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Fritz Hochwälder – zum 100. des Bühnenhandwerkers Eine Welt aus Schwarz und Weiss, laut und leise

Kurz & kritisch Ausstellung Zürich, Stadtarchiv – Das Lob von Max Frisch ist gleich neben dem Eingang zu lesen – da darf ein Jubilar dem anderen unter die Arme greifen. In der Ausstellung wird Frischs Brief dann vollständiger zitiert, eben auch mit der Einschränkung, dass «die dramaturgischen Funktionen eigenmächtig werden und die menschlichen Gesichter manchmal zudecken.» Genau so ist es. Fritz Hochwälder, 1911 in Wien geboren, Tapezierer mit Meisterbrief, 1938, da doppelt gefährdet als Sozialist und Jude, vor den Nazis in die Schweiz geflohen (spektakulär: Er durchschwamm den Rhein), lebte bis zu seinem Tod 1986 in Zürich. Seine Stücke, die in den 50er- und 60er-Jahren rund um die Welt gespielt wurden, auch am hiesigen Schauspielhaus und vor allem am Wiener Burgtheater, sind heute mausetot: Ideendramen im historischen Gewand, in denen Thesenträger, keine Charaktere, sich tiefe Gedanken und donnernde Sätze entgegenschleudern. Gutes Handwerk, aber, wie die gezeigten Ausschnitte von TV-Inszenierungen nicht verhehlen können, hoffnungslos museal. Der Publizist Charles Linsmayer hat ein Faible für die Vergessenen und Verlorenen der Literaturgeschichte; die kleine Ausstellung, die er zum 100. Geburtstag Hochwälders eingerichtet hat (zwei Räume im Erdgeschoss des Stadtarchivs), ist affirmativ und verzichtet auf kritische Wertung und Einordnung. Anhand von Faksimiles, Programmzetteln, Theaterplakaten und Buchausgaben werden die vergangenen Erfolge des Dramatikers aufgezählt. Am erfolgreichsten war er mit den Stücken «Der öffentliche Ankläger» (über Fouquier-Tinville, den Bluthund der Französischen Revolution) und «Das heilige Experiment» (über den Jesuitenstaat in Südamerika), das in Hochwälders Todesjahr verfilmt wurde, in hochkarätiger Besetzung. Das Anti-Nazi-Stück «Der Himbeerpflücker» bekam sogar von Adorno ein Lob.Ein ORF-Interview bringt Hochwälder selbst zum Sprechen; seinen Wiener Singsang hatte er auch nach Jahrzehnten an der Limmat nicht verloren. In Wien ist er auch begraben; seine Werke ruhen sanft in Archiven und Bibliotheken. Martin Ebel Ausstellung bis 30. Juni; vom 7. September bis 27. November ist sie im Foyer des Theaters Biel zu sehen. Das Sogar-Theater in Zürich spielt vom 26. bis 29. Mai Hochwälders Stück «Der Flüchtling». Konzert Zürich, Tonhalle – Ist es das Streben nach grösstmöglicher Perfektion des kleinstmöglichen Repertoires? Oder ist es blosser Zufall, dass die erste Konzerthälfte des Zürcher Rezitals von Arcadi Volodos exakt dasjenige Programm vorsah, das der St. Petersburger Klaviervirtuose schon 2006 in der Tonhalle gegeben hatte? In jedem Fall durfte man gespannt sein, welchen Weg Volodos mit seiner Dreierauswahl aus den «Moments musicaux» sowie der unvollendeten Sonate f-Moll von Schubert seither zurückgelegt hat. Und man durfte staunen, dass zu konstatieren war: überhaupt keinen. Sowohl bei Schubert wie in Liszts Sonate h-Moll geschah, was schon 2006 geschehen war: Immer wieder verlor sich Volodos in Einzelheiten, opferte Innenspannung und Zusammenhang dem Zauber des Augenblicks. Diesen wusste er zwar stets zu geniessen und entlockte, den Blick zum Himmel, dem Steinway einen wunderbar sonoren Ton. Doch so schön dieser sein mag, so rasch tritt das Unvermeidliche ein: Er wird vorhersehbar. Ebenso wie die vielen Ritardandi, die wohl jeweils darauf hinweisen sollen, dass eine besonders tiefgründige Passage unmittelbar bevorsteht. So geriet der Abend zu einer Ansammlung unstreitbar schöner Stellen, deren Addition leider keine interpretatorische Durchdringung ergab. Vor allem aber fand Volodos kaum Zwischentöne zwischen den Haltungen des Virtuosen und des Lyrischen, als bestünde die Welt aus Schwarz und Weiss, laut und leise, donnernd und ausdrucksvoll. Dieses Entweder-oder prägte auch die Wahl der Zugaben: Entrückt und unwirklich schön gelang «En rêve», eine der letzten Kompositionen von Liszt. Ebenfalls in der lyrischen Welthälfte siedelte Volodos dann eine Miniatur von Skrjabin an, worauf er mit einer doppelten Portion Tastengedonner grossen Jubel im Saal veranlasste und sich schliesslich – ganz verinnerlicht wieder – mit seiner Bearbeitung der «Sicilienne» aus Bachs Orgelkonzert BWV 596 still verabschiedete. Tobias Rothfahl Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur Vom Tapezierer zum Dramatiker: Fritz Hochwälder. Foto: Susanne Hochwälder

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