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Jazzige Improvisationen auf Männedörfler Kirchenorgel

Ein preisgekrönter Organist aus Deutschland überrascht mit ungewohnten Klängen, die aber Tradition haben.

Von Monica Mutti Männedorf – Mit Musikimprovisationen assoziieren viele wohl eher minutenlange Saxofonsoli an Jazzkonzerten als Kirchenorgeln. Dabei besteht gerade bei diesen Instrumenten eine jahrhundertealte Improvisationstradition. In manchen Kirchen ist es auch heute üblich, dass der Organist nach der Predigt aus dem Stegreif Melodien erfindet. Eine davon ist die St.-Wenzelskirche in Naumburg (D), wo der preisgekrönte Musiker David Franke seine Gabe auf einem Juwel des spätbarocken Orgelbaus zum Besten gibt – der Hildebrandt-Orgel aus dem Jahr 1746, die noch von Johann Sebastian Bach persönlich geprüft wurde. Für einmal lebte die Tradition auch in der reformierten Kirche Männedorf auf. Dort war Franke am Freitag zu Gast. Er war der Einladung von Frédéric Champion gefolgt, der seit 2009 Organist in Männedorf ist. Er wolle die Orgelmusik einem breiteren Publikum näher bringen, erklärte dieser. Deshalb freue er sich sehr, dass er Franke dafür habe gewinnen können. David Franke vermochte auch der Männedörfler Orgel Klänge zu entlocken, die das Publikum gewiss noch nie gehört hatte – selbst wenn es sich um bekannte Stücke handelte, die die Zuhörer als Improvisationsgrundlage wünschen durften. Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune» oder der Choral «Wer nur den lieben Gott lässt walten» klangen stellenweise nach Jazz. Fragmente des Originals waren zwar erkennbar, dann aber brach der Organist den Rhythmus, änderte Tonlagen, setzte Kontrapunkte. Die Kirche schien zu vibrieren. Poetische Musik in Farbe Die Improvisation zum Gedicht «Träume nur, Seele . . .» von Clara Müller-Jahnke (1861–1905) wurde zum melancholischen Klangbild. Und bei den zwei an die Wand projizierten Stummfilmen fügte sich Frankes Begleitmusik rhythmisch und exakt in ein harmonisches Ganzes. Er sei Synästhetiker, sehe also Töne als Farben. «Das hilft mir bei den Improvisationen», erklärte er. Wer improvisiere, der müsse fähig sein, spontan auf einen Text, ein Bild, eine Vorgabe zu reagieren, sagt Franke, der an der Stuttgarter Musikhochschule Orgelimprovisation lehrt: «Diese Disziplin kommt immer mehr in Mode.» Sogar die Jugend habe diesen Zweig entdeckt und rappe zu Klängen der Kirchenorgel.

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