Zum Hauptinhalt springen

Eine ganz normale Frau

Wegen einer Borderlinestörung war Bettina Werder jahrelang im Sanatorium Kilchberg in Behandlung. Heute leitet sie dort selbst eine Therapiegruppe. Die Geschichte einer Rückkehr.

Von Thomas Wyss Manchmal klingt das Aussergewöhnliche banal. So auch bei Bettina Werder, als sie sagt: «Ach ja, und im nächsten Jahr mache ich noch eine Weiterbildung im Managementbereich.» Eine Weiterbildung im Managementbereich, das ist doch völlig normal, wird man jetzt denken, das macht doch fast jeder. Mag sein. Aber in Bettina Werders Leben galten seit 1999 und der Geburt ihres zweiten Kindes andere Normen. Das, was alle Mütter durchmachen &endash mitten in der Nacht aufstehen, weil das Baby oft schreit, die schwierige Organisation des Alltags, die Übermüdung &endash, löst bei der gesundheitlich bereits angeschlagenen jungen Frau so immensen Stress aus, dass sie diesen nicht mehr abbauen kann. Sie fühlt sich wie ein unter Überdruck stehender Dampfkochtopf ohne Ventil. Kontinuierlich verliert sie die Kontrolle über sich und ihre Situation: Läuft einfach weg, beginnt sich mit Scheren zu verletzen, erst leicht, bald immer schwerer (das fliessende Blut, sagt sie, habe ihr absurderweise eine Art Linderung verschafft). Nach einer solchen Selbstverletzung wird sie ins Sanatorium Kilchberg eingeliefert &endash und erhält dort die Diagnose «Borderlinestörung». Eine erste Reaktion darauf ist Erleichterung, weil sie weiss, dass das, was sie durchlebt, einen Namen hat. Es gab keine Hoffnung mehr Sie erzählt ruhig, offen und sachlich. Manchmal sucht sie nach den passenden Worten, um das Unbeschreibliche doch irgendwie zu beschreiben &endash und endet letztlich doch wieder bei der Formulierung: «Es war so krass, man kann sich das als Aussenstehender echt nicht vorstellen.» Am extremsten, sagt sie, sei es aber für jene gewesen, die eben nicht aussen standen, sondern ganz nah dabei waren: ihre Kinder, ihr Ehemann, ihre Familie, ihre Freunde. Insgesamt fünf Jahre lang ist sie in intensiver Behandlung. Manchmal, wenn es ihr besser geht, lebt sie zu Hause, bei ihrer Familie. Doch dann kommen die Rückfälle, wird es Nacht, folgen massive Selbstverletzungen, gar Suizidversuche. Wieder und wieder wird sie eingewiesen, oft mehrere Wochen lang stationär behandelt: mit Therapien, Medikamenten. «In der akutesten Phase der Krankheit wurde mein Zustand als derart hoffnungslos eingestuft, dass man den Glauben an meine Gesundung aufgab, das weiss ich heute», sagt sie. Hinzu kommt die gesellschaftliche Stigmatisierung des Borderlinesyndroms, die zur Folge hat, dass sie sich immer mehr für ihre Krankheit schämt, sich verschliesst, sich bald gar nicht mehr getraut, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Nach einem weiteren Klinikaufenthalt im Jahr 2004 die plötzliche Wende. Ins Detail gehen mag sie nicht, sagt aber, sie habe, motiviert durch einen Mitpatienten und eine ehemalige Lehrerin, plötzlich den Mut gehabt, sich eine eigene Wohnung zu nehmen, eine neue Aufgabe in ihrem angestammten Beruf als diplomierte Pflegefachfrau zu suchen &endash und um die «Rückkehr in ein ganz normales Leben» zu kämpfen. Sie ist noch derselbe Mensch Damit sie dieses Mammutprojekt in Angriff nehmen und zu Ende führen konnte, sagt die 38-Jährige, habe es die Liebe zu ihren Kindern und die Unterstützung der Freunde gebraucht; ebenso bedurfte es einer Alltagsstruktur, die ihr vor allem der Job vorgab. Und &endash mindestens vorübergehend &endash eine gesprächs- und körpertherapeutische Unterstützung. «Normalität bedeutet ja nicht, dass alles super läuft.» Es habe seither immer wieder traurige Momente und Stresssituationen gegeben, sie sei ja kein anderer Mensch als vorher, «doch ich habe gelernt, darauf zu reagieren und damit umzugehen». Um Druck zu verarbeiten, beginnt sie zu joggen, um intensive Gefühle auszuleben, geht sie tanzen, auch trifft sie sich häufig mit neuen Kolleginnen und Kollegen. Die Basis für all das sei gewesen, so Werder, dass sie dank der Therapie ein liebevolles Verständnis für sich selbst entwickelt habe und sich habe vergeben können. Und, das sei ihr sehr wichtig, sie habe in Gott einen Gesprächspartner gefunden, «einen guten Freund, dem ich alles erzähle, Lustiges wie Trauriges». Sie lehnt sich zurück und lacht. Es ist ein befreites Lachen, das wortlos sagt: «Hey, ich bin wieder ein ganz normaler Mensch mit einem stinknormalen Leben.» Ein Teil dieses neuen Lebens ist, dass sie von ihrem Mann geschieden ist, dass er das Sorgerecht für die Kinder hat, sie aber regelmässig Zeit mit ihnen verbringt. Ein anderer Teil ist, dass sie psychisch kranken Menschen Mut machen und helfen will; nicht durch ein Patentrezept, «so etwas gibt es nicht, aber es existiert für alle ein Weg, auf dem sie es schaffen können».Ein Programm, das sich genau diesem Thema verschrieben hat, ist Recovery der Stiftung Pro Mente Sana (siehe unten). Das Credo des Programms: Es gibt weder hoffnungslose Fälle, noch reicht es, allein die Krankheitssymptome zum Verschwinden zu bringen. Ziel ist eine Gesundung, welche die Rückkehr in den Alltag ermöglicht. Als Bettina Werder davon hört, meldet sie sich, lässt sich schulen, nimmt an Podien teil, wirkt bei einem Aufklärungsfilm mit. Doch sie will noch mehr machen, noch aktiver helfen, am liebsten da, wo auch ihr geholfen wurde: im Sanatorium Kilchberg. Erfahrung als Patientin genutzt Wie es der Zufall will, sucht Gianfranco Zuaboni, der Leiter der Pflegeentwicklung in Kilchberg, für ein Forschungsprojekt eine Person, die über Erfahrung als Patientin oder Patient in der Psychiatrie verfügt und bereit ist, selbst eine Patientengruppe zu leiten. Das ist Mitte 2009. Zuabonis Idee basiert auf Modellen aus dem angelsächsischen Raum, die dort schon länger und sehr erfolgreich angewendet werden: Man hat nämlich festgestellt, dass Ex-Patienten nicht nur viel genauer wissen, wie man sich in einer Klinik fühlt &endash die Betroffenen bringen ihnen oft auch mehr Zutrauen entgegen als dem Fachpersonal. Ziel der Kliniken ist es letztlich, die Versorgung zu verbessern und den Aufenthalt der Patienten angenehmer und zielführender zugleich zu gestalten. Bettina Werder sagt zu und leitet schon bald erste Gruppengespräche mit Akutpatienten. Diese schildern ihr Befinden, ihre Wünsche und Sorgen. «Als Einstieg erzählte ich meine eigene Geschichte, das schaffte Vertrauen, machte ihnen aber auch Hoffnung und Mut, es ebenfalls zu packen», so Werder. Die Gespräche werden protokolliert, anonym, um niemanden zu exponieren. Die anfängliche Skepsis des Betreuungsteams gegenüber Werders Einsatz ist rasch verflogen, und nach positiver Auswertung der sechsmonatigen Versuchsphase erhält sie eine fixe Anstellung. Seither leitet sie einmal pro Monat als Betroffenenvertreterin und, wie Zuaboni betont, «wie ein Profi» eine solche Runde.Auf die Frage, ob das nicht etwas wenig sei, reagiert sie mit gespielter Empörung, sie arbeite 80 Prozent als stellvertretende Stationsleiterin in einem Alterswohnheim, mehr liege wirklich nicht drin. «Ach ja, und im nächsten Jahr mache ich noch eine Weiterbildung im Managementbereich.» Als wärs die normalste Sache der Welt. «Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich.» «Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich.» Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) «In der akutesten Krankheitsphase wurde mein Zustand als hoffnungslos eingestuft», sagt Bettina Werder. Foto: Nicola Pitaro

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch