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Eine Stadt verliert ihre Chronistin

Ortshistoriker sind oft wunderliche Menschen, die sich mehr für die Vergangenheit ihres Dorfes als für ihr eigenes Ansehen interessieren. Eine von ihnen war die Schlieremerin Ursula Fortuna.Von Helene Arnet

Schlieren – Die Parlamentssitzung in Schlieren war am Montagabend wie immer. Im Salmensaal war es kühl, es wurde viel gesagt, was nicht nötig gewesen wäre, und manches nicht gesagt, was nötig gewesen wäre. Und doch war alles ganz anders. Ganz aussen links in den Zuschauerreihen fehlte die schlanke, unauffällige Frau mit kurzen, grauen Haaren, die interessierter zuhörte als die meisten Ratsmitglieder: Ursula Fortuna. Aus freien Stücken sass sie dort, aus reinem Interesse oder aus wissenschaftlichem Pflichtgefühl. Seit Jahrzehnten protokollierte sie ohne offiziellen Auftrag für die Ortsgeschichte alle wichtigen Entschlüsse des Parlaments in sachlichem Ton, in leicht altertümlicher Sprache und auf ihrer Hermes-Schreibmaschine zu Hause sauber abgetippt. Stiller Zaungast Ursula Fortuna ist Mitte Februar 80-jährig gestorben. So unauffällig und still, wie sie ihr Leben verbracht hat. Sie war ein Musterbeispiel der Spezies Ortshistoriker, jener meist unauffälligen, manchmal etwas wunderlichen Frauen und Männer, welchen viele Gemeinden ihre Geschichte verdanken. Sie werden zuweilen belächelt, selten ausgezeichnet, fast nie bezahlt für ihre Arbeit. Ursula Fortuna sass nicht nur jahrzehntelang als stiller Zaungast in jeder Schlieremer Parlamentssitzung, sie hatte auch einen Stammplatz im Staatsarchiv Zürich, der ausser sonntags keinen Morgen leer blieb. Kam eine Studentin mit einer krakeligen Sütterlin-Handschrift nicht zurecht, verwies das Personal sie zuweilen an die Frau im hinteren Teil des Lesesaals, die hilfsbereit und fliessend vorlas, was dastand. Danach lächelte sie der Studentin kurz zu, wenn sie sich trafen. Ursula Fortuna war 64 Jahre alt, als sie ihr Geschichtsstudium mit einer Dissertation abschloss. Wie seltsam, dass diese Frau, welche 1931 in Köln geboren wurde und wahrscheinlich in den Kriegswirren in die Schweiz gekommen war, sich ausgerechnet Schlieren zum Studienobjekt wählte. In ihrer hochdeutsch gefärbten Mundart erzählte sie Interessierten bis ins Detail, wie Schlieren früher aussah. Auf Karteikärtchen hatte sie alles minutiös vermerkt, was sie über die alten Häuser zusammengetragen hatte. Zürcher Bauernhäuser waren ihr eigentliches Fachgebiet. 2008 verlieh ihr der Zürcher Heimatschutz einen Preis für ihr Lebenswerk, was sie zweifellos freute, aber ihr auch sichtlich unangenehm war. Ging es doch um sie statt um die Geschichte. Bescheidenheit hiess in ihrem Fall aber nicht Schüchternheit. In Sachthemen vertrat sie ihren Standpunkt beharrlich, lümmelhaften Velofahrern konnte sie höflich, aber gehörig die Leviten lesen. In ihrer kleinen Wohnung in einem höchst gewöhnlichen Schlieremer Mehrfamilienhaus nahmen die Karteikästen und Ordner den allergrössten Teil des Raums ein. Nur eine Wanderausrüstung wies darauf hin, dass Ursula Fortuna noch ein anderes Leben hatte. Wer sich für die Vergangenheit eines Gebäudes interessierte, bekam im Handumdrehen Auskunft. Vieles hatte sie im Kopf, das andere stand auf den Kärtchen, welche sie fast blindlings aus einem der Schränke zog. Wer mit ihr durch Schlieren spazierte, lernte Häuser und Menschen kennen, die schon lange nicht mehr leben. Sie war präzis, nie schwärmerisch, manchmal verärgert über eine Geringschätzung historischer Werte. Wer Schlieren durch ihre Augen gesehen hat, wird nie mehr von einer gesichtslosen Agglomerationsstadt sprechen. Und deshalb sitzt für meine Augen für immer und ewig ganz links aussen in den Zuschauerreihen des Schlieremer Parlaments Ursula Fortuna. Ursula Fortuna hielt die Geschichten der alten Häuser und der Menschen von Schlieren fest. Sie war ein Zaungast im Stadtparlament.Foto: Doris Fanconi

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