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Ghadhafi geht an allen Fronten in die Offensive

Libyens bedrängter Revolutionsführer lässt die Aufständischen bombardieren – und warnt in einem Interview Europa vor Al-Qaida-Kämpfern und Immigranten.

Bürgerkrieg in Libyen Von Oliver Meiler, Marseille Triumph hier, Triumph da – aber ohne Gewähr. In Libyen bekämpfen sich die Truppen der Regierung und der Aufständischen nicht nur militärisch, sondern auch mit den Mitteln der Propaganda. Am Sonntag behauptete das Regime von Revolutionsführer Muammar al-Ghadhafi am Fernsehen nach und nach, es habe wichtige Städte zurückerobert. In Tripolis gab es Kundgebungen von regimetreuen Demonstranten, die mit Gewehrsalven angebliche Erfolge der Regierung im Feld feierten. Doch die Rebellen dementierten. Die Lage in manchen Städten schien unklar und unentschieden. In Bin Jawad etwa, wo Ghadhafi seine Streitkräfte mit Panzern und Granatwerfern einmarschieren liess, wechselte die Hoheit am Sonntag gleich mehrmals. Tobruk, Misratah und die für den Ölexport strategisch wichtige Hafenstadt Ras Lanuf blieben laut Berichten westlicher Reporter trotz Kämpfen unter der Kontrolle der Aufständischen. Diktator im Skianzug Ras Lanuf gilt als eine Art Demarkationslinie, hinter welche die Widerstandskämpfer nicht mehr zurückweichen wollen – wenn es ihnen denn gelingt, dem schweren Beschuss der Luftwaffe standzuhalten. Ghadhafi scheint genügend Militärmacht und Geld zu haben, um seine viel schwächer ausgestatteten Gegner in einen langen Konflikt zu verwickeln, sollte ihn das Ausland nicht in der einen oder anderen Form zu bremsen vermögen. Den Marsch von Rebellen auf seine Heimatstadt Sirte und auf die Hauptstadt Tripolis liess er offenbar bombardieren. Einen Einblick in die Psyche und die Strategie des bedrängten Despoten, der seit 42 Jahren über Libyen herrscht, erhielten am Samstag zwei französische Reporter der Sonntagszeitung «Journal du Dimanche». Ghadhafi lud sie zu einem einstündigen Gespräch in ein Zelt in jener Kaserne mitten in Tripolis, in der er sich hinter vier Sicherheitssperren verschanzt hat – umgeben von Flugzeugabwehrraketen, schwer bewaffneten Soldaten und einem Dutzend Bodyguards. Seine Aufwartung machte er an Bord eines elektrischen Golfcaddy. Diktator Ghadhafi trug, wie man auf den Bildern sieht, einen schwarzen Skianorak, Sonnenbrille, eine pelzige Wintermütze. «Er sah so aus, als entstiege er gerade einem Sessellift von Megève», schreiben die Journalisten. Verunsichert schien er ihnen nicht zu sein. Vielmehr wähnt sich Ghadhafi auf einer Mission, um sein Land und den Westen angeblich vor einer Katastrophe zu retten: «Wenn ihr Libyen jetzt nicht helft», sagte er an die Adresse der Europäer, «dann werdet ihr al-Qaida bald an den Toren des Mittelmeers haben, nur 50 Kilometer entfernt von den Grenzen Europas.» Ghadhafi behauptet erneut, das Terrornetzwerk von Osama Bin Laden stehe hinter dem Aufstand im Land. Mit «halluzinogenen Pillen» und Geld würden die Islamisten seine Gegner verführen und vernebeln. In ihrem Zustand hätten die Aufständischen das Gefühl, so Ghadhafi weiter, aus ihren Maschinengewehren kämen keine Kugeln, sondern Feuerwerk. Er bestreitet auch, dass seine Sicherheitskräfte auf Demonstranten geschossen hätten. «Unsere Situation ist ganz anders als die tunesische und ägyptische. Hier gibt es keine Demonstrationen, und niemand schiesst auf Zivilisten.» Über das «Journal du Dimanche» hofft Ghadhafi wohl, er könne den Beistand der französischen Regierung mobilisieren. «Frankreich hat grosse Interessen in Libyen», sagte er, «wir haben viel mit Monsieur Sarkozy zusammengearbeitet.» Er wünsche sich darum, dass Paris die Leitung einer internationalen Untersuchungskommission übernehmen könnte – etwa unter der Ägide der UNO, der er dann alle Türen öffnen würde, um in Libyen über die Ereignisse der letzten drei Wochen zu ermitteln. Appell an Frankreich Er appellierte auch an Nicolas Sarkozy, der möge im Weltsicherheitsrat vom französischen Vetorecht Gebrauch machen, um allfällige Beschlüsse zu Libyen zu stoppen. «Es verwundert mich wirklich, dass niemand versteht, dass es hier um den Kampf gegen den Terrorismus geht.» Ghadhafi warnte Europa ausserdem davor, dass Tausende von Auswanderern übers Meer nach Norden drängen würden, wenn man ihn, Ghadhafi, der das bisher verhindert hatte, nicht stütze. Doch Unterstützung aus Paris dürfte ihm kaum zuteilwerden. Zwar ist es noch nicht lange her, dass Sarkozy den Libyer mit Pomp im Élysée-Palast empfangen hatte. Seit nun Ghadhafi auf sein Volk schiessen lässt, heisst es dort aber, der Mann sei ein «Verbrecher» und müsse weg. Anhänger von Ghadhafi feiern auf dem «Grünen Platz» von Tripolis angebliche Siege gegen die Rebellen.Foto: Ben Curtis (Keystone)

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