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Frankreichs Elite echauffiert sich

Die Franzosen kritisieren die Amerikaner, wie sie mit Strauss-Kahn umgehen. Von Oliver Meiler, Marseille

Unrasiert, gezeichnet von einer durchwachten Nacht in einer Gefängniszelle, scheinbar resigniert vor der New Yorker Richterin: So zeigen die französischen Zeitungen Dominique Strauss-Kahn. Es sind spektakuläre Bilder. Bilder eines abrupten, dramatischen Sturzes. Bilder, wie man sie in Frankreich von einem so profilierten und mächtigen Politiker noch nie gesehen hat und die hier laut Gesetz und unter Androhung einer Geldstrafe von 15 000 Euro eigentlich verboten sind. Bilder auch, die am überhöhten, quasisakralen Selbstverständnis der Pariser Elite kratzen, sie vielleicht sogar traumatisieren. Und Bilder, die genau deshalb die politische Kultur Frankreichs revolutionieren könnten. Noch aber stemmt sich diese Elite gegen einen Wandel – laut und zuweilen auch ausfällig, jedenfalls militant polemisch mit der US-Justiz. «Dégueulasse», findet etwa Bernard-Henri Lévy die angebliche Verteufelung seines Freundes DSK, «einfach ekelhaft. Man erschiesst ihn mit Fotoblitzen und führt ihn öffentlich zum Schafott, als wäre seine Schuld schon bewiesen.» Für den berühmten Intellektuellen geht es nicht an, dass der Chef des Internationalen Währungsfonds wie ein normaler Angeklagter behandelt wird: «Von Gleichheit zu reden, ist doch nur scheinheilig.» Als die Radiointerviewerin Lévy zum Schluss fragt, ob er denn schon Gelegenheit gehabt habe, mit DSKs Frau Anne Sinclair zu reden, sagte der: «Das geht Sie einen Dreck an.» Könnte nicht Obama helfen? Der frühere linke Kulturminister Jack Lang wurde am Fernsehen vom Filmfestival in Cannes zugeschaltet und meinte, die Amerikaner wollten es hier ganz eindeutig einem Franzosen heimzahlen und gingen mit brutaler Kompromisslosigkeit gegen DSK an. Von einem Komplott mochte er dann aber doch nicht reden. Eine bürgerliche Ministerin sieht das Image der ganzen Nation verletzt – den Stand und den Rang Frankreichs in der Welt. Und Manuel Valls, einer der Präsidentschaftsanwärter der Sozialisten, empfand die Bilder seines vorgeführten Parteifreundes als «unerträglich brutal». Er habe geweint vor dem Fernseher, sagte Valls, als er «Dominique» so gesehen habe. In einer Talkshow wurde schon über die Frage diskutiert, ob der amerikanische Präsident Barack Obama nicht zugunsten Strauss-Kahns eingreifen könne, worauf ein Gesprächsteilnehmer an die strikte Einhaltung der demokratischen Gewaltenteilung in den USA erinnerte. Das hehre Prinzip, übrigens, geht auf die Idee eines Franzosen zurück: auf Baron Montesquieu (1689 bis 1755). Verhandelt wurde auch die Frage, ob die New Yorker Justiz vielleicht auch deshalb so kompromisslos mit DSK umspringe und eine Freilassung auf Kaution verwehrt habe, weil die Flucht des Filmregisseurs Roman Polanski noch in aller Köpfe sei. Jedenfalls überwiegen jene Wortführer, die es für eine Zumutung und für eine Provokation halten, dass Strauss-Kahn im «sehr schlecht benoteten» Gefängnis auf Rikers Island verwahrt wird (siehe Artikel unten). Anklage kaum thematisiert Nur über die krude Anklage, um die es in diesem Fall hauptsächlich geht, mag niemand gerne reden: über die mutmassliche körperliche Brutalität in der Suite 2806 des Hotels Sofitel am New Yorker Times Square. Kaum Erwähnung findet das Schicksal des mutmasslichen Opfers, der 32-jährigen Hotelangestellten, deren Privatleben nun DSKs Anwälte durchkämmen werden. Und wenn doch von ihr die Rede ist, dann oft als suspekte Person, als mögliche Akteurin einer eventuellen Manipulation – oder als Unglaubwürdige. Französische Frauenorganisationen beschweren sich schon über die einseitige, sexistische Darstellung: «Von der Klägerin, von ihrer Sichtweise und ihren Gefühlen redet niemand», sagte etwa Caroline De Haas von der Vereinigung «Osez le féminisme» (Wagt Feminismus). Einmal mehr zeige sich, dass das Problem der Vergewaltigungen verkannt werde.Mehr interessieren die Bilder, die Entblössung eines Mächtigen, die vermeintliche Demütigung. Der Aufsichtsrat der elektronischen Medien CSA appellierte am Dienstag an alle Fernsehsender im Land, sie möchten zurückhaltend umgehen mit den Bildern, die einen Strafverfolgten zeigten. Der Appell kommt etwas spät. Und er bringt auch wenig in Zeiten, da Bilder nicht mehr aufzuhalten sind. Die Bilder vom gestürzten DSK haben sich wohl schnell eingraviert in das sonst eher flüchtige Gedächtnis der modernen Medienkonsumenten – zumal der französischen. Wahrscheinlich für immer.Die Titel der Zeitungen passen gut zu den publizierten Fotos. «KO», schreibt die linke Zeitung «Libération». «Stehend KO», steht auf der ersten Seite des «Parisien». «Das Ende», findet «France Soir». «Angeklagter 1225782», titelt die spröde Wirtschaftszeitung «Les Echos». Der bürgerliche «Figaro» ist lakonisch: «Im Gefängnis». Und das kommunistische Blatt «L’Humanité» bemüht eine fast poetische Metapher: «Vom Licht in den Schatten». Entblössung eines Mächtigen: Die Bilder von Dominique Strauss-Kahn elektrisieren eine ganze Nation. Foto: Thomas Coex (AFP)

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