Zum Hauptinhalt springen

Kassen und Ärzte streiten um Rechnungen

Würden Arztrechnungen nur noch elektronisch verarbeitet, könnte rund ein Prozent Krankenkassenprämien eingespart werden. Doch Kassen und Ärzte sind sich über das Abrechnungssystem nicht einig.

Von Markus Brotschi, Bern 200 Millionen Franken könnten die Krankenkassen jährlich sparen, wenn sie nur endlich die elektronischen Rechnungen der Ärzte akzeptierten, beklagt sich Hausarzt Hans F. Baumann aus Bassersdorf in einem offenen Brief an Bundesrat Didier Burkhalter. Die Kassen sehen 250 Millionen Franken Sparpotenzial, falls die Ärzte endlich auf elektronischem Weg mit den Versicherern abrechneten. Vordergründig sind sich also beide Seiten einig: Wenn die Krankenkassen keine Arztrechnungen mehr einscannen oder sogar nochmals abschreiben müssten, liesse sich rund ein Prozent der Prämien einsparen. Doch bei der Umsetzung dieser Rationalisierungsmassnahme hapert es seit Jahren. Und dies obwohl heute rund 10 000 der 14 000 frei praktizierenden Ärzte elektronische Patientenrechnungen an eines von zehn Trust-Centern übermitteln, die sich mehrheitlich im Besitz der Ärzteschaft befinden. Dort können die Kassen die Rechnungen auf elektronischem Weg abholen – gegen Bezahlung von 50 Rappen bis zu 1 Franken pro Rechnung. Die genauen Preise sind Verhandlungssache zwischen Trust-Centern und Kassen. Gebrauch von dieser Möglichkeit machen jedoch nur Groupe Mutuel, Visana und KPT. Kampf um Ärztedaten Die Mehrheit der Kassen weigert sich, mit den Trust-Centern der Ärzte zusammenzuarbeiten. Sie will, dass die elektronischen Patientenrechnungen an die Firma Medidata gehen, die mehrheitlich den Versicherern gehört. Medidata arbeite günstiger als die Trust-Center, argumentieren die Kassen. Begründet wird dies mit dem Abrechnungssystem. Medidata rechnet direkt mit den Ärzten ab, wie das bereits bei Spitalleistungen und Apothekenrechnungen üblich ist. Der Patient erhält keine Rechnung mehr, sondern nur noch die Abrechnung für Franchise und Selbstbehalt. Lasse sich der Rechnungsversand an die Patienten einsparen, fielen Verarbeitungsschritte und Portokosten weg, sagen die Kassen. Zudem entspreche die Vereinfachung einem Wunsch der Versicherten. Und die Ärzte müssten sich nicht mehr um das Inkasso bei ihren Patienten kümmern. Die Ärzte entgegnen, auch die Datenverarbeitung durch Medidata sei nicht kostenlos. Nur gehe dies in den Verwaltungskosten der Kassen unter. Tatsächlich dreht sich der Streit aber um mehr als nur ums Briefporto und ein paar Rappen pro elektronische Arztrechnung. Die Kassen wollten das Volumen ihrer Firma Medidata steigern, sagt Ueli Zihlmann, Geschäftsführer des Zentralschweizer Trust-Centers Medkey. Zudem gehe es den Versicherern darum, eine möglichst vollständige Übersicht über die Kosten eines Arztes und all seiner Patienten zu haben. Solange es von den Patienten abhänge, ob die Kasse eine Rechnung zu sehen bekomme, bleibe dieses Bild unvollständig. Denn rund 15 Prozent der Arztrechnungen werden laut Zihlmann heute von den Patienten nicht an die Kassen eingeschickt. Es handle sich vor allem um kleinere Beträge von Patienten mit hoher Franchise. Die direkte Abrechnung von Ärzten und Kassen würde die Gesundheitskosten weiter erhöhen, wenn sämtliche Patientenrechnungen eingeschickt würden, sagt Zihlmann. «Jede verarbeitete Rechnung löst zusätzliche Kosten bei den Krankenversicherern aus.» Heikel bei Aidstest Die automatische direkte Übermittlung der Patientenrechnung an die Kassen ist auch aus Sicht des Datenschutzes heikel – etwa im Fall eines Patienten, der nicht will, dass die Kasse von einem Aidstest erfährt. Deshalb empfahl der eidgenössische Datenschützer 2004, die elektronischen Leistungsabrechnungen über Trust-Center abzuwickeln. Medidata weist indessen darauf hin, dass der Patient gegenüber einem direkt abrechnenden Arzt darauf bestehen kann, eine Rechnung selbst der Kasse einzuschicken oder diese selbst zu zahlen. Es gibt auch Kassen, die im Streit um das Abrechnungssystem pragmatisch vorgehen. Die KPT zählt sich zu den «am meisten digitalisierten Kassen» und ist froh um jede Arztrechnung, die sie nicht von Hand bearbeiten muss, wie Sprecher Reto Egloff sagt. Deshalb akzeptiere KPT sowohl die von Trust-Centern verarbeiteten elektronischen Rechnungen als auch das direkte Abrechnungssystem über Medidata. Trust-Center haben 2009 insgesamt 19 Millionen Rückforderungsbelege verarbeitet, Medidata 4 Millionen Arztrechnungen. Der Arzt zeigt der Patientin eine Übung. Bloss: Wohin soll die elektronische Patientenrechnung geschickt werden? Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch