellen muss, wird sie andauernd von der Bedienung übersehen – und wenn sie dann endlich an der Reihe ist, muss sie den Ausweis zücken.Doch inzwischen hat Sina Eggenberger gelernt, sich im Alltag Gehör zu verschaffen. Und die Dekorationsgestalterin behilft sich während ihrer Arbeit mit vielen Tricks. Wenn sie Paletten auftürmen muss, hebt sie diese zuerst auf die Oberschenkel und stemmt sie dann auf den Stapel. Und muss sie in einem Schaufenster etwas hoch oben anbringen, dient ihr eine Leiter als simples Hilfsmittel. Ebenfalls einer Steighilfe bedient sich die Mutter, wenn sie im Büro etwas im Lager holen muss. «Vieles legen die Arbeitskollegen zu hoch oben ab – ihnen ist nicht bewusst, dass dies für uns kleine Menschen eine Hürde ist.» Keine Schuhe in Grösse 34 Nicht nur eine Hürde, sondern ein echtes Problem ist die Kleidersuche für die kleinen Embracherinnen. «Als ich noch jung war, gabs noch keine Damenschuhe in Grösse 34», erinnert sich Veronika Eggenberger, und Hosen und Shirts habe sie in der Kinderabteilung suchen müssen, obwohls dort wenig Damenhaftes gab. Die Tochter kämpft heute mit demselben Problem: «Letzten Sommer habe ich in der Damenabteilung ein Kleidchen gesucht – keine Chance.» Entweder hänge der Ausschnitt zu tief oder die Röcke seien zu lang. Und kaufe sie Jeans, seien diese «einen Kilometer lang». Trotz der Hindernisse – oder vielleicht genau deshalb: An Selbstvertrauen mangelts weder der Mutter noch der Tochter. «Kleine Menschen sind durchsetzungsfähiger», ist Sina Eggenberger überzeugt. «Und die meisten kleinen Frauen, die ich kenne, sind lustige Energiebündel mit starker Persönlichkeit.»Im Beruf sei sie immer genauso ernst genommen worden wie alle anderen, sagt Veronika Eggenberger. «Aber vielleicht auch, weil ich eine Frau bin. Kleine Männer haben beruflich wohl eher ein Problem – mein Mann ist jedenfalls als kleiner Manager ziemlich alleine weit und breit.»Für die Tochter ist die Grösse bei der Arbeit manchmal sogar ein Plus. «Wenns in einem Schaufenster eng ist, bin ich froh, klein und wendig zu sein.» In ihrer Grösse sehen beide sogar viele Vorteile. «Bei den Männern kommts gut an», ist Sina Eggenberger überzeugt. Sie muss jedenfalls selten etwas Schweres schleppen – denn hilfsbereite Männer eilen sofort herbei. «Kleine Frauen wecken bei den Männern den Beschützerinstinkt.» «Im Gegensatz zu dir hat mich das als junge Frau mächtig genervt», widerspricht ihre Mutter. «Dieser Jöö-Effekt ist mir zuwider.» Doch je älter sie wurde, umso weniger seien ihr fremde Meinungen wichtig gewesen. «Wir Kleinen müssen uns nicht verstecken. Wir habens einfacher als 1,95-Meter-Frauen – etwa bei der Männerwahl.» Nur ernst genommen wollen sie werden, betont Veronika Eggenberger. «Als ich 20 Jahre alt wurde, habe ich mir von meinem Vater gewünscht, dass er von nun an für mich keine Kinderbillette mehr löst.» Veronika (links) und Sina Eggenberger aus Embrach sind überzeugt: «Wir haben es einfacher als 1,95-Meter-Frauen – etwa bei der Männerwahl. Foto: Céline Trachsel

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