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«Eine Grossmutter würde ich noch spielen»

Gertrud Murbach (87) ist seit 60 Jahren Aktivmitglied des Dramatischen Vereins Männedorf. Diese Woche wird sie dafür geehrt.

Mit Gertrud Murbachsprach Eva Robmann Seit Jahrzehnten machen Sie beim Dramatischen Verein Männedorf mit. Was fasziniert Sie am Theaterspielen? Meine letzte Rolle ist schon einige Jahre her. Aber ich schlüpfe gerne in eine fremde Haut. Es ist eine grosse Herausforderung, sich in eine andere Person hineinzuversetzen, um sie überzeugend spielen zu können. Das hat mich immer gereizt. Da haben Sie ja einiges gemeinsam mit den Hollywood-Schauspielern, die kürzlich in Los Angeles über den roten Teppich schritten. Ah, nein, das ist eine andere Welt (lacht). Als Laiendarstellerin eines Dorftheaters fühlte ich mich immer in erster Linie dem Dorf verpflichtet. Man kennt viele Leute im Publikum und sieht sie später auf der Strasse wieder. Einmal habe ich eine Lehrerin Morgenrot gespielt. Einige Tage später hat ein Junge im Dorf dem andern aufgeregt zugerufen: «Schau, da kommt die Morgenrot.» Da hatte ich wohl eine strenge Lehrerin gemimt. Hatten Sie nie Lust, auch mal auf einer andern Bühne zu stehen? Sicher nicht. Das Schauspielern hatte für mich immer einen Zusammenhang mit dem Dorf, in dem ich lebte, mit dem ich mich verbunden fühlte. Ich finde ein Dorftheater sehr wichtig. Wieso ist ein Dorftheater wichtig? Es schafft Gemeinschaftssinn und stiftet Identität. Es gibt nur wenige Vereine, die Leute jeden Alters ansprechen und Verbundenheit schaffen. So eine Theateraufführung im Dorf verbindet. Die Regisseurin Elisabeth Beer beispielsweise schreibt die Stücke für die Theatergruppe Bergmeilen selber, inspiriert vom Leben in der Gemeinschaft. Das ist dann ein Stück aus dem eigenen Alltag für die Leute im Dorf. Und der Dramatische Verein Männedorf – füllt er die Säle bei seinen jährlichen Aufführungen? Ja, wir hatten stets sehr grossen Erfolg. Natürlich hatte ein Dorftheater vor Jahrzehnten einen grösseren Stellenwert als heute. Damals gab es nicht so viele Angebote zur Unterhaltung. Dennoch füllt der Verein mit seinen Aufführungen weiterhin den Saal mit Leuten jeden Alters. Wieso führen viele Laienbühnen meistens Komödien auf? Die Menschen haben gerne etwas zu lachen. Im Alltag gibt es schon genügend Probleme. Diese vergisst man einen Abend lang gerne, speziell mit einem Stück wie im letzten Jahr: «Drei Männer im Schnee» von Erich Kästner. Wie sind Sie zum Theater gekommen? Das war Zufall. Mit 18 hat man mich angefragt, ob ich bei einem Stück des Dramatischen Vereins aushelfen würde. Ich war gerade nach Männedorf gezogen. Es war nur eine kleine Rolle: Ich musste so tun, als würde ich einen Baum pflanzen. Mitglied des Vereins bin ich aber erst kurz vor meiner Hochzeit geworden: mit 27. Besuchten Sie auch das Stadttheater, um zu schauen, wie Profis spielen? Ach, das war zu teuer und hat mich eigentlich auch nicht gereizt. Dabei hätte ich gerne mal ernste Rollen gespielt, was beim Laientheater kaum möglich ist. Aber das Profi-Theater ist eine andere Welt. Doch mein Mann und ich haben oft andere Volksbühnen besucht. Mitte März wollen wir die Theatergruppe Bergmeilen besuchen. «Im sibete Himmel» heisst das Stück. Die Seniorenbühne Zürich lassen wir uns nicht entgehen. Sie haben selber viele Rollen gespielt. Waren Sie auch mal Souffleuse? Nein, in diesen Kasten wollte ich nie (lacht). Ich habe es auf der Bühne genossen, sogar noch lange nach 60. Natürlich habe ich beim Dramatischen Verein auch anders mitgeholfen. Für Gottfried Kellers «Kleider machen Leute» habe ich 1978 sogar die Kleider selber genäht. Schliesslich habe ich einst Damenschneiderin gelernt, bevor ich in den kaufmännischen Bereich wechselte. Und einmal habe ich das Schminken übernommen. Heute schenke ich nach einer Aufführung am Buffet auch mal Kaffee aus. Sie haben 60 Jahre lang für den Verein Gratisarbeit geleistet. Fühlten Sie sich in all den Jahren nie ausgenutzt? Im Gegenteil. Ich habe sehr viel zurückbekommen. Nur schon die jahrzehntelangen Freundschaften. Man freut sich jedes Mal, die Leute wieder zu einem Schwatz zu treffen. Und beim Theaterspielen hat man es ja oft sehr lustig. Man spürt, dass man dazugehört. Ein guter Theaterverein hat deshalb auch in der heutigen Zeit keine Mühe, Freiwillige zum Mitmachen zu finden. Dies, obwohl die Jungen heutzutage viel weniger bereit sind, sich für Freiwilligenarbeit verpflichten zu lassen. Aber 60 Jahre werden die Jungen wohl nicht beim Verein bleiben. Nein, die Ausdauer meiner Generation haben sie wohl kaum mehr. Würden Sie auch heute, mit 87, noch gerne auf der Bühne stehen? Ach, eine alte Grossmutter würde ich schon noch spielen (lacht). Wer einmal Bühnenluft genossen hat, tut dies ein Leben lang. 60 Jahre ist Gertrud Murbach (87) Aktivmitglied des Dramatischen Vereins Männedorf, seit 20 Jahren ist sie Ehrenmitglied. Die Damenschneiderin und Kauffrau lebt seit 30 Jahren mit ihrem Mann in Meilen. Sie ist in der Ostschweiz aufgewachsen und mit 17 nach Männedorf gezogen. Am 5. Mai feierten die Murbachs die diamantene Hochzeit. Sie haben zwei Kinder und drei Enkelkinder.(ero) Ein Leben fürs Laientheater: Gertrud Murbach.Foto: Manuela Matt

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