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Italiens Linke in der Angstfalle

Die italienische Opposition profitiert nicht von Silvio Berlusconis Schwäche – und scheut Neuwahlen.

Von Oliver Meiler, Rom Sie haben diesen Moment viele Jahre lang herbeigesehnt, mit Inbrunst. Und nun, da er endlich da ist, der Moment von Silvio Berlusconis Dämmerung, da mag sich Italiens Linke nicht einmal darüber freuen. Ja, diese plötzliche Demontage des Monolithen macht der Opposition gar Angst. Sollte der Premier nämlich im Herbst stürzen, und nach dem Bruch mit seinem Alliierten Gianfranco Fini deuten alle Zeichen in diese Richtung, dann könnte es bald vorgezogene Neuwahlen geben – sehr bald: vielleicht schon im November oder im März nächsten Jahres. Jedenfalls zu früh für die Linke. Viel zu früh. Es mangelt ihr gerade an allem: an einem charismatischen Leader; an einer glaubwürdigen programmatischen Alternative; an Profil, Nachwuchs und Verve. Ihre Popularitätswerte steigen nicht proportional zum Abstieg Berlusconis. Und so hörte man bisher von keinem einzigen Exponenten des Partito democratico, der grössten Oppositionspartei, dass er sich Neuwahlen wünschte. Lieber sähe es die Linke, wenn eine Übergangsregierung die Geschäfte möglichst so lange führen würde, bis der 73-jährige Berlusconi aus Altersgründen nicht mehr antreten könnte. Egal, welche Übergangsregierung. Pierluigi Bersani, der ernste und blasse Parteichef, listete bereits alle Eventualitäten auf, mit denen er einverstanden wäre: ein Kabinett von Technikern, eine Grosse Koalition, eine institutionelle Regierung. Verbünden würde er sich notfalls mit jedem, auch mit den Dissidenten aus Berlusconis Lager. Bersani soll selbst bereit sein, Berlusconis Wirtschaftsminister Giulio Tremonti als Fährmann zu akzeptieren. Offenbar redet man auch wieder mit der Lega Nord von Umberto Bossi, der zweideutige Signale aussendet und einen Bruch mit Berlusconi nicht mehr ausschliesst. Alles ist der Linken recht, wenn es nur keine schnellen Wahlen gibt. So gross ist das Trauma, sich in einer Kampagne noch einmal die Themen diktieren zu lassen von Berlusconi, dessen Medienmacht erdulden zu müssen, dessen erprobte Stärke als Wahlkämpfer zu spüren zu bekommen – kurzum: die Angst, noch einmal zu verlieren. Es ist eine reale Angst. Hoffen auf die Biologie «Ist noch Leben im Partito democratico?», fragt die junge, unabhängige Zeitung «Il Fatto Quotidiano». Das bürgerliche Mailänder Traditionsblatt «Corriere della Sera» schreibt in seinem Kommentar zu demselben Thema, dass ohne Berlusconi, der über die letzten 16 Jahre die italienische Politik so stark geprägt und polarisiert hat, alle Parteien, linke wie rechte, ihre Bestimmung und Orientierung verlören. Alles war auf den Cavaliere ausgerichtet – gegen oder für ihn. Die Zeit nach Berlusconi, so der «Corriere», beginne deshalb mit einem «Sumpf», in dem alle gemeinsam sässen: «Die einzige Regierung (nach einem Sturz Berlusconis, Anm. d. Red.), die man nun für möglich hält, ist eine, in der alle oder fast alle vertreten wären.» In Rom hängen in diesen Tagen grosse Plakate des Partito democratico, auf denen sich die Oppositionspartei wünscht, dass sich Italien bald von Berlusconi «befreien» möge. Nur selber traut es sich die Linke nicht zu, diese Befreiung an der Urne herbeizuführen – und hofft auf die Biologie. Pierluigi Bersani Der Vorsitzende des Partito democratico, der grössten Oppositionspartei, wünscht sich eine Übergangsregierung.

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