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Ein pointierter Rechter, der die Meinungsvielfalt förderte

Hans Ulrich Graf war Verleger und Chefredaktor des «Neuen Bülacher Tagblatts». Am Dienstag ist der engagierte Zeitungsmann verstorben.

Von Fahrettin Calislar und Andrea Söldi Bülach – Im Alter von 88 Jahren ist Hans UIrich Graf am 5. Oktober verstorben. Das Bülacher Urgestein, Ex-Verleger des «Neuen Bülacher Tagblatts» (NBT) und Nationalrat, hinterlässt eine weitverzweigte Familie. Heimatberechtigt war Graf in Oberembrach. Als Verleger und Redaktor hat er die Presselandschaft im Zürcher Unterland geprägt. Sein Vater Karl besass die Wochenzeitung «Bülach-Dielsdorfer Volksfreund» und führte eine Druckerei. Graf studierte in den 1940er-Jahren Rechtswissenschaft und erwarb 1950 den Doktortitel. Im selben Jahr übernahm er die Zeitung seines Vaters, die er kurz danach in «Neues Bülacher Tagblatt» umbenannte und zur Tageszeitung machte. Seine politischen Wurzeln hatte Graf im Zürcher Rechtsfreisinn, später wechselte er zu den rechtsradikalen Republikanern von James Schwarzenbach, dem Vater der Überfremdungs-Initiative. Für diese Partei wurde er 1971 in den Nationalrat gewählt. 1978 trat er zur SVP über, für die er bis 1991 im Parlament sass. Sein Schwerpunkt: Sicherheitspolitik. Feindbild der Linken Graf galt als eines der prominentesten Feindbilder linker Politiker und Journalisten. Der Anschlag auf die Räume des Verlags in Bülach am 13. November 1995 wurde linksgerichteten Aktivisten angelastet, doch die Täter konnten zu Grafs Erbitterung nicht ermittelt werden. Sie bezeichneten sich in einem Bekennerschreiben als «Initiativkreis für mehr Nestwärme in SVP-Stuben». Der Brand verursachte einen Schaden von 3,5 Millionen Franken. Ihm folgte kurz danach ein zweiter und kleinerer, allerdings nicht politisch motivierter Anschlag auf die provisorischen Räume des NBT. Die Zeitung erschien während dieser Zeit ohne Unterbruch. Graf kritisierte die Zürcher Justiz in der Folge scharf und warf ihr Verschleppung des Falls und den Richtern Unfähigkeit vor. Hans Ulrich Graf gehörte auch zu den Mitbegründern der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns). Der «Schweizerzeit»-Patron und SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer war einer seiner wichtigsten politischen Weggefährten. Seinen letzten grösseren politischen Kampf führte Graf gegen die Armeereform XXI im Jahr 2003. Mit seinen Freunden sammelte er Unterschriften für eine Beibehaltung der «alten» Armeestruktur. Nach 50 Jahren als Verleger und Chefredaktor übergab Graf 2001 die Leitung seinen beiden Neffen. Das NBT war eines der führenden Blätter der rechtsgerichteten Presse in der Schweiz geworden. Graf blieb dennoch präsent in der Redaktion an der Bülacher Bahnhofstrasse. 2006 ging das NBT im «Zürcher Unterländer» (ZU) auf, mit dem sich Graf lange einen medialen Konkurrenzkampf geliefert hatte. Der ZU wiederum wurde kürzlich von der Tamedia AG gekauft, der auch der «Tages-Anzeiger» gehört. Als Verleger eine Legende Der Medienfachmann Karl Lüönd bezeichnete Graf einmal seinem Spitznamen entsprechend als den «‹Sirach› aus Seldwyla, klein und ungebeugt», als einen Verleger wie aus einer anderen Zeit. Graf beackerte die Region auf der Suche nach neuen Abonnenten, besuchte Gemeinden mit schwacher Abdeckung und berichtete von dort. Beispielsweise aus Buchberg SH, das vor seinem Besuch NBT-Neuland war und danach zu einer NBT-Hochburg wurde. Graf ging von Tür zu Tür, um Leser zu werben, und machte aus der Lokalzeitung ein Blatt, das die nationale und globale Politik aus seiner rechtsbürgerlichen Position abbildete und kommentierte. Die Zeitung galt bis zur Übernahme 2006 als unabhängiger Fels in der Brandung der zunehmenden Medienmonopole. Trotz seiner eigenen pointierten politischen Ausrichtung habe der Chefredaktor in seiner Zeitung eine Kultur der Meinungsvielfalt gepflegt, sagt Lucia M. Eppmann, die 2001 nach Grafs Rücktritt seine Stellung einnahm. «Obwohl ich bereits langjährige Berufserfahrung hatte, war er mein Lehrmeister – streng, aber auch einfühlsam», sagt die heutige Chefredaktorin des Winterthurer «Stadtanzeigers» über ihren ehemaligen Vorgesetzten, für den sie grosse Hochachtung hat. «Ein Patron alter Schule, wie es heute kaum mehr einen gibt.» In seinem kleinen Büro habe er sämtliche Berichte auf einer klapprigen Schreibmaschine getippt, erinnert sie sich. «Ich empfinde eine tiefe Traurigkeit über seinen Tod.» Jakob Menzi, Bülacher Stadtpräsident von 1982 bis 1998, schätzte an Graf besonders, dass er die Anliegen der Region vertrat. Der SVP-Alt-Stadtrat beschreibt Graf als geradlinigen Redaktor, der auch unbequeme Themen aufgriff. «Er war ein Zeitungsmann von Format.» Sehr geschmerzt habe Graf die Zusammenlegung des NBT mit dem ZU sowie der kürzliche Aufkauf durch die Tamedia.

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