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«Gäil» meint «munter» und nicht «lüstern»

Dialektforscher Heinz Gallmann aus Meilen sprach in der Gemeindebibliothek über Mundart. Zum Thema «Züritüütsch» nahm er kein Blatt vor den Mund.

Von Ueli Zoss Meilen – In seinem «Zürichdeutschen Wörterbuch» hat Sprachwissenschaftler Heinz Gallmann auf mehr als 600 Seiten über 16 500 Dialektwörter vereint. Das seit einem Jahr im Handel erhältliche Buch ist ein Bestseller. Der Meilemer arbeitet bereits an der 3. Auflage. Keinen Platz in seinem Buch finden Modewörter wie «okay» oder Abkürzungen wie «Geburi». «Mein Ziel war es, die reiche Zürcher Mundartsprache aus den letzten 100 Jahren in einem Lexikon zusammenfassen», sagte der Autor. Er hat dabei besonderen Wert auf Sprachwitz gelegt. Wahre Fundgruben waren für ihn dabei Sprichwörter und Redewendungen, aber auch Schimpfwörter. Der Vortrag in der Gemeindebibliothek vom Donnerstagabend in Meilen begann vor gut besetzten Reihen mit dem Buchstaben B. Gallmann erklärte, dass «Bale» im Femininum «Spielball» oder «Schneeball», männlich aber «Ballen» heisst und dass «de Balen abelaa» bedeutet, die Jalousien herunterzulassen. Die «Bäiz» heisse «Wirtshaus», «Kneipe» und stamme aus dem Rotwelschen, aus einer mittelalterlichen Gruppensprache, die vor allem bei gesellschaftlichen Randgruppen verbreitet war, erklärte er. Das Verb «bäize» hingegen könne bedeuten, zu wirten, aber auch mit Beize handeln oder eine Lockspeise für ein Raubtier wie den Fuchs legen. Das kleine Kind «buute» Auch dem gängigen Ausdruck «gäil» widmete Gallmann einige Minuten. Er führte aus, dass die ursprüngliche Bedeutung «munter», «fröhlich» oder gar «überschäumend» dem jugendsprachlichen Modewort sehr viel näher kommt als die sich im 17. Jahrhundert entwickelte Bedeutung von «sexuell lüstern», aber auch «üppig» und «kraftlos wachsend.» Schon fast ein Klassiker in seinem Werk ist das Wort «buute». Es heisst nicht, einen Computer zu booten, also neu zu starten. Auf «Züritüütsch» bedeutet es, ein Kind in den Armen zu wiegen. Die Grenzen sind fliessend Heinz Gallmann stellte zudem klar, dass im Gegensatz zu anderen Kantonen Zürich keine für den Dialekt relevante topografische Gliederung habe. Es gebe keine Bergketten oder Wasserläufe, welche die unterschiedlichen Sprachregionen trennen und zu markanten Eigenheiten der Dialekte führen würden. «Nur die Thur, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein kaum passierbarer Sumpfstreifen war, bildete eine geografische Sprachgrenze», erklärte er. In Sachen Rechtschreibung gebe es keine fixen Regeln, sondern höchstens Anregungen. «Das Geschriebene sollte die Aussprache möglichst genau ausdrücken», sagte Gallmann. Das «Züritüütsch» sei in der Literatur weit weniger verbreitet als beispielsweise das Berndeutsche, wie etwa in den Werken von Jeremias Gotthelf. «Dafür ist die Zürcher Mundart der am weitesten verbreitete alemannische Dialekt in der Schweiz», sagte Gallmann lachend.

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