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Eine neue Erfahrung

Das Frauen-Spitzenteam des UHC Dietlikon ist im Umbruch. Benjamin Cernela trat in die riesigen Fussstapfen von Cheftrainer Marco Moser, schlug in der Saisonvorbereitung aber bereits eigene Wege ein. Als Spieler war seine Anlaufzeit länger.

Von Deborah Bucher, Dietlikon Bei einer Auslegeordnung in der letzten Weihnachtspause hat sich eine Tendenz abgezeichnet. Hinter Benjamin Cernela lagen damals zehn intensive Saisons im Unihockeysport – die vergangenen zwei als Assistenzcoach der Dietlikerinnen in der höchsten nationalen Liga SML. Das Hobby, in seinem Fall eher eine Herzensangelegenheit, war sehr einnehmend. «Deshalb konnte ich mir vorstellen, vorläufig damit auszusetzen», drückt sich der 32-Jährige heute vorsichtig aus. Cernela rang mit sich. Denn wenn er über die Faszination berichtet, die die «Jagd nach dem kleinen Bällchen» für ihn ausübt, gerät er ins Schwärmen. Sobald er als Aktiver auf dem Feld stand, spürte er pure Lebensfreude, ein Gefühl von Freiheit. Als der Flügelstürmer im reifen Sportleralter zwischen 2006 und 2008 für zwei Jahre vom Spitzenklub in seiner Heimat, von Alligator Malans, verpflichtet wurde, erfüllte sich für ihn ein Bubentraum. Mit diesem Zugang zum Sport wirkt für ihn befremdend, wenn junge Spieler nur widerwillig ins Training kommen und sich in ihrer Entwicklung von allem Möglichen ablenken lassen. Nicht abgelenkt, sondern neu inspiriert hat Cernela zu Jahresbeginn ein Angebot seines Vereins. Als Nachfolger von Marco Moser, in der Hüenerweid fast schon eine Institution an der Bande, sollte er zum Cheftrainer aufsteigen. Er liebäugelte mit der neuen Verantwortung, in der er künftig ganz anders Einfluss auf das Team nehmen kann und blendete die Rücktrittsgedanken aus. Dieser Sinneswandel stellte den gebürtigen Bündner mit slowenischen Wurzeln längst nicht nur vor sportliche Herausforderungen. Denn mitten in die Saisonvorbereitung fiel die Planung seiner Hochzeit. Am 10. Juli heiratete er Nicole Giezendanner, ebenfalls Mitglied der UHC-Familie und frühere Nationaltorhüterin. Kurz darauf fand in Slowenien, wo seine Eltern und sein älterer Bruder seit 2007 wieder leben, eine zweite Trauung statt. Erst am Mittwochnachmittag kehrte das Paar von seinen abgespeckten Flitterwochen zurück, die es auf Santorini verbracht hatte. Cernela folgt in Dietlikon auf die Ära Marco Moser. Dieser hat mit elf Jahren nicht nur ungewöhnlich lang, sondern mit der Ausbeute von zwei Europacup-Triumphen, fünf Meistertiteln und vier Cupsiegen auch ausserordentlich nachhaltig gewirkt. Sein Leistungsausweis beeindruckt den Neuling, und er weiss, dass er daran gemessen wird. Gleichwohl stellt er in Abrede, ein schweres Erbe anzutreten. «Ich setze mich nicht gross mit der Vergangenheit auseinander. Zudem musste Marco ohne Titel abtreten, was mir den Druck etwas nimmt.» Vielmehr möchte er den Umbruch vorantreiben, der sich auch im Abgang mehrerer Spielerinnen und in einem Generationenwechsel manifestiert hat. Ein schlechtes Beispiel Cernela hat in den letzten beiden Jahren unter Moser viel und vor allem Wertvolles gelernt. Entscheidend waren die kommunikativen Fähigkeiten, die er sich aneignen musste. Denn das Umfeld, in dem er sich bewegt, sei hoch emotional, Qualitäten als «Frauenversteher» entsprechend gefragt. «Da herrschen in einem Männerteam deutlich rauere Sitten.» Daneben ist es ihm ein Anliegen, dass er eigene Ideen einfliessen und sich von seinem Vorgänger abgrenzen kann. Seine neuen Impulse seien bereits spürbar, bestätigt die langjährige Leistungsträgerin Daniela Morf. «Beni konnte eine positive Veränderung bewirken, lehrt uns ein anderes Spielsystem und hat mit einer individuellen Mentalität den Teamgeist gestärkt», beteuert der Captain. Cernela, der als überlegter Typ gilt, möchte seinen Spielerinnen künftig mehr Verantwortung übertragen. «Ich will ihnen lediglich die Leitplanken setzen und sie viel mehr zum Mitdenken animieren», erläutert er. Als Autodidakt im Trainermetier beruft sich der IT-Supporter auf seine praktischen Erfahrungen, die er spät gesammelt hat. Deshalb sagt er: «Mein Beispiel würde im heutigen Frauen-Spitzenunihockey nicht mehr Schule machen.» Denn er trat erst mit 16 Jahren einem Klub bei und schnupperte bei Davos in der 1. Liga und NLB. Wirklich lanciert hat er seine Karriere im Jahr 2002, als er vom Prättigau nach Zürich zog und über den Umweg Dietlikon bei den Kloten Jets, GC und Malans sieben NLA-Saisons bestritt. Mit Slowenien spielte er zudem 2006 in Schweden an der B-WM. Mit dem heutigen Startspiel im Oberland beginnt nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Mannschaft eine neue Zeitrechnung. Cernela, der am liebsten schon aufs internationale Parkett schielt und sich einen Plan zurechtlegt, wie die Schweiz wieder an das höchste Niveau heranzuführen ist, wird sich in Geduld üben müssen. «Denn wir machen beidseits eine neue Erfahrung.» Zeit gibt er sich und vor allem den vielen Verletzten bis zur Weihnachtspause. Dann macht er wieder eine Auslegeordnung, in der es aber nur darum geht, die nächste Phase nach dem Lernprozess einzuläuten. Dietlikons Trainer Benjamin Cernela greift zu neuen Methoden. Foto: David Baer

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