Zum Hauptinhalt springen

«Es war eine geniale Zeit»

Der Schweizer Cup ist der Wettbewerb der besonderen Geschichten – Erinnerungen an fünf Episoden.

Schweizer Cup – 1. Hauptrunde Fussball-Geografie (4) Die Weinbauern Béroche und Gorgier sind zwei kleine Dörfer, die sich im Fussball zum FC Béroche-Gorgier zusammengeschlossen haben. Ihre Heimat haben sie im Stade du Bord du Lac in St. Aubin, direkt am Neuenburgersee. Gleich neben dem Fussballplatz steht eine Statue von Alt-Bundesrat René Felber. Die Gegend ist bekannt für ihre Weine. Der 2.-Liga-Klub macht aus dem Gastspiel der Zürcher Grasshoppers morgen Sonntag ein kleines Volksfest. GC Sforzas Jugendprogramm Smiljanic, Voser und Vallori verletzt, Cabanas und Colina angeschlagen, Callà noch lange nicht verfügbar – GC-Trainer Ciriaco Sforza gehen für den Match morgen bei Béroche-Goriger die Routiniers aus. Er nimmt es unbekümmert: «Dann bekommen eben ein paar Junge mehr eine Chance.» Er denkt zum Beispiel an die beiden 18-jährigen Charyl Chappuis und Danis Simani. Seine Mannschaft mahnt er, den Zweitligisten nicht zu unterschätzen, und verlangt von ihr, mit Stolz an die Aufgabe heranzugehen. (ths.) FC Zürich Fischers Erinnerung Zum zweiten Mal nach dem 3:0 vor neun Jahren trifft der FCZ heute (17 Uhr) auf den FC Schötz. Bei den Zürchern schied Urs Fischer damals mit einem Innenbandriss aus. «Deshalb», sagt er, «kann ich mich gut an dieses Spiel erinnern.» Vom Leader der Gruppe 2 der 1. Liga spricht der FCZ-Trainer mit Respekt. «Schötz verlor 2008 gegen den FCB nur 0:1 und letzte Saison gegen Luzern ebenfalls knapp 2:3. Diese Resultate müssen uns Warnung genug sein.» Möglich ist, dass Leoni anstelle von Guatelli im Tor der Zürcher Spielpraxis erhält. (atr) Von Peter M. Birrer und Thomas Schifferle In England gibt es den FA-Cup seit 1871. In der Schweiz dauerte es noch über ein halbes Jahrhundert, bis am 11. April 1926 die Grasshoppers gegen den FC Bern den ersten Schweizer-Cup-Final gewannen. Heute beginnt mit der 1. Hauptrunde die neue Cupsaison – mit dem FC Basel als Titelverteidiger und der Hoffnung vieler kleiner Klubs, Geschichten zu schreiben wie Red Star, Aarau oder Wil. 1985: Iselins goldener Fuss Walter Iselin bekam den Ball von Walter Seiler, es stand 0:0 gegen Xamax, die Verlängerung war nicht mehr fern. Iselin sagt heute, wie er damals dachte: «Ich wusste nicht so recht, was ich mit dem Ball anfangen sollte. Da hatte ich die Eingebung: Hau jetzt drauf! Meine Schusstechnik war ja nicht so schlecht.» Die Eingebung war gut, der Schuss noch besser, es war einer, den man immer wieder gerne hervorholt. Iselin schoss Aaraus 1:0 und führte einen ausgelassenen Jubeltanz in kurzen Hosen und ohne Schienbeinschoner auf: «Ich habe mir dabei fast eine Zerrung geholt.» Aber: «E schöni Pfane isch es doch gsii?» Iselin, inzwischen 57-jährig, Nachwuchstrainer und mit 72 Kilo immer noch nahe an seinem Wettkampfgewicht, hat seine Erinnerung an den 27. Mai 1985 und die 87. Minute verewigt. Ein Aarauer Goldschmied vergoldete ihm den rechten Schuh, Marke Adidas World Cup, Grösse 38. Iselin hat jetzt also einen goldenen Schuh wie Messi und Ronaldo. Und er erinnert sich auch daran, wie der Cupsieg Diskussionen um die Prämien entfachte: «Wir haben ziemlich darum gestritten.» Die Spieler, die nach ihrer Rückkehr aus Bern empfangen wurden wie Helden, bekamen schliesslich: 4000 Franken, einen Zinnbecher – und ein Buch der Stadt Aarau. 1991: Der Mythos Sion Es ist ein Spiel, das nicht vergessen kann, wer dabei war. Eines, das den Cup-Mythos des FC Sion so treffend erklärt. Eines, von dem Alexandre Rey heute sagt: «Es war unglaublich.» 35 000 Walliser rückten am 20. Mai 1991 aus, um ihre Mannschaft im Cupfinal zu unterstützen. Allein die Fahrt nach Bern sei für sie ein Fest, ein Ereignis, sagt Rey, der Cup sei für sie alles. Nach der ersten Halbzeit sah es nicht gut aus: YB führte 2:0, Lopez mit einem Eigentor und Zuffi hatten dafür gesorgt. Der Kampfgeist der Sittener war geweckt. Sie bestätigten, was bis heute gilt: Wenn es um den Sieg in einem Cupfinal geht, kämpft niemand leidenschaftlicher und heroischer als sie. Angetrieben von Jean-Paul Brigger und Nestor Clausen, begannen sie sich vor den 50 000 Zuschauern gegen die Niederlage aufzulehnen. Bald zeigte sich, wie sehr Enzo Trossero das Spiel beeinflusst hatte. Er hatte es gewagt, zwei völlig unbekannte Stürmer einzuwechseln: die 18-jährigen Alexandre Rey und David Orlando. Rey erinnert sich: «Ich nahm es als gewöhnliches Spiel, ich ging auf den Platz, ohne etwas zu denken.» Er sah, wie Orlando das Anschlusstor und in der 79. Minute der Ausgleich gelang. Und Sekunden später war er es, der nach drei vergebenen Chancen das 3:2 erzielte. «Ich streckte die Arme aus und rannte wie ein Verrückter davon», erzählt er, «das ist noch heute in meinen Gedanken.» 250 Franken betrug sein Monatslohn als Nachwuchsspieler. Nach dem Cupsieg bekam er 15 000 Franken überwiesen. Rey sagt: «Ich fühlte mich wie ein Millionär.» 1999: Der Coup der Sterne Die Namen hat Jürgen Seeberger nicht vergessen: Ellenberger, Rohrer, Forte, Oswald, Galliker, Ronca, Aeberhard, Fehr, Rüegg, Costantini, Firat . . . Von Forte, inzwischen Trainer des FC St. Gallen, von Ronca und Firat, den beiden Torschützen, von Fehr, der sich die Haare blond färben liess. Von all «diesen guten Typen», so Seeberger, die im Frühjahr 1999 den Erstligisten Red Star kurzfristig berühmt machten. Auf dem Weg in die Viertelfinals hatten die Red Stars die NLB-Vereine Baden, Chiasso und Yverdon besiegt, bis sie am 5. Mai auf das Lugano der Nkufo, Rossi, Giallanza und Lombardo trafen. Sie mussten von der Enge der Allmend Brunau in den Letzigrund ausweichen – in das grosse Stadion, wo Lugano eine Runde zuvor den FCZ eliminiert hatte. 1600 Zuschauer kamen und staunten über den Aussenseiter, der den Favoriten 2:1 niederrang. «Es gelang uns, aus der Beschaulichkeit eines Quartierklubs auszubrechen», sagt Seeberger. Im Halbfinal wartete GC auf den ersten Deutschschweizer Erstligisten, der es im Cup so weit gebracht hatte. Red Star verlor 0:7, aber weil das Fernsehen live übertrug, wurde dieses Spiel für den damals 34-jährigen Seeberger gleichwohl «ein Türöffner». Auf die neue Saison hin wechselte er zum SC Kriens in den bezahlten Fussball. 2004: GC vom 2:5 zum 6:5 Wie kalt es am 3. März 2004 abends war, bekam keiner richtig mit. Zu verrückt, zu mitreissend war dieser Derby-Halbfinal. Zu ungläubig das Staunen, wie dieses Resultat möglich gewesen war. Der FCZ führte nach elf Minuten 2:0, zur Pause 3:1 und nach 63 Minuten 5:2. Allein Daniel Gygax war in seinem besten Spiel für seinen Klub dreimal erfolgreich gewesen. Die Frau von Präsident Sven Hotz verfolgte den Match daheim am Radio und stellte nach dem fünften Goal eine Flasche Champagner kalt. Um Mitternacht empfing sie ihren Mann strahlend mit Gläsern in der Hand. Er verstand nicht, warum. Er musste ihr erst erklären, was nach dem 5:2 passiert war. Sie hatte es nicht mehr mitbekommen, sie hatte das Radio ausgeschaltet. In der 83. Minute hatte Eduardo für die Grasshoppers zum 3:5 und in der 89. zum 4:5 getroffen. Beim FCZ machte sich Panik breit, vor allem bei Goalie Davide Taini, der mit seinem dritten Fehler in Folge auch noch das 5:5 durch Petric verschuldete. Es lief bereits die Nachspielzeit. Die Verlängerung begann mit dem 6:5 durch Richard Nuñez und endete in einer Mischung aus Tränen und Wut. «Es ist zum Weinen», jammerte Gygax. Und die Wut traf Schiedsrichter Urs Meier. Er hatte dem FCZ in der 116. Minute einen Elfmeter nicht gegeben. Dabei musste er nach dem Videostudium selbst zugeben: «Glasklarer Penalty.» 2004: Lehmanns Video Er war offiziell: Goalie- und Assistenztrainer. Aber in Wirklichkeit war er: der Chef. Stephan Lehmann sprang beim FC Wil erstmals ein, weil Sascha Sawarow gar kein gültiges Trainerdiplom besass. Der Nachfolger von Sawarow war der Pole Tomas Matejcek, eingesetzt von den vermeintlichen ukrainischen Geldgebern um Igor Belanow. «Die Methoden von Matejcek waren von 1930, einfach unglaublich!», sagt Lehmann. Matejcek fuhr zwischendurch heim nach Polen, stand übernächtigt auf dem Trainingsplatz und brachte den Spielern Schnaps aus der Heimat mit. Nach wenigen Wochen verschwand Matejcek, ihm fehlte das Diplom. Als Nächster tauchte Joachim Müller auf, ein Mann aus der ehemaligen DDR. Für 5000 Franken im Monat durfte er Trainer sein oder eher: Diplom-Lieferant. Nach ein paar Tagen wollte er bereits resignieren. Lehmann überzeugte Müller zu bleiben, um die Suche nach einem Coach mit Diplom nicht von vorne beginnen zu müssen – und führte die Wiler bis in den Final gegen GC. Er schürte mit einer ganz besonderen Aktion die Emotionen, bevor der grosse Tag stattfand. Während Wochen hatte er Videobotschaften von Familienangehörigen der Spieler und Mitarbeitern gesammelt. Den aufwendig produzierten Film liess er an der Teamsitzung im Hotel in Sursee laufen, «und dann sassen plötzlich 30 Männer im Saal und weinten – absoluter Wahnsinn, was diese Bilder freisetzen». Müller war auch da, aber Lehmann allein bestimmte alles, die Vorbereitung, die Aufstellung. Die Wiler besiegten GC sensationell 3:2, verabschiedeten sich danach in die Zweitklassigkeit – und Lehmann sagt heute bei allen Problemen von damals: «Es war eine geniale Zeit.» «Zum Weinen»: Daniel Gygax, FCZ. Foto: Reto Oeschger «Absoluter Wahnsinn»: Stephan Lehmann, Wil. Foto: Keystone «Wie ein Verrückter»: Alexandre Rey, Sion. Foto: Keystone «Hau jetzt drauf!»: Walter Iselin schiesst den FC Aarau zum Sieg gegen Xamax. Foto: Archiv RDB Schweizer Cup – Resultate auf:iPhone: Tagi-App auf TA+Mobile: SMS mit Text «Plus» an 4488 Heute Chênois (1.) - Chiasso 15.00 Racing Club Zürich (3.) - Yverdon 15.00 Seefeld Zürich (2.i) - Bellinzona 16.00 Wettswil-Bon. (2.i) - Servette 16.00 Black Stars Basel (2.i) - Brühl SG (1.) 16.00 Spiez (2.i) - Young Boys 16.30 Uznach (3.) - Xamax 16.30 Binningen (2.) - Baulmes (1.) 16.30 Schötz (1.) - FC Zürich 17.00 Flawil (2.) - St. Gallen 17.00 Buochs - Delémont 17.00 Bavois (2.i) - Aarau 17.00 Malley (1.) - Grand-Lancy (1.) 17.00 Collex-Bossy (2.) - Champvent (2.) 17.00 Collombey-Muraz (2.) - Courtételle (2.i.) 17.30 Taverne (2.i) - Sion 18.00 Meyrin (1.) - Locarno 18.00 Eschenbach LU (2.i) - Wohlen 18.00 Liestal (2.i) - FC Schaffhausen 18.00 Losone (2.i) - Biel 18.00 Montreux (2.i) - Grenchen (1.) 18.00 Subingen (2.) - Gumefens (2.i.) 18.00 Le Mont (1.) - Kriens 19.00 Sonntag Ibach (2.i) - Lugano 14.30 Béroche-Gorgier (2.) - Grasshoppers 15.00 Cham (1.) - Thun 15.00 Entfelden (2.) - Luzern 15.00 Tuggen (1.) - Wil 15.00 Freienbach (2.i) - Winterthur 15.00 Mendrisio-Stabio (1.) - Basel 15.30 Perly-Certoux (2.i) - Stade Nyonnais 16.00 Langenthal (2.i) - LausanneMi, 19.30

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch