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«Es genügt nicht, einige Aktiengesellschaften in Genossenschaften umzuwandeln»

KapitalismuskritikWeniger Aktiengesellschaften, mehr Genossenschaften, TA vom 21. Februar Neue Weltordnung ist notwendig. Wenn Hans Kissling postuliert, es bräuchte in der Schweiz bloss mehr Genossenschaften und Stiftungen anstelle von Aktiengesellschaften, um die Dominanz des Kapitalismus zu brechen, so greift diese Analyse aus meiner Sicht viel zu kurz. Längst macht der Kapitalismus nämlich nicht an irgendwelchen Staatsgrenzen halt, sondern ist mittlerweile ein weltweit dominierendes Machtsystem, das aufgrund seiner Umverteilungsmechanismen zu einer immer tieferen globalen Kluft zwischen Reichtum und Armut führt. Dies mit der Folge, dass zur gleichen Zeit, während weltweit der Reichtum der Reichen immer astronomischere Ausmasse annimmt, eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen haben. Das Fazit: Um den Kapitalismus zu überwinden, genügt es nicht, in den reichen Ländern einige Aktiengesellschaften in Genossenschaften umzuwandeln. Um den Kapitalismus tatsächlich zu überwinden, braucht es nichts weniger als eine neue Weltwirtschaftsordnung, die nicht mehr auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht, sondern auf ökologischem Bewusstsein und sozialer Gerechtigkeit. Peter Sutter, Buchs SG Selbstanstellung statt Anstellung. Obwohl der Kapitalismus viele grosse Probleme aufweist, wird argumentiert, dass die Alternative «Planwirtschaft» Ineffizienz, Totalitarismus und den Gulag erzeugt. Eine andere Interpretation des Kapitalismus bietet der Ökonom David Ellerman, der mehrere Jahre in der Weltbank unter Joseph Stiglitz gearbeitet hat und – wie Hans Kissling – für Genossenschaften beziehungsweise kollektive demokratische Selbstanstellung plädiert. Ellerman definiert das Anstellungsverhältnis als das zentrale Merkmal und Problem des Kapitalismus. Im Anstellungsverhältnis wird die Arbeitskraft verkauft, und die Fähigkeiten werden zum temporären Besitz des Arbeitgebers. Aber im Gegensatz zu anderen Gegenständen des Besitzes können die Fähigkeiten der Arbeitskraft nicht von der Person getrennt werden; d. h. die ganze Person muss arbeiten, und die ganze Person wird durch den Vertrag zum temporalen Besitz des Arbeitgebers. Das Anstellungsverhältnis ist dementsprechend ein Verhältnis der Unterordnung und der Machtasymmetrie. Dieses Anstellungsverhältnis verletzt und untergräbt das unveräusserliche Freiheitsrecht des Individuums und die De-facto-Verantwortung und Haftbarkeit des Individuums in einer demokratischen Gesellschaft. Das Problem des Kapitalismus lässt sich nur lösen, indem man das Anstellungsverhältnis umkehrt: Nicht das Kapital mietet die Arbeitskraft, sondern die Arbeiter mieten das Kapital und die Produktionsmittel. Anhand des unveräusserlichen Freiheitsrechts des Individuums lässt sich nur die (kollektive, genossenschaftliche) Selbstanstellung in einer Demokratie überhaupt rechtfertigen. Vor allem mit der Umkehrung des Anstellungsverhältnisses und der Förderung der genossenschaftlichen und demokratischen Organisation der Arbeit und der «Produktion» lässt sich der Untergrabung der Freiheit (und der Gerechtigkeit) im Kapitalismus entgegenwirken. Lukas Peter, Aathal Das soziale Kapital. Der Artikel von Hans Kissling bringt die Fakten auf den Punkt: 1. Planwirtschaft und Staatseigentum haben im kommunistischen Osten, Nordkorea und Kuba versagt. 2. Globaler Habgier-Kapitalismus ist im Begriff, die Ressourcen und Lebensgrundlagen der Menschheit irreversibel zu zerstören. Eine fundamentale Alternative zur Behebung der gravierenden Missstände des globalen Kapitalismus wird sicher der demokratisch organisierte, effiziente Genossenschaftsbetrieb sein. Es liegt doch auf der Hand, dass die Interessen der Aktionäre eines Privatbetriebes nach Profit und die Bedürfnisse der Öffentlichkeit nicht deckungsgleich sind. Dass mächtige Kooperationsbetriebe auch in der Schweiz mit Erfolg nachhaltig wirtschaften, zeigen Beispiele wie Migros und Coop. Das pragmatische Engagement von Pionier Duttweiler, sein Credo für eine Wirtschaftsform auf Basis des «sozialen Kapitals» beweisen die Synergie der Vorteile von Kapitalismus und Sozialismus. Gerechte Teilnahme an den Früchten der Arbeit aufgrund der individuellen Leistung ist das Motto für eine demokratische Gesellschaft. Für die existenzielle Entwicklung der Menschheit stellt sich die Frage, ob das Gemeinwohl der Mehrheit oder die Interessen einer Minderheit die politische und wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft determiniert. Waldemar Santi, Uitikon Kapitalismus ist ein Kultursystem. Nein, der Kapitalismus ist kein Wirtschafts-, sondern ein umfassendes Kultursystem. Mehr, er ist das heutige Weltsystem. Für dieses System ist nicht die Besitzform prägend, sondern der Zwang, aus Geld alias Kapital mehr Geld zu machen. Dieses System funktioniert nur unter einigen recht spezifischen Bedingungen. So muss die Warenförmigkeit von Natur und Menschen gegeben sein: Natur muss frei veräusserlicher Besitz werden, und Menschen müssen «frei» sein, sich als Arbeiter zu verkaufen (oder als Unternehmer tätig zu werden). Ein starker Staat garantiert Besitz und Recht und sorgt für die nötige Infrastruktur. Konkurrenz, vermittelt über fortfahrend erhöhte Produktivität, zwingt Individuen wie Betriebe zu dauernden Anpassungsleistungen. Diese Vorgaben scheinen uns nur deshalb so selbstverständlich, weil sie sich mittlerweile fast überall in der Welt durchgesetzt haben. Unternehmen in Staats- oder Gemeinbesitz benehmen sich im Übrigen nicht weniger kapitalistisch als solche in Privatbesitz. Selbst dort, wo der Staat Unternehmen subventioniert, erzwingt der Kostendruck fortlaufende Rationalisierungen. Arbeitsverhältnisse in Genossenschaften wie Migros oder Coop oder in Staatsbetrieben wie den SBB sind deshalb kaum angenehmer als solche in der Privatwirtschaft. Die Illusion, den Kapitalismus mittels einer blossen Änderung der Besitzverhältnisse zu überwinden, sollte nach dem Untergang des staatskapitalistischen «Realsozialismus» ein für allemal erledigt sein. Aber Totgesagte leben offensichtlich länger. Ueli Bänziger, Zürich «Unternehmen in Staats- oder Gemeinbesitz benehmen sich nicht weniger kapitalistischals solchein Privatbesitz. Können Genossenschaften wie Migros und Coop die Dominanz des Kapitalismus brechen?Foto: Nicola Pitaro

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