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Jimi und «Jimi»

Roland «Jimi» Zeller ist der grösste Hendrix-Fan der Schweiz. Seit einem halben Jahrhundert führt er eine virtuelle Liebesbeziehung mit dem Genie der Elektrogitarre.

Von Florian Leu Er war erst 13. Er ging über den Markt von Liestal, Baselland, und hörte von weitem ein Lied, das er nicht verstand, er konnte ja noch kein Englisch damals. Aber es erfasste ihn, dieses Lied, und er wusste in seinem 13-jährigen Herzen: Das ist der Stoff. «Hey Joe», eine Abfolge von F, C, D, G und A, nur ein paar Akkorde, die über die Salatköpfe hinweg wummerten und sich ins Hirn von Roland Zeller brannten. Zeller, geboren am selben Tag wie der Gitarrist, nur elf Jahre später, ist vielleicht der grösste Fan des Künstlers, der heute vor 40 Jahren an seinem Erbrochenen erstickte, jung und schön und voller Pläne. Zeller, an der Hand einen Türkisring wie sein Idol, weiss alles über Hendrix. Er kennt die Zusammensetzung seines Mageninhalts zum Zeitpunkt seines Todes, weil er einen Bericht des Obduktionsarztes besitzt. Er weiss alle Lieder des elektrischen Genies auswendig, weil er sie seit Jahren fast jeden Tag hört, immer die ganze Platte – vorgesprungen ist er noch nie, denn das käme ihm vor wie Gotteslästerung. Er fühlt sich manchmal wie ein Onkel des Sängers, denn er kennt die meisten Verwandten, dessen Bruder, dessen Vater, dessen Tochter, er hat sie schon oft besucht. Und einmal hat er geträumt, er müsse mit ihnen in die Kamera lächeln, für ein Familienfoto. Zeller wohnt in Wädenswil in einer Einzimmerwohnung. Von der Wand blickt ein Hendrix aus Ölfarben in den Raum und auf die Couch mit Steppdecke, auf der Zeller sitzt. Auf dem Glastisch steht eine Hendrix-Büste neben einer Hendrix-Miniaturgitarre, neben einem Hendrix-Schlüsselanhänger, neben einer Hendrix-Postkarte, neben einem Hendrix-Räucherstäblihalter made in China. In seiner Wohnung hat Zeller nur für die Essenz seiner Sammlung Platz, den Rest hat er in einem Keller untergebracht. Wenn seine Hingabe ein Gewicht hat, lässt es sich dort messen. Eine halbe Tonne, schätzt er, wiegt seine Sammlung. Platten, deren Plastikhülle er nie öffnen wird. Teetassen, aus denen er nie trinken wird. Poster, die nie an der Wand hängen werden. Kopien von Tickets, mit denen man vor 45 Jahren an ein Konzert hätte gehen können und für die man heute 500 Franken zahlt, der Preis für den Eintritt ans Konzert im eigenen Kopf. Im Koma mit Jimi Jimi Hendrix und Roland «Jimi» Zeller sind ein Liebespaar. Zeller hat zwar eine Freundin in den USA, doch die sieht er nur selten. Die Beziehung zu Hendrix ist älter, tiefer, echter. Zeller, Nachtwächter bei der Zürich-Versicherung und kein Mann der Esoterik, staunt über die Zufälle, die ihn mit seinem virtuellen Lebenspartner verbinden. Da ist wie gesagt derselbe Geburtstag, dasselbe Sternzeichen. Dann dieses Erlebnis mit der S-Bahn: Zeller, müde und betrunken und mit dem Rauch von drei Schachteln Zigaretten in der Lunge, wurde vor fünf Jahren von einem Zug erfasst. Er lag auf der Intensivstation und fiel ins Koma. Verwandte besuchten ihn, setzten ihm Kopfhörer auf, und er, Zeller, hörte die Lieder von Hendrix, leise nur und wie unter Wasser. Und dann ist er wieder erwacht. Später besuchte er Berlin, um eine Hendrix-Ausstellung zu sehen, stieg ab im Kempinski am Kurfürstendamm und erfuhr vom Mann an der Réception, dass Hendrix im selben Hotel übernachtet habe, Jahre und Jahre früher, doch auf den Tag genau. Einmal war er in Seattle, ging wie immer in dieselbe Bar, und wer sass auf einmal neben ihm am Tresen? – «Der Bruder vom Jimi, der Leon!» Vier Höhepunkte einer grossen Liebe: erstens der Besuch bei Hendrix’ Vater, irgendwo ausserhalb von Seattle. Zeller wollte auf Nummer sicher gehen und nahm ein Taxi, fuhr während 45 Minuten in die Pampa hinaus, feuchte Hände auf den Knien, beschleunigter Herzschlag unterm frisch gebügelten Hemd. Als er dann ankam, kurz nach zehn am Morgen, war Herr Hendrix tatsächlich da, doch er musste Zeller vergessen haben. Im Pyjama stand er in der Tür und hatte kleine Augen und erinnerte sich erst, als Zeller sich vorstellte: «I am Roland Zeller from the Jimi Hendrix Memorial Management.» So heisst Zellers Fanclub. Zweitens die langen Nächte mit Hendrix, als Zeller noch jung war und in Stiefeln mit Absätzen umherging, obwohl ihm am Abend immer die Füsse wehtaten. Wenn er nach Hause kam, nach seiner Arbeit als Fliesenleger, nahm er seine Kopfhörer und hörte während der Nacht den Katalog von Hendrix durch, ohne müde zu werden, und ging dann wieder zur Arbeit. Drittens die Abende, an denen er niedergeschlagen nach Hause kam und sich nach Liedern wie «Angel» oder «Red House» wieder frisch fühlte, fast verjüngt. Viertens die Tatsache, dass er Freunde auf der ganzen Welt hat, bei denen er übernachten kann, wenn er auf Reisen ist. Freunde, die auch mal bei ihm absteigen, wenn sie in der Schweiz sind. Gerade waren zwei Frauen aus Japan zu Besuch. Das pure Gegenteil des Idols Zeller sitzt auf seiner Couch und schweigt. Aus der Stereoanlage singt Hendrix, aber nur leise, Zeller dreht selten auf. Auch von einem Luftgitarrenanfall wurde er schon lange nicht mehr heimgesucht. Überhaupt ist Zeller, von der Erscheinung her, das Gegenteil seines Idols. Dort der Mann mit Stirnband und den Kleidern in allen Farben, der mit seiner Zunge noch das Letzte aus seiner Gitarre herausholte und auf Heroin die US-Nationalhymne verballhornte. Hier der Mann mit dem geometrisch frisierten Haar und den Adiletten, der still auf seinem Sofa sitzt und in seinem Album blättert, in dem er alles in Klarsichtmäppchen abgelegt hat. Es ist ein wunderbar langweiliges Album. Es zeigt Bilder der Berliner Hendrix-Ausstellung, und man sieht immer nur dasselbe: unfotogene Männer, die Bilder ihres fotogenen Lieblings angucken. Doch die Bilder haben einen seltsamen Zauber. Auf einem Bild sind zwei Greise zu sehen, mit Gehstöcken und ausgezehrten Gesichtern. Fans, die Hendrix gesehen haben, als sie jung waren. Fans, die sich an dieser Ausstellung ein Stück ihrer Jugend zurückholen. Zeller war 17, als Hendrix starb. Er hat ihn nie auf einer Bühne gesehen, dafür kennt er einen Teil der über 300 Coverbands, die es gibt. Und tot ist er für ihn auch nicht. «Alle haben sie Jimis Ideen aufgenommen und in ihre Musik einfliessen lassen», sagt Zeller. In zwei Jahren, wenn sich Hendrix’ Geburtstag zum 70. Mal und Zellers zum 59. Mal jährt, will er in Zürich eine Show veranstalten und seinen Traum verwirklichen. Er fände es schön, wenn Zürich seine eigene Hendrix-Statue hätte, irgendwo am See. Zeller wüsste auch schon den Künstler. Er weiss alles über Hendrix, kennt sogar den Inhalt seines Magens zum Todeszeitpunkt. «Jimi» fände es schön, wenn Zürich seine eigene Hendrix-Statue hätte, irgendwo am See. Eine geschätzte halbe Tonne Devotionalien lagert im Keller: Roland Zeller mit den Prunkstücken seiner Hendrix-Sammlung. Foto: Reto Oeschger

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